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Pier Paolo Pasolini: Eine Kraft der Vergangenheit

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Von: Ulrich Rüdenauer

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Wandbild von Pier Paolo Pasolini in Neapel. © Fabio Sasso/Imago

Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden: Das ist nicht jedem vergönnt.

Was genau in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 in der Nähe des Wasserflughafens von Ostia geschehen ist, wurde nie gänzlich aufgeklärt. Gewiss ist: Der Dichter, Regisseur, Kommunist, Reporter, Fußballspieler, Aktivist und Freigeist Pier Paolo Pasolini wurde am frühen Morgen des 2. November mit zertrümmertem Kopf auf einem verwilderten Grundstück gefunden. An diesem Ort, unweit des Strandes, jagten die ragazzi di vita an ereignislosen Nachmittagen dem Ball hinterher, so wie es Pasolini selbst immer wieder mit kindlicher Leidenschaft getan hat. Auf diesem staubigen, überwucherten Sportplatz hatte er im Jahr zuvor einige Szenen seines Films „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ gedreht.

Die Nachricht von Pasolinis gewaltsamem Tod machte an diesem Sonntagmorgen in Rom die Runde. Verwegene Gerüchte verbreiteten sich in Windeseile, und die Polizei beeilte sich, alle möglichen Mordtheorien so schnell wie möglich zu zerstreuen. Nur kurze Zeit nach der Tat wurde ein Verdächtiger präsentiert: Den 17-jährigen Pino Pelosi hatte man noch in der fraglichen Nacht am Steuer von Pasolinis Alfa Romeo erwischt und wegen Autodiebstahls verhaftet. Wenig später gestand er, den berühmten Schriftsteller getötet zu haben.

Pelosi war sehr hübsch

Pasolini hatte den Kleinkriminellen und Stricher Pelosi kurz zuvor kennengelernt – und sich wohl in ihn verliebt. Das jedenfalls sagte Nico Naldini, Cousin und Biograf Pasolinis, vor einigen Jahren der Literaturjournalistin Maike Albath. „Pelosi war sehr hübsch“, zitiert Albath Naldini in ihrem Buch „Rom, Träume“. Er „hatte einen anziehenden Körper und erinnerte meinen Cousin an die ragazzi di vita von früher“. Diese Ragazzi waren für ihn die Verkörperung des ursprünglichen Italien gewesen, und nicht zuletzt auch Objekte der Begierde. Er habe darüber sämtliche Schutzmechanismen verloren. Das Milieu aber hatte sich verändert, stellte Naldini im Gespräch mit Maike Albath fest, es sei „ganz objektiv viel härter und zynischer“ geworden. Als Pasolini mit dem Jungen nach Ostia fuhr, um mit ihm Sex zu haben, habe Pelosi vermutlich die Kontrolle verloren.

Pasolini war damals das Enfant terrible des italienischen Kulturbetriebs, und einer seiner wichtigsten Motoren. Seine Bücher, Essays, seine Einlassungen zu Politik, Staat und Kirche, seine das Bürgertum und den Vatikan herausfordernden Filme hatten ihn berühmt gemacht, boten aber auch eine willkommene Angriffsfläche. Als homosexueller Linker blieb er im katholischen Italien ein Fremdkörper, eine Gestalt aus anderer Zeit, die zugleich in der Vergangenheit und in der Zukunft lag. An Feinden mangelte es Pier Paolo Pasolini nie, von Anfang an nicht. Mit 28 Jahren floh der junge Lehrer 1950 zusammen mit seiner Mutter, um einer üblen Nachrede zu entkommen, aus dem Friaul nach Rom. Er war wegen angeblichen Missbrauchs Jugendlicher angezeigt worden; man hatte ihn aus dem Schuldienst entlassen und wegen unmoralischen Verhaltens aus der Kommunistischen Partei geworfen. Für die Konservativen war er ein rotes Tuch. Den Linken war er zu unorthodox. Die Kirche verurteilte den frommen Atheisten. Und die Industriellen hassten den Kritiker des modernen, kapitalistischen Italiens. Die Bücher und Filme, die in den folgenden Jahren herauskamen, waren Statements. Sein Name wurde zu einem Symbol; er stand und steht bis heute – die Elogen zu seinem 100. Geburtstag in diesem Jahr zeigen das – für eine unbeugsam kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft und schonungsloser Kompromisslosigkeit gegenüber sich selbst. Pasolini ragt wie ein Monolith aus einer goldenen Zeit italienischer Kultur. Er repräsentierte den intellektuellen und politischen Aufbruch der 50er und 60er Jahre wie kein anderer, aber auch die Widersprüche, die damit verbunden waren.

