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Georg Heym: Der dämonischste unter den zeitgenössischen Dichtern

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Von: Ulrich Rüdenauer

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„Dann aber explodierte der kindliche Riese“, schreibt Günter Grass über Georg Heym. (Symbolfoto)
„Dann aber explodierte der kindliche Riese“, schreibt Günter Grass über Georg Heym. (Symbolfoto) © Silas Stein/dpa

Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden: Das ist nicht jedem vergönnt.

Vielleicht war Georg Heym das erstaunlichste Talent einer an Talenten reichen Generation. Als im Jahr 1911 sein erster und einziger zu Lebzeiten veröffentlichter Gedichtband „Der ewige Tag“ erschien, gab es darin verwegene Metaphern, apokalyptische Visionen, emphatische Großstadtverwünschungen, prophetische Untergangsfantasien und bizarre Todesanbetungen: Baal „streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust“, „Menschenströme und Gedränge“ sieht man in der Enge, und „die Weltstadt fern im Abend ragen“; die Dämonen „wandern durch die Nacht der Städte hin“, und um ihr Kinn stehen wie Schifferbärte „die Wolken schwarz vom Rauch und Kohlenruß“, eine Tote im Wasser „segelt froh hinaus, gerissen von Wind und Flut“; Louis Capet wird noch einmal zum Schafott geleitet, „Blut speit sein Hals, der fest im Loche steckt“, „die Krankheiten alle, dünne Marionetten, spazieren in den Gängen“ und unterm Mondschein kommen die „Toten aus den Grüften und ziehn um dich in langer Prozession“.

So klingt bei Heym das Düstere und Endliche; meist in klassische Formen ist es gegossen, in Sonette und Vierzeiler. Das Weltende war dem 23-Jährigen wie vielen der Frühexpressionisten nah; der Große Krieg, der nur wenig später Europa in die Katastrophe stürzen sollte, war schon mehr als eine neblige Ahnung, schien atmosphärisch das junge Jahrhundert bereits zu verschatten. Am 6. Juli 1910 hatte Heym in sein Tagebuch notiert: „Wenn ich mich frage, warum ich bisher gelebt habe, ich wüsste keine Antwort. Nichts wie Quälerei Leid und Misere aller Art. (…) Mein Gott, ich ersticke noch mit meinem brachliegenden Enthusiasmus.“

Rainer Maria Rilke und Gottfried Benn, um nur zwei bedeutende Lyriker des 20.Jahrhunderts zu nennen, sprachen bewundernd von Georg Heym. Kurt Hiller, der ein Patent auf den Bewegungsnamen Expressionismus anmelden durfte, fand, Heym sei der „wuchtigste, riesenhafteste; der dämonischste, zyklopischste“ unter den zeitgenössischen Dichtern. Und Ernst Stadler sah in Heyms Debüt „etwas in seiner Art Vollkommenes“.

Woher kam die dystopische Energie, woher die aggressive Sprachwucht und jugendliche Vollkommenheit bei einem Mann von Anfang 20, dessen erster Gedichtband bereits sein Spätwerk einläutete – und dessen schmales Oeuvre später so großen Einfluss ausüben und lange nachhallen sollte? Vermutlich rührten sie wie bei vielen Generationsgenossen von einem nach Ausdruck verlangenden Zorn, dessen erste Adressaten die Väter waren, die Repräsentanten einer versteinerten wilhelminischen Gesellschaft. Georg Heyms Vater bot sich als Hassobjekt trefflich an.

