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Theaterdoppelanlage: „Dieser Walk of Fame reicht bis heute“

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Der Architekt und Theaterenthusiast Jochem Jourdan nennt Motive und Argumente für die Rettung der historischen Theaterdoppelanlage im Zentrum Frankfurts.

Jochem Jourdan,Jahrgang 1937, ist Architekt mit einem Büro in Frankfurt. Von 1980 bis 2002 war er Professor

für Entwerfen, Bauerhaltung und Denkmalpflege. Jourdan ist ein ausgewiesener Kenner der Bauhistorie. Auch deswegen hat er sich vor allem mit Bauwerken im historischen Bestand einen Namen gemacht. In der im Jahr 2018 eröffneten neuen Frankfurter Altstadt wurde Jourdan die Rekonstruktion eines der historisch aufwendigsten Gebäude übertragen, der Goldenen Waage.

Herr Jourdan, es gibt eine Initiative von Architekten, Kunsthistorikern und Architekturhistorikern, die Unterschriften sammelt zum Erhalt wesentlicher Teile der Theaterdoppelanlage in Frankfurt. Diese Initiative widerspricht der Kommunalpolitik, die sich für einen Neubau ausgesprochen hat. Sie haben sich diesem Vorstoß angeschlossen, warum?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist es mein eigenes Erleben. Es sind all die wichtigen Inszenierungen, die es seit der Eröffnung der Theater-Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz im Jahr 1963 dort gegeben hat. In diesem Haus wurde Theatergeschichte geschrieben. Das begann schon mit den Brecht-Inszenierungen des Generalintendanten Harry Buckwitz in den 60er und 70er Jahren, die gegen erhebliche Widerstände von Rechts durchgesetzt wurden. Es setzte sich fort mit revolutionären Opern-Inszenierungen in der Ära des Intendanten Michael Gielen und des Regisseurs Hans Neuenfels, oder mit den Experimenta-Festivals für avantgardistisches Theater, wie die Experimenta 1, wo das „Living Theatre“ aus New York City auftrat oder die Experimenta zu Ehren von Heiner Müller, an der „die Hamletmaschine“ mit der Musik von Wolfgang Rihm aufgeführt wurden. Dieser Walk of Fame reicht bis heute, wo die Oper unter der Intendanz von Bernd Loebe schon mehrfach zum „Opernhaus des Jahres“ gekürt wurde. Dieses Theatergebäude ist ein Dokument der Zeitgeschichte. Ich argumentiere hier mit dem Denkmalschutz, dessen Aufgabe es ist, Dokumente der Zeitgeschichte zu erhalten.

Darüber hinaus gibt es die architektonische und städtebauliche Bedeutung der Theater-Doppelanlage. Worin ist sie begründet?

Die architektonische Bedeutung ist mehrfach begründet. Sie ist mit dem Entstehen der grünen Wallanlagen verbunden. Die Stadt hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die alten Befestigungsanlagen rund um die Innenstadt schleifen lassen und dafür die grünen Wallanlagen zu einem großartigen innerstädtischen Park verwandelt. Dort entstanden wichtige Kulturbauten. Das begann im 19. Jahrhundert mit der Alten Stadtbibliothek 1820-25 nach dem Entwurf des Stadtbaumeisters Friedrich Christian Hess, dem heutigen Literaturhaus. Es setzte sich 1880 fort mit der Oper am Opernplatz, von dem bedeutenden Berliner Architekten Richard Lucae, die 1944 zerstört wurde und später durch das Konzerthaus Alte Oper ersetzt wurde. Am heutigen Willy-Brandt-Platz entstand das Schauspielhaus, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Heute steht hier die Theaterdoppelanlage. Diese Kette ähnelte der städtebaulichen Entwicklung des Wiener Rings. In Wien waren entlang dieser Ringstraße im 19. Jahrhundert ebenfalls wichtige Kulturbauten entstanden. Sie waren in beiden Großstädten der Ausdruck des Willens eines selbstbewussten Bürgertums, die Entwicklung ihrer Städte neu zu bestimmen.

Die Theater-Doppelanlage nach dem Entwurf des Architekturbüros ABB (Apelt, Beckert, Becker) war die architektonische Antwort auf die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges, der die Oper am Opernplatz und das Schauspiel am späteren Willy-Brandt-Platz zum Opfer gefallen waren. Es sollte einen Neuanfang geben, der sich von klassischen Bauformen des Theaters löste.

Jochem Jourdan, Jahrgang 1937, ist Architekt mit einem Büro in Frankfurt.

