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Tom Holland: „Es ist die größte Geschichte aller Zeiten“

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Von: Michael Hesse

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Der christliche Universalismus fand seine Grenzen bei Andersdenkenden: Der Heilige Mercurius konvertierte zum Christentum und bekämpft hier die Parther.
Der christliche Universalismus fand seine Grenzen bei Andersdenkenden: Der Heilige Mercurius konvertierte zum Christentum und bekämpft hier die Parther. © IMAGO/Panthermedia

Historiker Tom Holland hat die Wurzeln des Westens gesucht und sie im Christentum gefunden. Wir leben immer noch in einer christlichen Welt, auch in Europa, sagt er.

Tom Holland, der Westen war mächtig, vielleicht ist er es noch. Viele Historiker und Historikerinnen haben sich gefragt, warum das so war. Sie tippen auf das Christentum. Warum? Sind Sie so christlich?

Ich wurde zumindest als Christ großgezogen. Ich ging zur Sonntagsschule. Meine Mutter nahm mich jeden Sonntag mit in die Kirche, abends habe ich als Junge andächtig meine Gebete gesprochen. Bei all dem war ich vor allem an den Griechen und den Römern interessiert. Es waren nicht die Kinder Israels, die mich faszinierten, eher ihre Gegner, Ägypter, Assyrer und Römer.

Warum war das so? Die griechischen Götter waren einfach sexyer und charismatischer als der christliche Gott. Und ich fand ganz grundsätzlich die Römer cooler als mich selbst. Ich entwickelte eine regelrechte Besessenheit, was die antiken Imperien anging. Also schrieb ich Geschichte vor allem über meine Favoriten und das, was mich brennend interessiert hat: die klassische Welt. Meine ersten Bücher handelten von dem, was mich als Kind immer am meisten interessiert hatte: die persischen Invasionen in Griechenland und die letzten Jahrzehnte der römischen Republik.

Wie kam es dann zu dem Interesse am Christentum?

Die Erfahrung, sich in die Köpfe der Griechen und Römer hineinzuversetzen, führten mich zugleich tief in die christlichen Voraussetzungen ein. Ich schrieb im Englischen, einer Sprache, die in ihrem Wortschatz viele christliche Voraussetzungen besitzt. Es gibt so viele Wörter, die ich nie benutzen konnte, um die römische Welt zu beschreiben, weil sie importiert oder anachronistisch sind. Ich musste die Dinge anders sagen. Aber auch das war schief. Daher versuchte ich, dieses Buch als eine Art Medizin für mich zu schreiben, als Vergrößerung, dass ich die Dinge falsch verstanden hatte und nun versuchen wollte, zu sehen, wohin mich das führen könnte. Es geht, kurz gesagt, um die größte Geschichte aller Zeiten.

Was ist das Vermächtnis der klassischen Welt für uns?

Das ist sicher der Glaube, er ist das nachhaltigste Vermächtnis der Antike. Er wurde aus einer gewaltigen Synthese von Traditionen geformt, die aus dem Persischen, Griechischen, Römischen und Jüdischen stammen. Der Glaube hat den Zusammenbruch des Imperiums, in dem er entstanden ist, lange überlebt. Und so ist er das mächtigste aller hegemonialen kulturellen Systeme der Weltgeschichte geworden.

Was bedeutet das?

Wer in einem westlichen Land lebt, lebt in einer Gesellschaft, die nach wie vor mit christlichen Vorstellungen und Voraussetzungen durchsetzt ist. Wir leben doch in einer Zeit gewaltiger geopolitischer Verschiebungen. Und wir sehen mehr und mehr ein, dass unsere Werte nicht annähernd so universal sind, wie wir vielleicht meinen. Ganz im Gegenteil. Wir müssen anerkennen, wie kulturell kontingent unsere Werte sind. In den Gesellschaften nimmt die Religiosität zurzeit eher ab.

Nun ja, in der Welt gibt es rund zweieinhalb Milliarden Menschen, die sich zum Christentum bekennen. Auch in den USA ist das Christentum nach wie vor die dominante Strömung. Es ist im Vergleich zu den Göttern der alten Welt wie Zeus oder Osiris immer noch erfolgreich.

Obwohl die Kirchenbänke mittlerweile leer sind, ist der Westen nach wie vor fest in seiner christlichen Vergangenheit verankert?

