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Man muss nicht literweise Wasser trinken, um mit hundert noch voll bei Verstand zu sein.

Familie

Tante Helis hundertster Geburtstag

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Der Berichterstatter lebt allein in Berlin. Er trifft wöchentlich einmal seinen fünfzigjährigen Sohn, zu dem er ein inniges Verhältnis hat. Aber sonst kennt er kaum jemanden aus seiner Familie.

Samstag. Mein Cousin ruft an: „Heli wird am Mittwoch hundert!“ Mein Cousin ist der Sohn des jüngeren Bruders meiner Mutter, Heli ist die Witwe des älteren Bruders meiner Mutter. Meine Mutter starb vor zehn Jahren, ihr älterer Bruder vor zwanzig und ihr jüngerer vor vier Jahren. Meine Tante Heli also wird hundert! Ich bin beeindruckt. Noch mehr aber bin ich erstaunt: „Ich dachte, Ihr hättet sie schon vor Jahren, ohne mir etwas zu sagen, unter die Erde gebracht.“ „Wo denkst du hin, nie hätten wir das getan.“

Mein Cousin ist ein gutaussehender, freundlicher Mann Ende fünfzig, ein Arzt, der endlos lange mit seinen Patienten spricht. Jedenfalls ist das mein Eindruck, als ich nach vier Stunden Bahnfahrt Mittwochmorgen um zehn in seiner Praxis eintrudele. Wir holen die bestellten Blumen ab und er zeigt mir den Champagner „Marie-Hélène“. „Für Helene einen Helenen-Champagner!“ So ist er. Er denkt an alles. Ich dagegen habe mich einfach auf ihn verlassen.

Der Familie entkommt man nicht. Man gehört zu ihr. Die Exoten werden mitgeschleppt und hinter ihrem Rücken erzählt man sich womöglich etwas grausige Geschichten über ihre Lebensuntüchtigkeit. Man belächelt sie und ein klein wenig findet man es auch toll, dass man auch solche Gestalten in seinem Genpool hat. Darauf glaube ich, mich verlassen zu können

Tante Heli ist aufgestanden, uns zu begrüßen. Das macht nicht viel Unterschied. Eher ist sie stehend kleiner als sitzend. Sie ist hellwach und sehr aufgeregt. Sie hat mit uns nicht gerechnet. Ich wundere mich, dass sie mich erkennt. Sie dagegen ist unverändert, ein zierliches, resolutes Persönchen. Sie verfolgt mit hellwachen Augen das Geschehen und achtet darauf, dass wir Kaffee und Kuchen bekommen. Es ist 11.40 Uhr. Seit 11.30 Uhr hält sie Hof. Ihre Tochter, ihr Schwiegersohn sind da, ihre – wenn ich das richtig verstanden habe – Nichte und deren Ehemann. Der heißt Frank Lehmann. Er hat aus der Börsenberichterstattung vor der Tagesschau eine Performance gemacht wie Kachelmann eine aus dem Wetterbericht. Hier sitzt er jetzt freundlich, heiter und macht mit seiner Stentorstimme Heli ein Kompliment nach dem anderen. Ohne ihn wäre auch das Geburtstagsständchen, das wir zum Champagner anstimmen, sehr dünn ausgefallen.

Ich traue mich nicht mitzusingen. Heli sieht mich an: „Deine Mutter hatte eine schöne Stimme. Sie war eine gute Sängerin.“ Sie betonte das „sie“ und blitzt mich an. „Richard“, das war der Name ihres vor zwanzig Jahren gestorbenen Gatten, „sang auch großartig“, lenke ich ab. „Aber sehr laut!“ grinst sie mich verschwörerisch an. In unseren siebzig gemeinsamen Jahren hatte ich sie nur von Richard schwärmen hören.

Ich erinnere mich an eine Kollegin, die mir erzählte, ihre Großmutter hätte als erstes die Erinnerung an ihren Ehemann aus dem Gedächtnis gestrichen, während sie vielstrophige blutige Uhlandballaden aus ihrer Schulzeit mit großem Vergnügen noch bis tief hinein in ihre Alzheimer-Existenz deklamierte.

