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Der Faschismus als Hypnotiseur

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Von: Michael Hesse

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Im Falle der 45-jährigen Giorgia Meloni, der neuen Regierungschefin Italiens, sind die Momente des Hochjubelns und Fallenlassens von besonderer Bedeutung.
Im Falle der 45-jährigen Giorgia Meloni, der neuen Regierungschefin Italiens, sind die Momente des Hochjubelns und Fallenlassens von besonderer Bedeutung. © Gregorio Borgia/dpa

Der Schriftsteller Thomas Mann beschreibt in seiner Erzählung „Mario und der Zauberer“ eine kranke Gesellschaft, die dem Gebot des Autoritären erliegt. Es geht um Zusammenhänge, die heute noch aktuell sind.

Verliebtheit (ital.: innamoramento) ist ein für das Verständnis der Politik Italiens unverzichtbarer Begriff. Er bezeichnet die Neigung der italienischen Wähler:innen, die Politiker:innen überstürzend ins Herz zu schließen. Und sie genauso schnell wieder aus diesem auszuschließen. Sie umbarmherzig fallenzulassen. Es handelt sich also um keine Kategorie aus dem Felde des Rationalen. Vielmehr steht das Wort „Innamoramento“ für die Emotionen in der Politik, die Dimension des Irrationalen.

Im Falle der 45-jährigen Giorgia Meloni, der neuen Regierungschefin Italiens, sind die Momente des Hochjubelns und Fallenlassens von besonderer Bedeutung. Denn nach dieser Lesart würde die Mitgründerin der Partei Fratelli d’Italia schon bald wieder von der politischen Bühne verschwinden. Das demokratische Europa wäre begeistert, wenn ein schneller Abgang dieser Erbin des italienischen Faschismus absehbar wäre, zumal auch andere europäische Regierungen wie in Ungarn oder Polen auf das Rezept des Autoritären setzen. Es besteht Ansteckungsgefahr. Meloni gilt als ein ausgesprochen politisches Talent. Und viele Kenner der politischen Szene Italiens fragten sich bereits vor den Parlamentswahlen am 25. September, warum sie ausgerechnet einer postfaschistischen Partei vorstehe, wäre sie doch auch in anderen, in dem Fall demokratischeren, Parteien gut aufgehoben.

Innamoramento - dass es sich bei der Wahl Melonis nur um einen kurzen und kräftigen emotionalen Anflug der Wählerschaft handeln könnte, harrt der Bestätigung. Ihr steht eine Gesellschaft gegenüber, die stete Abstiegserfahrungen macht und sich nach einer Welt mit klaren Verhältnissen sehnt. Und die geschützt sein will vor den Wogen der Geschichte. Genau solche Motive hatten das Aufkommen des Faschismus Italiens in den 1920er Jahren begünstigt.

Schon damals wurde wenig von der These gehalten, es handele sich hier nur um einen kurzen Anflug der Anbändelei an die faschistische Ideologie. Wie gefährlich aber die Irrationalität in Verbindung mit dem Faschismus sein kann, darauf hatte bereits der Schriftsteller Thomas Mann in seiner Erzählung „Mario und der Zauberer“, erschienen 1930, hingewiesen. Ein kluger und sensibler Beobachter wie er verfolgte die Entwicklungen bereits Anfang der 1920er Jahre sowohl in Italien als auch in Deutschland mit großer Sorge. Er hatte den Marsch auf Rom der Faschisten im Jahr 1922 und Hitlers Angriff auf die Feldherrnhalle nur ein Jahr später als Zeitzeuge miterlebt. Und seine Gerhart Hauptmann gewidmete Schrift: „Von deutscher Republik“, in der er sich für die Weimarer Republik ausspricht, hatte ihm schärfste Angriffe von Rechts eingebracht. Kurz: Thomas Mann war sensibilisiert.

Ein Aufenthalt mit seiner Familie 1926 in dem italienischen Badeort Forte dei Marmi sollte seinen Schluss, dass es sich bei dem italienischen Faschismus um einen krassen zivilisatorischen Niveauverlust handelt, nur bestätigen. Wie so oft wird real Erlebtes von Thomas Mann auch hier erzählerisch verdichtet.

Da Mann seine in den 1920er Jahren verfassten Tagebücher vernichtet hat, bleibt nicht viel, was Erhellendes auf die Umstände der Erschaffung der Erzählung werfen könnte. Ein Brief an Hugo von Hofmannsthal vermittelt zumindest einen Eindruck: „Wir haben Licht und Wärme in Überfülle gehabt, und die Kinder waren glückselig am Strande und im warmen Meer“, weiß er da zu berichten. „An kleinen Widerwärtigkeiten hat es anfangs auch nicht gefehlt, die mit dem derzeitigen unerfreulichen überspannten und fremdenfeindlichen nationalen Gemütszustand zusammenhingen und uns belehrten, daß man jetzt nicht gut tut, einen Badeort dieses Landes in der rein italienischen Hochsaison aufzusuchen“, erklärt er da. Zwar habe „das eigentliche Volk seine Liebenswürdigkeit bewahrt und steht geistig nicht unter dem blähenden Einfluß des Duce. Im Ganzen aber kann ich nicht sagen, daß dieser Besuch meine Achtung vor dem Italiener gehoben hätte, trotz schöner physischer und intellektueller Gaben.“ Den Brief schließt er mit dem Gedanken: „Das eigentlich europäische Niveau halten eben doch Franzosen und Deutsche (wobei ich natürlich Österreich einbegreife). England bleibt in gewisser Weise darunter, Italien in noch gewisserer. Habe ich Unrecht?“ Zu der Zeit hielt Mann es für ausgeschlossen, dass Hitler es Mussolini gleichtun könnte. Auch ein Geist wie er kann sich irren.