Ja, das ist richtig. Es ging bei der Theaterdoppelanlage um einen ganz neuen Bautypus, eben Oper und Schauspiel unter einem Dach. In der Nachkriegszeit entstand dieser Typus in vielen Wettbewerben. Vorschläge kamen von Mies van der Rohe, Hans Scharoun, Gerhard Weber und anderen. Einige wurden gebaut wie in Mannheim. In diesem geistigen Spannungsfeld bauten Apel, Beckert & Becker das Doppeltheater in Frankfurt am Main. Das einmalige, 120 Meter lange, verglaste Foyer. Zugleich gab es ganz besondere künstlerische Arbeiten, die Wolken-Skulptur des ungarischen Künstlers Zoltan Kemeny.

Es gelang zugleich, den Maler Marc Chagall für ein besonderes Werk zu gewinnen, das Gemälde „Commedia dell‘Arte“, das heute an der Stirnseite des Chagall-Saales im Foyer hängt.

Ja. Mit seiner Offenheit und Transparenz stand das Gebäude 1963 für einen Aufbruch nach der Dunkelheit der Nazi-Zeit. Es ging um eine demokratische Architektur der Bürger und für die Bürger. Schon das Konzept der Theaterdoppelanlage an sich ist ein Denkmal, das erhaltenswert ist.

Warum spielen diese Aspekte in der Diskussion heute um die Zukunft der Bühnen kaum eine Rolle?

Weil sich nur noch wenige Menschen der politischen und architektonischen Bedeutung dieses Bauwerks bewusst sind. Vieles liegt eben weit zurück. Sich zu erinnern, bedeutet auch eine Anstrengung. Schauspiel und Oper vereint wurden selbstverständlich Ende der 60er Jahre, indem sie in den Band „Kunst des 20. Jahrhunderts in Hessen“ von H. G. Evers aufgenommen wurden und wegen der einmaligen Architektur gerühmt. In dieser Zeit war das Doppeltheater ein Wahrzeichen der Stadt, das, was man heute Icon Building nennt. Außerdem träumen die Politiker erkennbar davon, eine Art Elbphilharmonie in Frankfurt zu errichten. Also ein neues weltweites architektonisches Wahrzeichen für die Stadt. Ich halte dagegen. Ich bin davon überzeugt: Es lässt sich auch durch einen Umbau der Theaterdoppelanlage ein Gebäude schaffen, das architektonisch wegweisend ist. Das aber zugleich auch den ökologischen Anforderungen Rechnungen trägt, die es in der Gegenwart durch den Klimawandel gibt.

Gibt es in der Politik eine Geschichtsvergessenheit?

Das kann ich nicht beurteilen.

Es gibt den Begriff der „grauen Energie“ eines Bauwerks, der Rechnung zu tragen sei. Was ist darunter zu verstehen?

Lassen Sie mich mit einem Beispiel antworten. Ich habe in der neuen Frankfurter Altstadt die Rekonstruktion der „Goldenen Waage“ verantwortet, des prachtvollen Fachwerkgebäudes gegenüber dem Dom. Mir kam es dabei auf den Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart an. So wie ich mit unserem Büro seit 1969 damit beschäftigt bin, historische Gebäude zu erhalten oder wieder herzustellen. Es kommt darauf an, die Architektur der Vergangenheit behutsam in die Gegenwart zu überführen. Und dabei die geschichtliche Bedeutung zu bewahren. Ich besitze mehr als 50 Jahre Erfahrung mit historischen Bauwerken. Ich bin überzeugt davon: Der Erhalt und Umbau des Theatergebäudes ist am Ende kostengünstiger als ein Neubau.

Warum ist das so?

Alle gebaute Substanz enthält „Graue Energie“. Wenn man diese zerstört, ist sie verloren. Zur „Grauen Energie“ rechnet man die Energie, die erforderlich ist, um die Baustoffe herzustellen. Nehmen wir zum Beispiel Stahlbeton; er besteht aus Flusssand, Zement, Zuschlagstoffen und Stahl. All diese Bestandteile müssen beschafft und hergestellt, transportiert werden. Der hierfür erforderliche Energieaufwand ist beträchtlich. Berechnungen zeigen, dass 70-80 Prozent der Energie, die aufzuwenden ist, im Rohbau steckt. Diese Kosten kann man einsparen, wenn man das Gebäude erhält, soweit erforderlich entkernt und umbaut. Der Aufwand für einen Neubau ist ungleich größer. Man muss zusätzlich den gesamten Altbau abbrechen und den Neubau errichten. Der hierfür erforderliche Zeitaufwand kommt hinzu. Klar ist: Die neue Haustechnik macht einen erheblichen Teil der Kosten aus, etwa ein Drittel. Hinzu kommt die Bühnentechnik, wenn sie zu erneuern ist. Darum kommt man nicht herum. Aber alles andere ist kostengünstiger zu bekommen.

Sie stimmen aber mit dem Leiter der Stabsstelle Städtische Bühnen, Michael Guntersdorf, darin überein, dass die Haustechnik marode ist?