Mörder meiner Jugend

Hermann Heym war in staatlichen Diensten. Als Militär-Staatsanwalt musste er unter anderem die Vollstreckung von Todesurteilen überwachen – was bei dem strengen, zum Jähzorn neigenden Familienoberhaupt durchaus zu Deformationen führte, einmal gar zu einem Nervenzusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholte. Milder stimmte das den 1887 im schlesischen Hirschberg geborenen Sohn nicht. Im Tagebuch gibt es einen berühmten Eintrag, der die ganze Wut auf bürgerliche Herkunft und wilhelminischen Drill auf die Figur des Vaters projiziert. „Ich wäre einer der größten Dichter geworden“, schreibt Georg Heym, „wenn ich nicht einen solchen schweinernen Vater gehabt hätte. In einer Zeit, wo mir verständige Pflege nötig war, mußte ich alle Kraft aufwenden, um diesen Schuft von mir fern zu halten.“

Der verlängerte Arm des Vaters war die Lehranstalt – und Georg Heym lernte, bedingt durch die vielen Umzüge der Familie, einige Schulen kennen. Die Lehrer nannte er „Mörder meiner Jugend“. Und die Mutter? Eine große Hilfe war sie nicht. Heym schien sie zu lieben, aber für seine Kunst hatte sie kein Verständnis. Als sie seine Gedichte las, sprach sie ihm eine „edle Seele“ ab. „Sowas kann ich nicht lesen. Wer will denn so etwas lesen. Edle und zarte Seelen kaufen doch so etwas nicht.“ Kaum verwunderlich, dass er sich in dieser Familie „innerlich als Fremder“ fühlte.

Literaturhinweise

Gunnar Decker: Georg Heym. „Ich, ein zerrissenes Meer“. Ein biographischer Essay. VBB. Berlin 2011.

Günter Grass: Mein Jahrhundert. Steidl Verlag. Göttingen 1999.

Georg Heym: Werke. Mit einer Auswahl von Entwürfen aus dem Nachlass, von Tagebuchaufzeichnungen und Briefen. Herausgegeben von Gunter Martens. Reclam Verlag. Stuttgart 2006.

Peter Schünemann: Georg Heym. Verlag C.H. Beck. München 1986.

Aus der „langweiligen und träumerischen“ Kindheit rettete er sich in eine traumverlorene Jugend. Er suchte sich andere Verwandte, solche nach seiner Wahl. Er machte Entdeckungen in der Literatur. „Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner, ich liebe Rimbaud und Marlowe“, schrieb er. Hinzu zählt er noch Baudelaire, Verlaine, Rimbaud, Keats, Shelley. Er glaube wirklich, notierte er selbstbewusst, „daß ich von den Deutschen allein mich in den Schatten dieser Götter wagen darf“.

Die frühen Gedichte wiesen noch lange nicht darauf hin, dass mit Heym ein neuer Rimbaud oder Keats geboren war. Sie sind eher konventionell, bilden Naturstimmungen ab. Aber spätestens der junge Jurastudent in Würzburg, anschließend in Jena und Berlin entwickelte einen aufsehenerregenden, aufregenden Ton, etwas bis dahin Ungehörtes. „Dann aber explodierte der kindliche Riese“, schreibt Günter Grass über Heym in „Mein Jahrhundert“. Dieser Entwicklungssprung um das Jahr 1910 rührte gewiss auch von der Begegnung mit Gleichgesinnten. Heym fand Aufnahme in Kurt Hillers frühexpressionischen Kreis, der „Neue Club“ wurde zur geistigen Heimat. Hiller und Ernst Loewenson, David Baumgardt, Ernst Blass, Jakob van Hoddis, Erich Unger oder Simon Guttmann wollten „den Blasphemien dieser Zeit“ nicht länger untätig zusehen. Der „Ekel vor allem Kommishaften in Kunst- und Wissenschaftsbetrieb und ihre Bewunderung der Einzelgeister“ taten sie öffentlich kund. Georg Heym war mittendrin. Es war etwas Vitales um ihn – von Freunden wurde er als temperamentvoll und aufmüpfig beschrieben, nicht selten war er zu pennälerhaften Streichen aufgelegt. Und zugleich steckte in ihm etwas Dunkles, das seine Lyrik färbte. „Heym ist ein Priester der Schrecken“, so Ernst Stadler. „Ein Visionär des Grauenerregenden und Grotesken.“ Der junge Verleger Ernst Rowohlt wurde auf ihn aufmerksam – und erkannte das Unbedingte und Gewaltige an Heyms Gedichten. Dem Debütband „Der ewige Tag“ sollte eine Sammlung von Novellen folgen, ein Vertrag wurde geschlossen. Das Buch erschien tatsächlich unter dem Titel „Der Dieb“ – allerdings posthum.

