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Thomas Manns Tagebuch – Truthahn und Thee

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Von: Michael Hesse

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Thomas Mann.
Thomas Mann. © imago images/United Archives Int

1918 im Hause Mann: Die Revolution tobt, aber der Hausherr betrachtet Dürers Handzeichnungen.

Die schöne Krippe mit Wachsfigürchen ist vor dem Baume aufgestellt, schreibt Thomas Mann in seinem Tagebuch. Weihnachten 1918 im Hause Mann, einer der bekanntesten Familien in Deutschland. Der Krieg ist vorbei. Die Revolution im Lande im vollen Gange. „Las in der Zeitung von blutigen Kämpfen zwischen Matrosen und regierungstreuen Truppen“, schreibt Mann. So sehr kann es ihn nicht beeindruckt haben, denn im Halbsatze fügt er hinzu: „betrachte die Bilder in dem Wölfflin’schen Werk ,Dürers Handzeichnungen‘, das ich von K. bekommen.“ K. ist Katia, Thomas Manns Frau. Noch ist der Schriftsteller kein Nobelpreisträger der Literatur, die Ehrung wird ihm später zuteil. Er gilt noch als der große Autor der „Buddenbrooks“. Dem Fest tut das keinen Abbruch: „Gemeinsames Abendessen mit Truthahn, Mehlspeise, Mosel- und Süßwein, nebst Nachtisch aus Weihnachtsgebäck. Die Kinder festlich aufgeräumt.“ Am Vorabend hatte Mann seinen Kindern aus dem „Reinecke Fuchs“ vorgetragen. An Heiligabend begann er Möricke zu lesen: „Das Märchen vom sicheren Mann“. Danach wartete erst einmal der Mittagsschlaf.

„Zum Thee K.’s Mutter, die dann der Bescherung beiwohnte.“ Und die sah so aus: „Die Kinder sangen bei mir im Dunkeln, während der Baum angezündet wurde. Nach dem Einzug holte ich das Kindchen herunter, das zum ersten Mal kurzes Kleidchen, Strümpfe und Schuhe trug. Es war heute heiter und liebenswürdig, da ein Zahn fertig durchgebrochen“, freut sich der Familienvater über den jüngsten Spross, Elisabeth. „Die Kinder glücklich über ihre sieben Wunderdinge, besonders Moni. Meine Geschenke erregten Katia’s Freude.“ Zwei Jahrzehnte später befindet sich die Familie im Exil in Princeton. Die Nazis sind in Deutschland an der Macht.

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