Ein Schweinestall in Niedersachsen.
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Ein Schweinestall in Niedersachsen.

Unter Tieren

Tomaten statt Schweine

  • vonHilal Sezgin
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Manche Bäuerinnen und Bauern mit Viehhaltung haben das Bedürfnis, umzusatteln. Hilal Sezgins Kolumne „Unter Tieren“.

Von „der größten Krise der Schweinehaltung seit Jahrzehnten“ sprach der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, vor zehn Tagen. Ausgelöst wurde diese Krise durch die inzwischen nach Deutschland vorgedrungene Afrikanische Schweinepest (ASP), die das Exportgeschäft beeinträchtigt, sowie durch die Corona-Pandemie, wegen der etliche Schlachthöfe eingeschränkt arbeiten und es einen „Überhang“ an Schweinen gibt. Und bereits am 9. Oktober hielt die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Renate Otte-Kinast eine emotionale, tränenreiche Rede, in der sie von verzweifelten Landwirten berichtete, die sie anriefen und teilweise androhten, ihre Schweine und sich umzubringen.

Bei mir als Veganerin lösen solche Meldungen ein Gefühlsdurcheinander aus, das sogar in diesem ohnehin chaotischen Corona-Jahr noch bemerkenswert ist. Zunächst einmal verwirrt es mich, dass anscheinend keiner, der in diesem Bereich arbeitet oder für die Regelung dieser Landwirtschaft zuständig ist, einmal auf den Umstand zu sprechen kommt, dass wir beide Seuchen – Corona und ASP – dem exzessiven, grenzenlosen und zahlenmäßig immer stärker ausufernden Zugriff der Menschen auf andere Tiere zu verdanken haben. Weil wir millionenfach Tiere einfangen oder züchten, auf engem Raum miteinander und mit uns einsperren und später schlachten, erleben wir eine Zoonose nach der anderen. Wenn eine Seuche ausbricht, werden rasch alle Individuen getötet (so wie derzeit in den dänischen und vor kurzem schon in den niederländischen Nerzfarmen), so dass wieder die Tiere die Leidtragenden sind. Dann fängt oder züchtet man neue Tiere, und die ganze Qual beginnt von vorne. Verwirrend in dem Zusammenhang auch, dass Schweinewirte damit „drohen“, ihre Schweine umzubringen – denn genau das haben sie ja ohnehin vor. Normalerweise nennt man es allerdings „schlachten“, aber für die Schweine macht dies ja keinen Unterschied.

Doch vielleicht verbietet sich ein solcher Hinweis als naseweis oder gar taktlos, denn Landwirte in suizidaler Stimmung verdienen Hilfe und keine Häme. Und so erfordert die Vision einer Gesellschaft, die gerecht oder gar fürsorglich zu (allen) Menschen und (allen) Tieren ist, auch praktische Ideen, wie diejenigen, die derzeit noch von Qual und Tötung von Tieren leben, auf andere Weise wirtschaften können. Nun gibt es zwar seelsorgerische Telefonangebote speziell für Landwirte und ihre Familien; aber es existieren keine Angebote für eine langfristige Umstellung der Betriebe über die erste seelische Not hinaus. Anders als in den Niederlanden, wo die Regierung aus ökologischen Gründen ein 180 Millionen Euro starkes Ausstiegsprogramm für Schweinemäster aufgelegt hat (und wo sich bereits im Januar 2020 statt der erwarteten 300 Landwirte 500 interessiert gezeigt haben), scheint in Deutschland niemand ein solches Programm auch nur zu erwägen.

In der Schweiz wiederum berät Sarah Heiligtag vom Lebenshof „Hof Narr“ ehrenamtlich Landwirte, die die Tierhaltung beenden wollen. Dabei stellt sich zunächst die Frage, ob der Hof zumindest einige Tiere im Sinne eines Gnaden- oder Lebenshofs behalten möchte oder nicht; falls ja, werden Patenschaften und Ähnliches organisiert. Ansonsten heißt es, so Heiligtag, je nach Situation von Mensch, Tier und Land „kreativ“ zu werden. So hat sie schon den Umbau zu einer Pilzkulturanlage, einer Tomatenhalle mit mehr als 40 Sorten und für Schulprojekte zur Geschichte der Landwirtschaft betreut.

Mit Schweinemästern hatte Heiligtag bisher drei Mal zu tun. Einmal wurde alles Land verkauft und aus dem einstigen Betrieb eine „Kulturfabrik“ geschaffen. Ein zweiter Landwirt hatte sich nach dem letzten Abtransport der Schweine für den Ausstieg entschieden und baut auf seinen Feldern statt Mastfutter nunmehr Kartoffeln und Mais für den menschlichen Verzehr an. Im dritten Fall haben die Landwirte zwei Schweine symbolisch sowie ihre einstigen Milchkühe gerettet und bauen nun Hafer an.

Wäre das nicht eine Alternative dazu, immer weiter Subventionen in eine Form von Landwirtschaft zu pumpen, die Zoonosen ausbrütet, Tiere dahinschlachtet, Böden auslaugt und Grundwasser belastet – und die dort arbeitenden Menschen ans Ende ihrer Kräfte bringt? Nicht wenige Landwirte übrigens, die Heiligtag begleitet hat, hätten ihr erfreut mitgeteilt, dass „weniger Geld in Alkohol, Ablenkung oder Psychiater fließt“, weil sie nach der Umstellung glücklicher sind.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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