Als triebe er unter Eis

Am 16. Januar 1912 nämlich waren die Freunde Georg Heym und Ernst Balcke zum Schlittschuhlaufen auf der Havel verabredet. Es war eisig kalt; die beiden wollten den Tag draußen verbringen. Mittags noch kehrten sie in einer Gaststätte ein, bevor es sie wieder aufs Eis trieb. Was dann geschah, ist ziemlich genau rekonstruiert worden: Ernst Balcke brach, abseits der ausgewiesenen Bahnen, in ein für Wasservögel geschlagenes Eisloch, konnte sich nicht alleine retten. Heym wollte ihm wohl zu Hilfe eilen, geriet dabei aber selbst ins eiskalte Wasser. Waldarbeiter berichteten später, sie hätten aus weiter Entfernung die beiden Eisläufer beobachtet, auch Schreie gehört – hätten es aber nicht gewagt, selbst ihr Leben für zwei leichtsinnige Freizeitsportler aufs Spiel zu setzen. Die Suche nach den Leichen gestaltete sich schwierig. Heym wurde erst vier Tage später am Grund des Flusses gefunden. Der Körper war vom Überlebenskampf entstellt; die Hände waren aufgerissen, von den Schlägen gegen das Eis. Ernst Balcke fand man erst vier Wochen nach dem Unglück – er ganz unversehrt. Sein Gesicht habe einen friedlichen Ausdruck gezeigt. Georg Heyms Biograph Gunnar Decker schreibt: „Als er im Eis versinkt, nimmt das den Untergang eines Zeitalters nur vorweg. Was an der Oberfläche noch bruchlos scheint – es trägt einen wie ihn nicht mehr. Hugo Ball sagt: ‚Seine Gedichte sind geschrieben, als triebe er schon unter Eis.‘“

Über die Serie

Wir blicken in unserer Serie auf Autorinnen und Autoren, die nicht im Bett starben, meist auch nicht mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, sondern auf ungewöhnliche, verstörende Weise. Und wir fragen uns: Sagt uns der Tod etwas über ihr Leben und Werk? Bislang veröffentlicht:

Ödön von Horváth und sein früher Tod in Paris: Dass schon die Bäume exilierte Poeten erschlagen
Johann Joachim Winckelmann: Meuchelmord in Triest
Robert Walsers lautloses Verschwinden: „Eine Schneeflocke flog mir auf den Mund“
Wolfgang Herrndorf: Chronik eines angekündigten Freitodes
Karoline von Günderrode: Überall Liebe
Rolf Dieter Brinkmann: Einen Tag älter, tiefer und tot
Dagny Juel: Eine müde Lässigkeit der Bewegung

Der Nachruhm Heyms setzte langsam ein. Die Novellen machten gewaltigen Eindruck, der Verleger Ernst Rowohlt schrieb fast mit einem gewissen Erschrecken, sie handelten „einzig und allein von irrsinnfiebernden Kranken, Gelähmten und Leichen“. Gedichte aus dem Nachlass erschienen. Heyms Einfluss reicht bis in die Gegenwart, auch wenn sein Werk heute nur noch Wenigen vertraut ist.

Das Versprechen dieses Autors war groß. Was hätte er noch schaffen können? Würde man ihn in einem Atemzug mit Paul Celan oder Gottfried Benn nennen? Oder hätte er, der sich kurz vor seinem Tod als Fahnenjunker beim Militär bewarb, das Schicksal so vieler anderer junger Männer geteilt, die 1914 freudig in den Krieg zogen und daraus nicht mehr wiederkehrten? Sein „zerrissenes Herz“, es hätte so oder so keinen Frieden gefunden. (Ulrich Rüdenauer)

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