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Ein Zellentrakt der JVA in Dresden.
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Ein Zellentrakt der JVA in Dresden.

Dresden

Texte auf der Haft: Auf dass Gefangene zu Wort kommen

Erfahrungsberichte aus dem Dresdner Knast in einem Buch: Anmerkungen des Herausgebers Ulfrid Kleinert.

In einer Redaktion mit Gefangenen hat der Autor dieser Zeilen zwanzig Jahre lang alle 14 Tage eine vierteljährlich erscheinende Zeitung von und für Gefangene erarbeitet. Unzensiert und unverstellt haben darin im Laufe dieser Zeit über 50 Inhaftierte ihre Erlebnisse im Dresdner Knast berichtet, kommentiert und zur Diskussion gestellt. In ihrer eigenen, andernorts viel zu wenig beachteten Sprache schildern sie den mühseligen Alltag einer totalen Institution genauso wie Konflikte untereinander und mit den verschiedenen Personalgruppen der Anstalt. Highlights sind für sie die seltenen Kontakte nach draußen und mit Menschen von draußen zu ihnen drinnen, weniger die angeblichen Skandale, von denen die Medien draußen berichten.

Dennoch schreibt die Dresdner Zeitungsredaktion „Der Riegel“ selbstverständlich auch ihre eigene Meinung zu Geiselnahme und Dachbesteigung, die tagelang Presseschlagzeilen und Fernsehsendungen bestimmten. Ihr Name „Riegel“ stammt noch von dem alten Dresdner Innenstadtgefängnis in der Schießgasse, in dem alle Zellen der Gefangenen mit einem Riegel von außen verschlossen wurden. Ihre Texte aber kommen jetzt aus dem modernsten und größten Gefängnis Sachsens, das 2001 erstmals belegt wurde und Platz für 800 Gefangene hat.

Weil die besten Texte der bisher vorliegenden 3000 Seiten Riegel ein facettenreiches anschauliches Bild der Gefängnisrealität von heute aus der Perspektive und in der Sprache der „Objekte“ dieser Institution ergeben, entstand der Plan für das hier anzuzeigende Buch über „ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert“.

Für sieben Kapitel sind deshalb die Riegeltexte ausgewählt, systematisiert und mit einem Kommentar eingeleitet worden. Sie handeln von „Kultur zwischen drinnen und draußen“, vom „Knastalltag“ und „Personal“. Sie diskutieren kontrovers über Themen wie „Drogen“, „Menschenwürde“, „Täter und Opfer“ oder auch „besondere Begegnungen“, Feiern von „Festen“, „Angst“ und „Resozialisierung“. Und stellen die interessantesten neuen Bücher vor (insbesondere zum „Strafvollzug“!), die in die Gefängnisbibliothek eingestellt werden. Auch berichten sie von den Fachtagungen, die der Dresdner Gefangenenunterstützungsverein „Hammer Weg e.V.“ unter Mitwirkung von Inhaftierten jährlich in der Evangelischen Akademie Meißen für 50 bis 100 Mitwirkende des sächsischen Strafvollzugs durchführt. Das letzte Kapitel bilden Gedichte und Satiren der Gefangenen, die zuguterletzt „im Rattenfänger von Dresden“ eine mysteriöse Ungezieferplage in Dresdens Justizvollzugsanstalt erklären. Und alles dies geschrieben aus Herz, Hirn und Feder der Gefangenen.

Sachsens Justizministerin Katja Meier (Bündnis 90/Grüne), selbst früher langjährige Gefängnisbeirätin, schreibt im Vorwort des so entstandenen Dreihundertseitenwerkes: „Schlägt man das Buch auf einer beliebigen Seite auf, erhält man einen authentischen Einblick in die realen Lebenswelten der Gefangenen (…). Was möglich wird, wenn Gefangene und Mitarbeiter:innen gemeinsam gestalterisch wirken und wenn Kommunikation funktioniert, auch davon legt das Buch Zeugnis ab.“

Der Herausgeber des so beschriebenen und beurteilten Buchs sollte selbst nicht rezensieren, was er mit zu verantworten hat. Aber er kann mitteilen, erstens was in dem Buch leider nicht steht, zweitens was ihm selbst besonders wichtig ist und drittens welche Wirkung er vom Buch erwartet.

Das Buch

Ulfrid Kleinert / Lydia Hartwig: Ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert . Notschriften-Verlag, Radebeul 2021. 308 S., 12,90 Euro.

