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Szczepan Twardoch: Bei Russland einfach mal die Klappe halten

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Von: Harry Nutt

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Schriftsteller Szczepan Twardoch.
Schriftsteller Szczepan Twardoch. © Joanna Nowicka/imago

Mit einer wütenden Anklage hat sich der polnische Schriftsteller über die Arroganz westlicher Kolleginnen und Kollegen beklagt. Hat er recht?

In einem literarisch verfeinerten Wutausbruch hat sich der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch unlängst in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) bitter über die Überheblichkeit westlicher Intellektueller beklagt. Für sie stelle sich Osteuropa vor allem als absurdes Gebiet von fragwürdig verwaschener Identität dar, für das die üblichen Gesetze und Grundsätze der zivilisierten Welt nicht gelten, eine mit einem Fluch belegte Zone, für die Leid und Gewalt naturgegeben scheinen. Osteuropa sei, jedenfalls aus der Sicht einiger Intellektueller, nicht fähig, selbst über sein Schicksal zu bestimmen – es bleibt Objekt, das von den Großmächten manipuliert wird.

Anlass für Twardochs bittere Bilanz sind Einlassungen zum Ukraine-Krieg, in denen etwa die prominenten nordamerikanischen Intellektuellen Naomi Klein und Noam Chomsky den Druck der Nato auf Russland für den Überfall auf die Ukraine verantwortlich gemacht haben.

Demnach handele Russland, wenn es Mariupol dem Erdboden gleichmacht, Krankenhäuser, Theater und andere zivile Ziele bombardiert, aus Sorge um die eigene Sicherheit. „Die Angst der Menschen, die sich in den Kellern von Mariupol versteckten“, ruft Twardoch den kühlen Denkern zu, „zählt nicht, sie ist nicht die Angst von jemandem, der in den Augen der erwähnten Intellektuellen über sein eigenes Schicksal befinden dürfte.“ Geradezu verzweifelt mündet Twardochs Essay, in dem die Liste der Angesprochenen auch auf westeuropäische Kolleginnen und Kollegen erweitert, in dem Satz: „Liebe westeuropäische Intellektuelle: Ihr habt keine Ahnung von Russland. Russland hat euch nie berührt […] Und da ihr nichts versteht, ist es höchste Zeit, dass ihr in Fragen Russlands und Osteuropas einfach einmal die Klappe haltet. Punkt.“

Ist es heiliger Zorn, dem man mit Nachsicht begegnen sollte, erst recht, wenn Szczepan Twardoch sich in die inakzeptable Formulierung hineinsteigert, dass die Lüge zum russischen Wesen gehöre? Oder trifft er einen wunden Punkt, wenn er das auffällige Desinteresse westeuropäischer Intellektueller an den Verhältnissen in Polen, dem Baltikum, Belarus oder eben auch in der Ukraine thematisiert und daraus eine Mitschuld, dass die keineswegs im Verborgenen gehaltenen Vorbereitungen des Krieges geflissentlich übersehen wurden?

Man kann versuchen, mit statistischen Mitteln gegenzuhalten. Insbesondere deutsche Verlage waren über viele Jahre engagiert dabei, für die Werke aus der polnischen, ukrainischen, georgischen, russischen oder auch rumänischen Literatur deutsche Leser zu gewinnen. Ein Blick in die Statistik fällt indes ernüchternd aus.

Defizite des Wissens

Von den rund 10 000 Titeln die 2020 aus Fremdsprachen übersetzt und veröffentlicht wurden, waren es 70 Werke aus dem Russischen und 44 aus dem Polnischen, in der Liste der 20 am meisten übersetzen Sprachen kamen Ukrainisch, Georgisch, Ungarisch und Rumänisch nicht vor, obwohl doch die beiden Buchmessen in Leipzig und Frankfurt in ihren Länderschwerpunkten immer wieder engagiert auch osteuropäische Nachbarländer präsentieren.

Szczepan Twardoch würde den Nachweis an Übersetzungen wohl als halbherzigen Abwieglungsversuch zurückweisen. Wie groß die Defizite insbesondere des historischen Wissens über die Geschichte Osteuropas sind, offenbarte Außenministerin Annalena Baerbock kurz vor Beginn des Krieges, als sie bei einem Besuch in Kiew Waffenlieferungen mit dem Verweis auf die Verantwortung ablehnte, die aus der deutschen Geschichte hervorgehe.

Gerade aufgrund der von Deutschen verursachten Gewaltgeschichte hätte man Waffenlieferungen jedoch ausdrücklich begründen können. In der Aufarbeitung des deutschen Vernichtungskrieges sei die Sowjetunion leider oft mit Russland gleichgesetzt geworden, sagt denn auch der Historiker Michael Wildt, und es sei nicht gesehen worden, dass die nationalsozialistischen Massenverbrechen vor allem in der Ukraine, Belarus und Polen begangen wurden – und dass es dort auch stalinistische Massenverbrechen gab. In Deutschland, resümiert Wildt, „weiß man nach wie vor sehr wenig über die Gewaltgeschichte in Osteuropa“.

In dem Maß, wie Außenministerin Baerbock ihre Lektion gelernt und ihren Kurs korrigiert hat, sollten sich auch die Teilnehmer der aktuellen Debatte dringend einer historischen Nachbereitung unterziehen und die nun stereotyp vorgetragene Anklage etwa gegen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Politik als Außenminister durch eine ehrliche Selbstbefragung ersetzen. Über die Rolle einzelner Politiker hinaus wäre mit Blick auf ein frappierendes Ost-West-Gefälle auch von einer gesellschaftlichen Verantwortung zu sprechen.

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