Ein politisches Komplott?

Kein Wunder, dass die These vom Lust- oder Raubmord auf Skepsis stieß, zumal die Spuren am Tatort darauf hindeuteten, dass der geständige Täter Pelosi nicht alleine gewesen sein konnte. Steckte die Politik hinter Pasolinis Tod? Immerhin arbeitete er gerade an einem Roman, der erst 1992 posthum unter dem Titel „Petrolio“ veröffentlicht wurde – es geht darin um Korruption und das verbrecherische Gebaren der politischen und ökonomischen Eliten im Italien der 60er und 70er Jahre. Die staatliche Erdölgesellschaft ENI hatte seinerzeit gehörigen politischen Einfluss, und Pasolini sah deutlich die unheilvolle Liaison von Parteien, Unternehmen und Mafia. Einige Wochen nach Pasolinis Tod sei in sein Arbeitszimmer eingebrochen und ein Kapitel des Manuskripts gestohlen worden. Hatte man ihn deshalb kaltstellen wollen, hatte er etwas gegen die Mächtigen in der Hand gehabt? Immer wieder war in den letzten Jahren von dem verschwundenen Kapitel die Rede gewesen, aufgetaucht ist es nie.

Literatur

Maike Albath: Rom, Träume. Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita. Berenberg Verlag. Berlin 2013. 304 Seiten. 25 Euro.

Gaetano Biccari (Hrsg.), Pier Paolo Pasolini: Pier Paolo Pasolini in persona. Gespräche und Selbstzeugnisse. Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker u.a. Wagenbach Verlag. Berlin 2022. 208 Seiten. 22 Euro.

Nico Naldini: Pier Paolo Pasolini. Eine Biographie. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Wagenbach Verlag. Berlin 2012. 392 Seiten. 15,90 Euro.

Pier Paolo Pasolini: Ragazzi di vita. Roman. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Wagenbach Verlag. Berlin 2014. 240 Seiten. 13 Euro.

Pier Paolo Pasolini: Petrolio. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Wagenbach Verlag. Berlin 2015. 720 Seiten. 19,90 Euro.

Pier Paolo Pasolini: Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte. Herausgegeben, aus dem Italienischen übersetzt und mit einem Nachwort von Theresia Prammer. Suhrkamp Verlag. Berlin 2022. 640 Seiten. 42 Euro.

Verschwörungstheorien sind natürlich äußerst beliebt, zumal wenn ein Säulenheiliger des widerständigen Denkens gewaltsam zu Tode kommt. Dass solche Vorstellungen wild kursieren, heißt allerdings nicht, dass an ihnen gar nichts dran ist. Immerhin gab es einige Ungereimtheiten: Pino Pelosi – genannt „la rana“, „der Frosch“ – hatte behauptet, Pasolini habe ihn vergewaltigen wollen. Er habe sich daraufhin mit einem Holzstück gewehrt, und auf der Flucht habe er den Dichter mit dessen Alfa versehentlich überfahren. Die Gerichtsmedizin stellte allerdings fest, dass Pasolini mit schweren Waffen malträtiert worden sein muss. Und keinesfalls nur von einer einzigen Person.

Nach vielen Jahren des Schweigens widerrief Pelosi irgendwann sein Geständnis. Er sei nicht der Mörder, behauptete er plötzlich – im Gegenteil, er habe Pasolini gegen drei unbekannte süditalienische Männer sogar verteidigt. Dass er erst in fortgeschrittenem Alter auspackte, sei dem Umstand geschuldet gewesen, dass man seine Eltern bedroht habe. Andere Zeitgenossen sekundierten: Ein undurchschaubares politisches Komplott, eine abenteuerliche Geschichte um gestohlene Filmrollen und Erpressung sollen sich hinter dem Fall verbergen. Pelosi sei nicht mehr als ein Lockvogel gewesen, Pasolinis Tod ein geplanter Auftragsmord. Verängstigte Zeugen hätten sich nicht äußern wollen oder seien schlicht nicht gehört worden. Eine große Sache also. Sergio Citti, Regieassistent und Freund Pasolinis, war überzeugt: „Nicht Pelosi hat Pasolini ermordet, sondern die Staatsmacht.“