Rückblickend fällt – erstens – auf, dass das Buch überlegter Weise mit dem Besten beginnt, was moderne Gefängnisse heute zu bieten haben. Das sind Ereignisse, in denen für Momente das Gefängnis seinen Charakter als totale Institution verliert, nämlich Formen einer Durchlässigkeit zeigt, in denen sich Drinnen und Draußen begegnen. Beispielsweise wo Musikgruppen von draußen im Gefängnis auftreten oder Theatergruppen von drinnen für draußen spielen, wo ein Fußballverein von draußen nach drinnen zum Sportfest kommt und „gegen“ Inhaftierte antritt – und danach davon draußen berichtet. In diesen Begegnungen liegt nach Meinung aller Schreiber des Buchs der Anfang für den Justizvollzug der Zukunft, für den sich die Gesellschaft mitverantwortlich fühlt. Das geschlossene Gefängnis ist dann wirklich nur noch ultima ratio für die wenigen Menschen, die anders als durch Einschluss nicht von schwerer Gewalt gegen andere abzuhalten sind.

Der eigentlich die „Kultur“ des Gefängnisses von heute bestimmende Knastalltag kommt erst im 2. Kapitel dran, weil die gegenwärtige Form des Justizvollzugs der Meinung der Buchschreiber zufolge der Vergangenheit angehört. Erst im Nachhinein fällt auf, dass in dem Buch wie in den 80 bisherigen rund 40seitigen Riegelheften versäumt worden ist, z.B. davon zu schreiben, wie es einem geht, wenn man zum ersten Mal die insgesamt über hundert Meter langen betonierten und mit eisernen verschlossenen Toren voneinander abgetrennten unterirdischen Gänge entlanggeführt wird, durch die man von einer Abteilung des modernen Dresdner Gefängnisses zur nächsten kommt. Ihn gehen Bedienstete mehrfach täglich und Gefangene meist in Begleitung von Bediensteten, wenn sie von diesen „durchgeschlossen“ werden. Manchmal fordern auch Lautsprecherstimmen und blinkende rote Warnlichter eindringlich dazu auf, diesen Bereich nicht zu betreten, weil es neben den weit überwiegenden vielen „friedlichen“ auch einige als gewaltbereit geltende Gefangene gibt, die in Handschellen gefesselt von mehreren kräftigen Bediensteten die Gänge entlanggedrängt werden. Auch das gehört leider zum Klima eines großen Gefängnisses.

Schmökert man jetzt – zweitens – im fertigen Buch, fällt einem die verblüffend direkte Sprache der gefangenen Redakteure auf, in denen ihre Verletzlichkeit und ihre Liebenswürdigkeit erkennbar wird. Die Texte sind meist zuerst in der Einsamkeit der Gefangenenzelle entstanden, wurden danach in der Redaktion verlesen, diskutiert und über sie entschieden. Oft veranlasste das Redaktionsgespräch Korrekturen oder auch eine gründliche Überarbeitung des Textes. Manchmal wurden Texte einvernehmlich zurückgezogen. Andere wurden als gut begründet übernommen, aber ihnen ein Contratext eines anderen Redaktionsmitglieds gegenübergestellt.

Gern denke ich an das Klima aufmerksamen Zuhörens und der Überprüfung der eigenen Meinung an der des anderen. Wohl auch deshalb sagte mir ein wegen rechtsextremistischer Gewalttat verurteiltes Redaktionsmitglied bei einem Abschiedsgespräch vor seiner Haftentlassung sinngemäß: Ich habe in den Redaktionssitzungen viel Widerspruch erfahren. Ich habe einige Meinungen dadurch geändert, andere aber auch nicht. Auf jeden Fall werde ich jedoch in keine der Kameradschaftsbünde mehr gehen, weil ich gemerkt habe, wie man mit unterschiedlichen Meinungen „klar aber fair“ umgehen kann.

Zum Schluss sei – drittens – die Dramaturgie genannt, die dem Buch zugrunde liegt. Sie läuft auf die Erkenntnis hinaus, dass große geschlossene Gefängnisse eine gewaltige Fehlinvestition vergangener Jahrhunderte sind, aber viele kleine, regional verankerte und auf Beziehungsstrukturen aufbauende Projekte dazu helfen können, das Resozialisierungsziel des Justizvollzugs eher zu erreichen.

Der Autor ist seit 2000 Vorsitzender des Beirats der JVA Dresden und des Hammer Weg e.V. – Verein zur Förderung Strafgefangener und Haftentlassener und war in den 1970/80er Jahren Beiratsmitglied der JVA Hamburg-Fuhlsbüttel .

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