Das Echo auf seine aus den Ereignissen des unter dem Faschismus stehenden Italien beruhende Erzählung war durchweg positiv, das verzeichnet ein exzellenter im Verlag S. Fischer in der Großen Thomas Mann Ausgabe herausgegebener Kommentar („Späte Erzählungen 1919-1953“). „Eine meisterliche Novelle“, eine „Mischung aus Grazie und Beschwingtheit“, hieß es in den Rezensionen. Ein vollendetes kleines Meisterwerk nannte die Presse diese Erzählung. So viel Lob für eine Novelle hatte er bislang nur für „Tod in Venedig“ erhalten.

Bekanntlich wurde Thomas Mann für seinen im Exil seit Mitte der 1930er Jahre geführten Kampf gegen Hitler und die Nazis weltweit geachtet. Den überlieferten Aussagen seiner Tochter Erika zufolge, musste er trotz der frühen Emigration aus Deutschland im Jahr 1933 davon erst überzeugt werden. Einen vollständigen Bruch wollte er zunächst noch nicht vollziehen. Doch spätestens seit 1936 war er auch öffentlich eine entschiedene Stimme gegen die Nazis.

Im Kontrast zu dieser Zögerlichkeit hatte er schon vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 an der Erzählung gearbeitet, in welcher die Verführbarkeit der Massen durch das populistische Gift rechter Politiker ans Tageslicht gebracht werden sollte.

Schrifsteller Thomas Mann (1875-1955)
Schrifsteller Thomas Mann (1875-1955) © IMAGO/Heritage Images

In seiner Novelle lässt er den Magier Cipolla auftreten, dessen Figur sich an den damals in Italien sehr bekannten Hypnotiseur Cesare Gabrielli (1881–1943) anlehnt. Dieser Cipolla steht meist rauchend, seine gelben Zähne bläckend mit schwarzen, streng zurückgekämmten Haaren vor seinem Publikum und lässt wiederholt die Peitsche schnalzen. Die Peitsche, erklärt Mann-Kommentator Hans-Rudolf Vaget, erinnert an den Diktator Adolf Hitler, der sich vor der „Machtergreifung“ mit ihr auf Fotos ablichten ließ. Cipolla lässt sich von dem Publikum als Zauberer feiern. Doch im Laufe der Erzählung offenbart sich immer mehr die Erkenntnis: Er ist nichts weiter als ein billiger Hypnotiseur. Ein Hochstapler.

Thomas Mann, der Italienliebhaber, war überzeugt, dass die Attraktivität des Faschismus auf eine Krankheit der Gesellschaft zurückzuführen ist. In der Erzählung wird sie durch den rauchenden und Alkohol trinkenden „Zauberer“ Cipolla, einer bedrängenden und bedrückenden Atmosphäre dargestellt. Der bucklige Cipolla tritt als Symbol für den Zerfall der Gesellschaft auf. Trotz der sichtbaren Fratzenhaftigkeit seiner Person gelingt es ihm, die Menge für sich einzunehmen. Massensuggestion und Willensaufnötigung gelingen dem Zauberer spielend. Einzelne Zuschauer, die von ihm aufgerufen werden, folgen wie hypnotisiert seinen Befehlen, verdrehen ihre Körper auf widernatürliche Weise oder strecken auf seinen Zuruf die Zunge bis zum Anschlag aus dem Hals. Das Publikum folgt dem Geschehen, als würde es sich in einem Rausch befinden. Er, Cipolla, dominiert es nach Belieben und zischt wiederholt in die Menge: „A me Ali occhhi!“ Die Augen sollen einzig auf ihn gerichtet werden. Die aufgeheizte Atmosphäre, die Thomas Mann hier meisterhaft inszeniert, ist die des faschistischen Italien.

Es gibt Menschen, die für ihre prognostische Kraft bewundert wurden und werden. Thomas Mann jedenfalls wird man angesichts der Erzählung „Mario und der Zauberer“ einen Sinn für die Bewegungen der gesellschaftlichen Tektonik, bevor auf der Oberfläche die Spannungen ausbrechen, kaum absprechen können. Es ist ein frühes Psychogramm der dem Faschismus verfallenen Gesellschaften. Mann hat diese Schrift als seine erste Kampfeshandlung bezeichnet.

Faschismus als auch Nazismus in Deutschland stehen für die Deformation der Gesellschaft, der eine „kollektive geistig-seelische Erkrankung zugrunde liegt“, erklärt der Mann-Experte Vaget. Die „Verzauberung und Behexung der Menge“, die Inszenierung und das Theater sind Kernelemente von Manns auf einer psychologischen Ebene erfolgenden Deutung des Faschismus. Auch darauf verweist der kluge Kommentar. Der faschistische Machthaber verschafft sich Zugang zu dem unbewussten Willen der Menschen. Darin gleicht der Zauberer zugleich der Natur des Künstlers. Bekanntlich wurde Thomas Mann in seiner Familie als „Zauberer“ bezeichnet. Diese Verbindung zwischen Hypnotiseur und Künstler wiederholt Mann in seiner Schrift „Bruder Hitler“.

Am Ende der Erzählung steht das politische Attentat, das die Menge von dem Verführer erlöst. Mario, auf das Schlimmste von Cipolla gedemütigt, zückt einen Revolver und erschießt den Magier in einer Art Notwehr. Der Rausch ist vorüber. Die Menge hat den Zauberer fallengelassen. Die Liebe ist verblasst.

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