Es geht gar nicht einmal darum, an die Geschichte Jesu zu glauben, den unglaublich großen Einfluss des Christentums kann man auch heute nicht ignorieren. Im Westen findet man überall die Spurenelemente des Christentums.

Zur Person

Tom Holland , geboren 1968, studierte in Cambridge und Oxford Geschichte. Der Autor und Journalist hat sich mit BBC-Sendungen über Herodot, Homer, Thukydides und Vergil einen Namen gemacht. Holland lebt mit Frau und zwei Kindern in London.

Aus seiner Feder stammen Bücher wie „Dynastie. Glanz und Elnd der römischen Kaiser von Augustus bis Nero“ oder „Im Schatten des Schwertes“. Zuletzt verfasste er: „Herrschaft. Die Entstehung des Westens.“ Alle Bücher sind bei Klett-Cotta erschienen.

Was war verantwortlich für die Entstehung des Westens? War es nur das Christentum oder gab es mehrere Faktoren?

Man muss sich vielleicht nur an die Debatte über die nicht verwendete Präambel erinnern, die am Anfang einer europäischen Verfassung stehen sollte. Dort wurde über die europäischen Werte gesprochen. Und die Leute sagten, Europa ist eine Idee, die aus der Zeit der Griechen und Römer und der Zeit der Aufklärung stamme. Aber da fehlte etwas. Lassen Sie mich raten … Natürlich gibt es viele Einflüsse, die auf europäische Zivilisationen ausgeübt worden sind. Der überwältigende Einfluss ging jedoch vom Christentum aus. Deswegen habe ich die Frage verfolgt, was das Christentum zur weltweit mächtigsten Revolution machen konnte. Und der Grund dafür ist der, dass der Westen in den vergangenen 200, 300 Jahren die größte hegemoniale zivilisatorische Kraft gewesen ist, das Christentum konnte so rund um die Welt exportiert werden. Vieles, was die Menschen im Westen als universell ansehen oder als menschliche Natur, sind in Wirklichkeit kulturelle Spannungsfelder, die durch spezifisch christliche Begriffe verbreitet wurden. Die Genialität des Abendlandes bestand darin, diese kulturell beschwerten Begriffen so einzurahmen, als hätten sie nichts zu tun mit dem kulturellen Aufstieg des Westens und damit des Christentums. Deshalb denke ich auch, dass der Rückzug der westlichen Politik, Ökonomie oder des Militärs einen Rückzug der kulturellen Macht darstellt, von Kategorien wie die Menschenrechte oder dem Begriff des Säkularen. Die Menschen im Westen denken immer, dass sie universal gültig wären, das sind sie aber nicht, wie es der Aufstieg der post-christlichen Welt nun demonstriert. Dennoch hat das Christentum auch etwas Ausschließendes. Ein tiefes Paradoxon ist Teil des Christentums. Auf der einen Seite ist es die am weitesten verbreitete universalistische Art zu erklären, was die Menschheit ausmacht. Das war so nie zuvor formuliert worden, die Idee aus der Genesis, dass alle Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen sind. Alle Menschen haben also diese unantastbare Würde. Es findet sich im Neuen Testament das berühmt-berüchtigte Diktum wieder, dass es weder Juden noch Griechen gibt, alle sind eins. Das ist im Wesentlichen das Ideal, das wir im westlichen Multikulturalismus innerhalb der Grenzen Europas und Nordamerikas voraussetzen. Aber es ist auch eine Art Traum von dem, was die Welt möglicherweise sein sollte. Im Sinne der Vereinten Nationen, dass wir alle eins sind trotz der Vielfältigkeit der Menschen. Das hat auch etwas Zersetzendes. Denn der Satz von Paulus, dass es keine Juden oder Griechen gibt, ist für Juden bedrohlich. Es gibt eben auch viele, von denen Paulus zu seiner Enttäuschung feststellte, dass sie nicht in einer Art christlichem Universalismus aufgehen wollten, und das ist auch immer der Schatten gewesen, der über dem christlichen Universalismus hing, nämlich die Frage, was man mit Menschen macht, die ihn ablehnen. Das ist ein korrosives Element an den westlichen Werten. Denn wenn man sagt, dass alle Werte universell sind, dann wird denjenigen, die sie ablehnen, die Handlungsfähigkeit abgesprochen. Das ist so etwas wie die Matrix der Paradoxien des Christentums, der Schatten, der vom Christentum ausgehend bis heute auf uns liegt. Und der seinen Ursprung in den Paulus-Briefen hat.