Ja, das ist klar. Alle DIN-Normen und alle Vorschriften bei der Haustechnik, einschließlich Brandschutzauflagen, haben sich seit 1963 völlig verändert. Die Haustechnik, also Heizung, Lüftung, Stromversorgung und vieles mehr muss weitgehend erneuert werden und benötigt heute auch mehr Platz. Ob es notwendig ist, das Logistikzentrum auszulagern, für Probebühnen und Werkstätten, ist zu prüfen.

Herr Guntersdorf betont aber auch, das gläserne Foyer ist abgängig und kann nicht erhalten werden.

Dem stimme ich nicht zu. Die großen Gläser können ausgetauscht und ersetzt werden. Es kann gelingen, das große Foyer in die Zukunft zu überführen.

Was würden Sie außerdem erhalten?

Lassen Sie mich wieder mit einem Beispiel antworten. Als das Palmengarten-Gesellschaftshaus in Frankfurt saniert wurde, stieß man auf großartig erhaltene Teile des historischen Gebäudes. So wird das auch bei den Städtischen Bühnen sein. Ich würde mir wünschen, dass man versucht, bei der Sanierung Teile des historischen Gebäudes, soweit möglich, wieder sichtbar zu machen. Man muss in die Tiefe der Zeit gehen. Es stehen wahrscheinlich noch viele Mauern aus der Zeit des alten Schauspielhauses von 1902. Am Ende kann man das neue Gebäude aufbauen wie eine russische Matrjoschka, also eine Puppe in der Puppe.

Eine große Rolle in der Frankfurter Debatte spielt die Angst vor einem langen Interim der Bühnen an einem anderen Ort.

Auch hier gilt es, durch ein besonderes Konzept am Ende Aufwand und Kosten zu sparen. Ich plädiere für ein Interimsgebäude, das danach als Bau für eine Akademie der Tonkunst genutzt werden kann, also als neues Domizil für das Ensemble Modern. Dieses Haus könnte zunächst die Oper aufnehmen, dann das Schauspiel. Dieses Interimsgebäude könnte entweder im Bereich des alten Universitätscampus in Bockenheim entstehen oder es könnte gegenüber der Alten Oper am Opernplatz errichtet werden.

Würde dort der Eingriff in die grünen Wallanlagen nicht zu groß ausfallen?

Man muss genau untersuchen, wie groß dieser Eingriff tatsächlich wäre und ob er nicht an anderer Stelle kompensiert werden könnte. Ich plädiere zugleich bei einer Sanierung der Theaterdoppelanlage für eine umfassende Stadtreparatur beim Willy-Brandt-Platz. Dazu gehört in meinen Augen auch, dass die frühere zweigeschossige Passage durch das ehemalige Hochhaus der Europäischen Zentralbank wieder geöffnet wird. Dort müssen wieder Läden angeboten werden wie es früher einmal war. Das würde für eine enorme Belebung des Platzes sorgen.

Braucht es jetzt einen städtebaulichen Ideenwettbewerb für die Zukunft der Bühnen?

Ja. Ich plädiere für einen internationalen offenen Ideenwettbewerb für das Interimsgebäude.

Müssten dabei auch junge Architekturbüros eine Chance bekommen?

Deshalb halte ich ja einen offenen Wettbewerb für sinnvoll. Jeder soll sich beteiligen können. Die bestehende Theaterdoppelanlage sollte man über ein Vergabeverfahren bewältigen, um die hierfür erforderliche Fachkompetenz zu gewährleisten.

Um noch einmal ausdrücklich zu fragen: Könnte eine Sanierung der Theaterdoppelanlage kostengünstiger sein als ein Neubau?

Ja, in jedem Fall. Unter anderem auch, weil das Interimsgebäude später die Akademie für Tonkunst beherbergen wird. Die städtische Stabsstelle zur Zukunft der Bühnen mit Michael Guntersdorf an der Spitze hat sicherlich mit großer Sorgfalt gearbeitet. Mein Denkansatz ist aber ein anderer. Ich möchte die Substanz erhalten, die vorhanden ist. Das bedeutet am Ende größeren Reichtum.

Die Corona-Pandemie wird die Entscheidung über die Zukunft der Bühnen stark beeinflussen. Womit rechnen Sie?

Die Corona-Krise wird den Prozess zur Zukunft der Bühnen abbremsen, das ist klar. Aber wir reden ohnehin von einem Projekt mit einer Zeitdauer von zehn bis fünfzehn Jahren. Die Verzögerung birgt auch eine Chance. Ich setze darauf, dass jetzt eine stärkere Nachdenklichkeit im Umgang mit wertvollen Bauwerken einsetzt. Ich hoffe sehr, dass sich die Tendenz verstärkt, historische Bausubstanz zu erhalten.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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