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Auch Schafe freuen sich an der Sonne.
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Auch Schafe freuen sich an der Sonne.

Kolumne „UNTER TIEREN“

Tiere, die sich Tiere unterwerfen

  • VonHilal Sezgin
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Über Tierrechte und ein Schafaltersheim: Hilal Sezgins letzte Kolumne „Unter Tieren“.

Bei den Verhandlungen zu einer neuen Regierung steht viel auf dem Spiel: Wird die künftige Regierung den Klimawandel ein wenig abbremsen, werden ein oder anderthalb Weichen in Richtung sozialer Gerechtigkeit neu gestellt? Ein Thema aber wird gar nicht mit auf den Verhandlungstisch gelangen, voraussichtlich noch viele Jahre nicht: die individuellen Rechte (nicht-menschlicher) Tiere.

Zwar kritisieren manche Politikerinnen und Politiker die derzeitige Tierproduktion oder Massentierhaltung, und es macht auch durchaus einen Unterschied, wer das Landwirtschaftsministerium besetzt. Doch zugespitzt gesagt, geht es dabei immer nur darum, Tiere ein bisschen weniger ausbeuten, sie ein bisschen netter zu töten – Tierrechtlerinnen wie ich sind hingegen dafür, dass Tiere gar nicht mehr ausgebeutet, und nicht getötet werden.

Was also „wünschen“ wir uns überhaupt von unserer Verfassung? Was würden wir anordnen, wenn wir an der Regierung wären? Diese Frage wird mir oft gestellt, aber es gibt keine vernünftige Antwort. Denn wenn zum Beispiel ich an der Regierung wäre, hätten entweder große Teile unserer Gesellschaft ihre Ansichten zu Tieren entscheidend geändert, sonst wäre ich ja nicht gewählt worden; oder aber wir lebten in einer Diktatur. Da mir nach Letzterem nicht der Sinn steht, arbeite ich auf Ersteres hin: eine Veränderung der Mehrheitsmeinung zu Tieren.

Und zwar ist der Kern der Tierrechtsidee, und des politischen Veganismus, ein denkbar kleiner und weit geteilter Konsens: Wir wissen, dass nicht nur Menschen, sondern zumindest auch andere Wirbeltiere ihr Leben in vielen Facetten subjektiv empfinden. Sie erleben Positives – wie Liebe, Freude, Bewegungslust – und Negatives – wie Schmerz, Todesangst, Zwang. Ich kenne keinen Menschen, der dies bestreitet.

Tiere sind zum Essen da?

Ich kenne allerdings Menschen, die zu ignorieren versuchen, dass dies relevant ist. Die kategorisch unterscheiden wollen zwischen Menschen und anderen Tieren und die plötzlich zu quasi-religiösen Konstruktionen greifen, wenn es darum geht, ihr Fleischessen zu rechtfertigen: Dazu seien Tiere schließlich da. Aber wer sagt das? Wollt ihr wirklich behaupten, Gott habe uns aufgefordert, den Rest der Welt zu unterwerfen? Findet ihr es wirklich plausibel, das Mit-Fühlen, das gegenüber Hund und Katze selbstverständlich ist, zu unterdrücken, wenn es um Schweine oder Hühner geht?

Ich hatte das Privileg und die große Freude, vierzehn Jahre lang an dieser Stelle in meinen Kolumnen solche Fragen stellen zu dürfen und von ihren Kontexten zu erzählen. Ich habe über Tiere in Laboren und Tiere in Ställen geschrieben und oft genug auch über die Schafe in meinem kleinen „Schafaltersheim“. Ich habe Methoden und Rhetorik der Agrarindustrie vorgestellt, und Philosophinnen und Aktivisten, die andere Formen des Zusammenlebens mit Tieren erproben. Ich habe mich bemüht, die oft subtileren Konsequenzen aufzuspüren, die unsere Unterwerfung der anderen Tiere in unserer Sprache hinterlässt, in unserem politischen Denken – und nicht zuletzt in unseren Seelen.

Den Fuß auf dem Nacken

Dazu möchte ich noch ein letztes Beispiel geben, nämlich den häufigen Vergleich von Menschen mit Tieren. Sie hausten „wie die Tiere“, man behandelte Menschen „wie Tiere“ oder „schlimmer als Tiere“. Er oder sie „wurde zum Tier“. All diese Redewendungen suggerieren, dass wir Menschen keine tierlichen körperlichen Wesen seien, und dass es schlecht sei, Tier zu sein. Oft wurden historisch bestimmte Menschengruppen – versklavte Schwarze – in die Nähe von Tieren gerückt; „Menschen“ waren nur weiße, meist männliche, „Zivilisierte“. Doch solche Hierarchien und der Versuch, sich selbst aufzuwerten, indem man andere als „nieder“ bezeichnet und ihnen den Fuß auf den Nacken drückt, brechen schließlich uns allen den Rücken.

Ich bedanke mich für den Platz, den mir die Frankfurter Rundschau dafür einräumte, solche Themen zu verfolgen, und danke Ihnen herzlich fürs Lesen und gemeinsame Nachdenken!

Wir leben nicht in einer Welt, in der man sich „wünschen“ könnte, wie alles weitergeht, und in der eine Fee erscheint und solche Wünsche Wirklichkeit werden lässt. Immer wieder gilt es zu akzeptieren, dass die Wahrheit anderer Menschen aus deren Sicht ebenfalls wahr aussieht. Gleichzeitig müssen wir weiterhin glauben und hoffen, dass wir diese Mitmenschen für unsere Sicht der Dinge und unsere Idee von Gerechtigkeit gewinnen können, und dafür kämpfen. Und genau das tun wir auch.

Hilal Sezgin , Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Zum letzten Mal schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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