Meine Tante zeigt keine Spuren davon. Sie erinnert sich besser als ich mich jemals an irgendetwas erinnern konnte. Sie fragt mich: „Deine Mutter hat mir einmal erzählt, du hättest eine Freundin, mit der du es sehr ernst meintest, eine Ärztin, was ist mit der?“ Ich lache verlegen. „Ich meinte es ernst. Sie nicht so sehr.“ Heli drückt mir die Hand.

Ihr rechts von mir sitzender Schwiegersohn möchte ihr etwas sagen. Sie reagiert nicht. Er wiederholt es. „Ich verstehe dich sehr gut. Meinst du, ich wäre auch blöd?“ Ich muss lachen. „Auch“?, sage ich. Jetzt lacht sie und grinst in Richtung Schwiegersohn. Familie. Sie besteht aus Klischees, aus gelebten Klischees. Ich bin froh, dass ich keine Schwiegermütter mehr habe, gegen die ich mich aufstemmen müsste.

Wer aus meinen Erzählungen den Eindruck bekommt, Heli habe Ähnlichkeit mit der alten Adele Sandrock, der täuscht sich. Undenkbar, dass sie mit einem Stock auf die Erde stampft und jemanden zusammenschreit. Kommandos gibt sie leise: „Ute, bring doch bitte den Herrschaften etwas zu trinken“, sagt sie ihrer Tochter, als das Paar von der Allianz-Versicherung kommt, um ihr zum Hundertsten zu gratulieren.

Seit mehr als dreißig Jahren bekommt sie alle zwei Monate einen winzigen Betrag überwiesen und jedes Jahr muss sie zeigen, dass sie noch lebt, um auszuschließen, dass Erben das Geld – 50 Euro – verprassen. Heute sind sie gekommen mit Blumenstrauß und Pralinen. Als sie gegangen sind, erzählt mir Heli, Richard habe damals ausgehandelt, dass sie den Betrag nicht einmalig ausgezahlt bekommen sollte, sondern stattdessen eine lebenslängliche Rente. „Ein Bombengeschäft“, flüstert sie mir ins Ohr.

An die Gratulation des Bundespräsidenten, die ihre Tochter mir zeigt, glaubt sie nicht. „Irgend einer von euch hat die in einem Copyshop hergestellt. Fake News!“ Als ich ihr sage, dass zum hundertsten Geburtstag jeder Bundesbürger automatisch einen Gruß des Bundespräsidenten erhalte, glaubt sie mir nicht. Sie scheint jetzt davon auszugehen, dass ich den Betrug organisiert habe.

„Mehr als 16 500 über Hundertjährige gibt es in Deutschland. Die meisten davon sollen übrigens in Berlin leben“, erzähle ich, um sie abzulenken. Sie sieht mich an, als durchschaue sie den Trick. Die anderen unterhalten sich inzwischen über anderes. Sie fühlt sich nicht wohl. Sie kann nicht mehr filtern. Wenn viele sprechen, hört sie alles und niemanden richtig. Ich bin alt genug, um das Problem zu kennen.

Vor einhundert Jahren wurde sie in Mährisch-Ostrau geboren. „Meine Geschwister“, erzählt sie, „waren Österreicher. Sie sind noch vor dem Ersten Weltkrieg geboren. Da gehörten wir zu Österreich. Ich bin in der Tschechoslowakei geboren. Ich wäre so gerne auch eine Österreicherin gewesen.“ Mehr sagt sie dazu nicht. Mit einem Male aber steht in einem kleinen Reihenhäuschen im Frankfurter Stadtteil Heddernheim im Jahre 2020 der Versailler Friedensvertrag im Raum. Von Politik ist ansonsten an diesem Nachmittag nicht die Rede. Das war früher anders. Die beiden Brüder meiner Mutter kamen sich immer mal wieder in die Haare. Von denen beide – schon bin ich neidisch – viele hatten.