Die Macht – ein Erziehungssystem

Pier Paolo Pasolini konnte einfach nicht auf banale Weise zu Tode gekommen sein. Viele seiner Verehrer und Freunde sind sich noch immer gewiss, dass einflussreiche Protagonisten den Autor zum Schweigen bringen wollten. Im letzten Interview, das Pasolini am 1. November 1975 gegeben hat, also am Tag vor seinem Tod, antwortete er auf die Frage, was für ihn Macht und wie sie zu entlarven sei: „Die Macht ist ein Erziehungssystem, das uns in Unterdrückte und Unterdrücker einteilt. Aber aufgepasst: Es handelt sich dabei um ein und dasselbe erzieherische System, dem wir alle unterworfen sind, von der sogenannten Führungsklasse, runter bis zu den Armen. Genau deshalb wollen alle dasselbe, deshalb verhalten sich alle auf dieselbe Art und Weise. Wenn ich über einen Aufsichtsrat verfügen kann oder in der Lage bin, an die Börse zu gehen, dann benutze ich diese, andernfalls einen Schlagstock. Und wenn ich einen Schlagstock benutze und damit Gewalt anwende, dann um zu erhalten, was ich haben will. Aber warum will ich etwas haben? Weil man mir gesagt hat, dass es gut ist, haben zu wollen. Somit übe ich nur mein Recht und meine Tugend aus. Ich bin Gewalttäter und ich bin gut.“ Wer die Waffe führt, spielt so betrachtet vielleicht gar keine große Rolle. Alle unterliegen letztlich den selben kapitalistischen Mechanismen.

Über die Serie

Wir blicken in unserer Serie auf Autorinnen und Autoren, die nicht im Bett starben, meist auch nicht mit dem Stift in der Hand am Schreibtisch, sondern auf ungewöhnliche, verstörende Weise. Und wir fragen uns: Sagt uns der Tod etwas über ihr Leben und Werk? Bislang veröffentlicht:

Ödön von Horváth und sein früher Tod in Paris: Dass schon die Bäume exilierte Poeten erschlagen
Johann Joachim Winckelmann: Meuchelmord in Triest
Robert Walsers lautloses Verschwinden: „Eine Schneeflocke flog mir auf den Mund“
Wolfgang Herrndorf: Chronik eines angekündigten Freitodes
Karoline von Günderrode: Überall Liebe
Rolf Dieter Brinkmann: Einen Tag älter, tiefer und tot
Dagny Juel: Eine müde Lässigkeit der Bewegung
Georg Heym: Der dämonischste unter den zeitgenössischen Dichtern

Wut und Schönheit

Ob Pelosi aus seinem doch eher verkorksten Leben noch ein bisschen Kapital schlagen und sich wichtig machen wollte? Ob tatsächlich der Geheimdienst hinter der Ermordung steckte? Oder Pasolini zu unvorsichtig war und sich am falschen Abend mit dem falschen Strichjungen eingelassen hatte? Die ganze Wahrheit wird man, fast 50 Jahre später, vermutlich nicht mehr erfahren. Von all den Märtyrergeschichten, die bis heute im Schwange sind, hielt Nico Naldini allerdings rein gar nichts, wie Maike Albath schreibt. Es seien halt Mystifizierungen, so Naldini – nicht mehr, nicht weniger.

Pasolinis brutaler Tod passt auf gewisse Weise zu einem radikalen Werk – radikal in seiner Wut und in seiner Schönheit. Dieses Werk schien viele Jahre lang hinter der ikonografischen Figur PPP verschwunden gewesen zu sein. Nun aber entdeckt es eine jüngere Generation nicht nur italienischer Schriftstellerinnen und Dichter wieder. Vor allem Pasolinis Texte werden zitiert und verehrt, auch wegen ihrer gesellschafts- und konsumkritischen Implikationen. Der Filmemacher Pasolini hingegen wirkt heute – wie viele Autorenfilmer seiner Generation – als verlorener Träumer inmitten einer verlogenen Traumfabrik. Als eine Kraft aus der Vergangenheit hat Pasolini sich selbst begriffen. Diese Kraft kann für die Gegenwart produktiv gemacht werden; nicht zuletzt in seinen Gedichten bleibt sie lebendig. In „Coccodrillo“, seinem „Nachruf auf mich selbst“ aus dem Jahr 1968, heißt es: „Beginnen wir alles noch einmal von vorne: Er verbrachte das Leben / exakt in zwei Hälften geteilt (war also zweideutig): / Glaubte an alles, als er an nichts mehr glaubte. / Wie alle nicht normalen und daher nicht heiligen Personen / hinterließ er weder Schmerz noch gab es Tränen. / Es weinten nur verzweifelt seine Mutter, Graziella und Ninetto. / Beginnen wir noch einmal, da doch der Schiffbruch lieb mir ist in diesem Meer.“ (Ulrich Rüdenauer)

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