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„Theater in Deutschland“ von Günther Rühle: Die Suche nach dem Bogen

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Von: Marcus Hladek

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Günther Rühles dritter Band „Theater in Deutschland“

Es gibt Menschen, deren postume Würdigungen eintreffen wie nach einem Steinwurf: in Wellen. Günther Rühle gehört dazu. Das liegt nicht etwa an seinem langen Leben (er war 97, als er im Dezember 2021 in Bad Soden verstarb), sondern an seinen vielen Rollen und Positionen und den Büchern Rühles, die erst postum erschienen.

Als junger Journalist in Frankfurt stieß Rühle über die Frankfurter Rundschau und die „Neue Presse“ 1960 zur „Frankfurter Allgemeinen“, wurde 1974 deren Feuilletonleiter und 1985 Intendant am Schauspiel (bis 1990). Als Herausgeber und Autor kannte er kein Rentenalter. Sein wichtigster Beitrag zur Theatergeschichte wurde das dreibändige Werk „Theater in Deutschland: Seine Ereignisse – seine Menschen“. Die ersten Bände (1887–1945, 1945-1966) lagen seit längerem vor, als er starb. Die Herausgeber vollendeten die Sache wie von ihm instruiert. „Theater in Deutschland 1967-1995“, der Schlussstein seines, laut Peter Iden in dieser Zeitung, „Jahrhundertprojekts“, kam im Oktober in stattlichem Umfang bei S. Fischer heraus (800 Seiten, 98 Euro).

Kaum fünfzig Gäste fanden sich ein, um der Buchvorstellung durch die Herausgeber Hermann Beil und Stephan Dörschel sowie Matthias Redlhammer als Vorleser beizuwohnen, wovon sich Schauspiel-Intendant Anselm Weber einleitend „ein bisschen enttäuscht“ zeigte. Drei ältere Herren in seriös gedeckter Kleidung vor kleinem, gesetztem Kollegen-Publikum? Die Szene hatte etwas Theatrales, fast Verschwörerisches. Frei nach Ernst Bloch schwebte eher ein Noch als ein Schon über ihr.

„Noch immer kein Gesicht“

Rühle zeichnet einen Bogen vom aufgewühlten 1967 zu den letzten Stichflammen politischen Theaters, die er (nebst der hundertjährigen Krisen-Blüte des Dramas als Form) auf den Tod des Dramatikers Heiner Müller 1995 datiert. Rühle-Sätze wie „Was danach kam, hat noch immer kein Gesicht“, Thesen wie die vom Sieg der „Wedekind-Linie“ und einer „Gier nach Blitz-Geburten“ über Tschechows psychologischen Realismus und das Prinzip Darstellung deuten ein unbehagliches Missvergnügen an der „Postdramatik“ an.

Eröffnet wurde der Abend vom Zeitzeugen Günther Rühle, eingefangen vom Videokünstler Jonas Englert im Internetprojekt „zoonpolitikon.net“. Zu lernen war, wie der Sohn eines kleinstädtischen Wirtschaftsprüfers aus der Sicht von Opas Bäckerei in Weilburg/Lahn als Kind so gar nicht mit einem Leben mit der Kunst rechnete. „Ich habe die Armut dieser Zeit erlebt“ – mitsamt verstörenden Erinnerungen an um Brot bettelnde Menschen und Mitschüler ohne Schuhwerk, verschärft durch Bäckerburschen in SS-Uniform.

Hermann Beil, dieser berühmte Dramaturg und dank Thomas Bernhard Bühnenfigur und Titelheld, umriss die Aufteilung des dritten Bandes, der sich wie ein Zeitroman lese. Vietnamproteste und Theater-Mitbestimmung, Peter Weiss und „Vietnamdiskurs“ illustrierten die Frontenklärung 1967. Stephan Dörschel übernahm und stieß über Benno Bessons Hölderlin-„Ödipus“ mit Texteingriffen Heiner Müllers in die 1980er vor. Ein Rühle-Porträt Fritz Kortners, Rühles „Frontwechsel“ ins Theater, Einar Schleef und Martin Wuttkes Hamlet in Holger Bergs Regie, endlich das Tohuwabohu um Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ komplettierten den Abend – und Rühles nun vorliegende „Biographie des Theaters“.

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