Der Vater meines Cousins war der jüngere Bruder meiner Mutter und ihres älteren Bruders, der der Ehemann meiner hundertjährigen Tante war, hatte seine Frau kurz nach dem Krieg in der Jugendorganisation der SPD, bei den Falken, kennengelernt. Sie waren die Linken in der Familie. Wolfgangs Mutter ließ sich die Flugblätter mitbringen, die wir 1968 verteilten. Einmal sagte sie zu mir, ich war gerade Mitglied einer marxistisch-leninistischen Gruppierung geworden, das käme ihr alles „so altmodisch“ vor. Ich weiß nicht mehr, was ich ihr damals antwortete, aber ich wusste sofort, dass sie recht hatte. Kurz danach hatte ich den Club verlassen.

Ich helfe meiner Cousine in der Küche, spüle das Geschirr und trockne ab. Es ist das Häuschen meiner Tante. Hier gibt es keinen Geschirrspüler. Als ich ihr sage: „Morgens stehst du auf und sagst Ute, was du essen möchtest“, korrigiert sie mich. „Ute wohnt hier nicht. Ich koche mir alles selbst. So schmeckt es mir am besten.“ Sie hat guten Appetit, isst in den vier Stunden, die wir beieinander sitzen, drei Stück Kuchen und zwei Teller Gulaschsuppe. Dazu trinkt sie eine Flöte Schampus. Offenbar muss man nicht literweise Wasser trinken, um auch mit hundert noch voll bei Verstand zu sein. Der Gedanke, dass es daran liegen könnte, dass sie jeden Tag die FAZ liest, beunruhigt mich kurz. Aber sie erklärt mir, hundert habe sie niemals werden wollen, das Schicksal wolle sie wohl ärgern damit.

Die Nichte meiner Tante und ihr fideler Gatte haben uns verlassen. Die anderen unterhalten sich über ihre Zipperlein. Sie gehen auf die sechzig zu und spüren mal das eine Gelenk, mal das andere. Sie müssen zu Zahnärzten und Augenärzten, Herzschläge werden belauscht. Mein Cousin gibt freundlich Auskunft. Tante Heli interessiert das alles nicht. Sie hat es wohl hinter sich. Sie nimmt, stellt sich bei der Gelegenheit heraus, seit diesem Unfall vor dreiunddreißig Jahren, der ihr die Allianz-Rente beschert, ein Mittel gegen Bluthochdruck. Das ist alles. „Man hat das nie überprüft?“ fragt mein Cousin. „Wenn sie nach dem Unfall keinen Hochdruck gehabt hätte, hätte man sich Sorgen machen müssen.“ Heli lacht. Sie mag dem Thema keinen Gedanken mehr widmen und fragt nach Ulrike.

Ulrike ist ihre Enkelin. Sie wird nachher kommen. Ich kenne Ulrike als kleines Mädchen, das in wenigen Stunden ganze Zeichenblöcke mit Manga-Gesichtern füllte. Sie war gerade in Taiwan und wird demnächst nach Japan fliegen. Ihr Freund ist ein niederländischer Chinese. Ich mag Ulrike. Ohne sie zu kennen.

Ihr Bruder, ein junger Mann, sitzt die ganze Zeit schweigend bei uns. Er ist, wenn ich das richtig verstanden habe, wenn man es so nennt, Webseitenentwickler. Er schweigt, stellt sich heraus, weil er genau zusieht und zuhört. Er kommt nach seiner Mutter, denke ich. Ich merke, ich fange an, mich in dieser Familie, die ja auch meine Familie ist, zu bewegen und merke, dass ich mehr als vier Stunden hier bin. Die große Einhundertjahrfeier wird um 18 Uhr in einem Restaurant gefeiert werden. Da werde ich im Zug nach Berlin sitzen.

Mein Cousin bringt mich zum Bahnhof. Er ruft seine Mutter an, die Tante, die die klassenkämpferischen ML-Flugblätter, die ich ihr 1970 zeigte, als „altmodisch“ belächelte. Ihre Stimme ist gebrochen, sie kommt wie aus tiefer Depression heraus. Ich bin zu feige, mit ihr zu sprechen. Vielleicht aber will ich mir die Lebensfreude, mit der die hundertjährige Heli mich ansteckte, nicht nehmen lassen. Ein besserer Mensch, als ich es bin, ein Familienmensch vielleicht, hätte Tante Helis Lebensfreude freudig weitergegeben an Tante Anneliese. Ich verlasse lieber – wie kann man so blöde sein? – mit schlechtem Gewissen meine Familie.

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