Würden Sie sagen, dass „der Westen“ noch existiert?

Ich denke, dass alle diese Phrasen in Bezug zur Realität, die sie ausdrücken, in gewisser Weise fragwürdig sind. Ich meine, dass etwa die Namen für Kontinente menschliche Begriffe sind, die den geografischen Gegebenheiten übergestülpt werden, und ich denke, das gilt genauso für einen Kulturbegriff wie „der Westen“. Aber mir fällt auch kein besserer Ausdruck ein, um die Kultur jener Gesellschaften des lateinischen Christentums zusammenzufassen.

Wenn wir uns also die Ursprünge des Christentums ansehen, dann ist das schon ein bisschen merkwürdig: Der römische Statthalter hat einen Juden gekreuzigt , und ein paar Jahrhunderte später folgt das gesamte römische Reich der Religion des Christentums.

Nichts kommt von nichts. Das Christentum ist ein See, in den viele große Flüsse fließen. Die jüdische Tradition natürlich, Kategorien des Dualismus der Person, die Moralisierung der Welt, der Einfluss von Griechenland, die Schriften des Christentums wurden in griechischen philosophischen Ideen geschrieben, wie in den Briefen von Paulus. Und dann natürlich der Einfluss des Römischen Imperiums. Die Christen mussten nur den von den Römern gebauten Straßen folgen, auf ihren Schifffahrtswegen fahren, um ihre Lehre zu verbreiten. Der christliche Gott setzt sich durch, weil es sich herausstellt, dass er etwas zu bieten hat, um alle Gegner im Reich auszulöschen. Er bietet Konstantin, einem Mann von kolossaler Größe, die Gewissheit, dass er der alleinige Herrscher der Welt ist.

Sie schreiben, Sie wollten keine Geschichte des Christentums schreiben, sondern nur auf seine Strömungen achthaben. Die Geschichte hätte ja durchaus anders verlaufen können, wenn man an Kaiser Julian denkt, der die Philosophen an den Hof zurückholte und die Christen von dort verbannte. Er bezeichnete sie abschätzig als „Galiläer“, dennoch war er jemand, der genau wie sie seinem Glauben ergeben war. Die Gegner nannten ihn Julian Apostata, den Verräter. Er war ein brillanter Gelehrter, aber auch ein exzellenter General. Ich habe ihn als den eigentlich christlichsten aller Kaiser des 4. Jahrhunderts dargestellt, er steht für ein weiteres der vielen Paradoxien des Christentums. Julian übernimmt das christliche Verständnis von dem, was er erschaffen will. Er will die Welt der Götter in einer christlichen Form erschaffen, er kann nicht außerhalb der christlichen Bücher denken, schon wenige Jahrzehnte nachdem Konstantin selbst Christ wurde. Ich denke, es zeigt, wie schwierig es selbst für die Feinde des Christentums ist, über den Rahmen des Denkens und der Regeln, wie wir die Welt sehen, hinauszukommen, und für mich ist die Person, die das am brillantesten analysiert hat, der Philosoph Friedrich Nietzsche. Jener Nietzsche, der schrieb: „Gott ist tot.“ Nicht nur das. „Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Alles von Nietzsche. Als ich ein Teenager war, rebellierte ich gegen meine Erziehung. Nietzsche war sehr wichtig für viele romantische Teenager wie mich, er bestätigte in meiner Jugend meinen Atheismus. Von fast allen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die ich gelesen habe, war Nietzsche derjenige, der in mir die christlichsten Gefühle weckte, weil mir klar wurde, dass ich seinen Hinweisen nicht folgen wollte, als er vom Tod Gottes sprach.

In welcher Zeit leben wir heute?

Jedes Zeitalter hat eine Art Umwälzung. Wenn man in Westeuropa lebt, hat man leicht das Gefühl, dass wir in einer nachchristlichen Welt leben, aber das stimmt nicht. Wir verbleiben in einer christlichen Welt. Was in den letzten Jahren in Afrika passiert ist, ist erstaunlich, es ist vergleichbar mit der Ausbreitung des Christentums in Europa. Wir bleiben Teil in einer christlichen Welt. Es ist eine der erstaunlichen Tatsachen, dass wir uns nun mit einer gewissen Nervosität nach Wegen umsehen, wie wir die christliche Ethik, unsere vorausgesetzten christlichen Annahmen und Moralvorstellungen aufrechterhalten können.

Interview: Michael Hesse

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