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Skulptur des griechischen Philosophen Aristoteles am Eingang der Albert-Ludwig-Universitaet in Freiburg.

Corona-Krise

Systemrelevanz

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Was aber ist wichtig und wer wesentlich? Ein unangenehmes Wort beherrscht die Köpfe und die Krisendiskussion.

Viele Menschen schauen sich in diesen Tagen an, und wissen, wie Augenzeugen versichern, nicht so recht, was sie tun sollen, als Menschen, mitmenschlich. Was sie mit sich anfangen sollen, solo oder sozial. Unübersehbar handelt es sich um ein Problem, eines von einiger Relevanz.

Nicht nur anekdotisch (s. oben), sondern empirisch (s. unten) ist gesichert, dass in diesen Tagen der Krise, die das Coronavirus auch zwischenmenschlich auslöst, sehr viel Fernsehen geschaut wird, mehr als sonst, dem Gerät noch intensiver zugewandt. Das hat Folgen bereits für nur vier Augen, die sich nicht begegnen, erst recht für vier Augenpaare, die fixiert sind auf den Bildschirm, für dessen Gestaltung sich die Programmverantwortlichen allerdings alle Mühe geben. Also haben sie auch den „Medicus“ in diesen Tagen ein weiteres Mal ausgestrahlt, geht es doch im Film ganz zentral um eine Seuche, um die im persischen Isfahan des 11. Jahrhunderts wütende Pest (eingeschleppt durch Fanatiker und deren biologische Kriegsführung). Ein auf jeden Fall relevanter Film, gerade in diesen Tagen.

Bei aller unmittelbaren Bedeutung steht im Zentrum des Films eine Liebesgeschichte, wie halt in jedem TV-Event, liegt auf der Hand. Aber über zwischenmenschliche Direktkontakte hinaus wendet sich der Film noch anderen Dingen zu, nämlich Erfahrungen aus zweiter Hand – von Büchern soll also die Rede sein. Das sind zur Zeit des Films, im 11. Jahrhundert, bereits rund 15 Jahrhunderte alte Bücher. Man darf also von Relevanz über den Tag hinaus sprechen. In diesem Zusammenhang fällt immer wieder der Name des Aristoteles, des griechischen Philosophen, auch der Name Hippokrates, des Urvaters der Medizin, aber am intensivsten beruft sich die Figur des Chefarztes, des historisch verbürgten Ibn Sina, auf Aristoteles, dessen Bedeutung weiterhin.

Aristoteles also, man hat sein Andenken eingebettet in eine Abenteuergeschichte. Man wertet mit seinem Namen einen zupackenden Film auf mit griffigen Konstellationen, griffigen Konflikten, mit auf den TV-Zuschauer übergriffigen Rührszenen. Drei Gründe, um Abstand zu wahren. Wenn da nicht eine weitere Geschichte in diesem Leinwandepos mitliefe, als roter Faden die über die Bedeutung von Büchern. Dieses Wissen, Bücherwissen, wurde im fernen Persien, im Persien des 11. Jahrhunderts, gepflegt und weitergeben, auch von Ibn Sina als einem Vertreter der islamischen Aufklärung. Sie wurde von ihm verfochten, von gläubigen Muslimen gegen islamische Extremisten verteidigt, auch mit dem Leben bezahlt. Eine nicht ausgesprochene Wahrheit hinter dem Film ist die, dass es die in Europa zu wenig gewürdigte Traditionspflege durch islamische Denker war, wodurch die Antike schließlich auch im Europa der Neuzeit ihre Renaissance erlebte.

Bücher sind Gedächtnisspeicher, die ein materielles ebenso wie ein immaterielles Kulturerbe bereithalten (wenn man diese Speicher denn pflegt). Sie schaffen Orientierung, sie lassen, unübersehbar, auf ein Langzeitgedächtnis zurückgreifen, und sie geben für die lange zurückliegenden Einblicke, Einsichten und Erkenntnisse ein aktuelles Update an die Hand. Darunter einen so systemrelevanten Gedanken wie den, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem „bloßen Leben“ und einem „guten Leben“.

Aristoteles! Die Welt nach Corona wäre wohl dann einen Millimeter weiter, wenn verbindlicher Konsens würde, dass ein „gelingendes Leben“ (Aristoteles) in dieser Gesellschaft nicht von unglaublich coolen Bankern oder noch weit cooleren Fußballberatern vorgelebt würde, nicht von Immobilienspekulanten und den Vollprofis des Kapitalismus, nicht von den kleinen Dealern und den globalen Dealern. Denn wer dagegen ist wichtig und was? Macht man sich lächerlich, wenn man auf ein gelungenes Buch pocht, auf eine gelungene Theateraufführung hinweist, mit dem Finger auf ein, da!, gelungenes Bild zeigt? Was hat Substanz? Das System der Ablösesummen oder der Boni? Wer oder was wird wesentlich sein? Die Kassiererin, ein Popsong, Journalisten, Feuilletonisten, Pianisten, Ärzte, die Krankenschwester? Wer wird zählen, der, wie man naiv sagt, Hochkulturbetrieb oder der, wie man noch naiver sagt, Niedriglohnsektor, noch dazu für welches System? Emsig wird seit Tagen die Frage abgearbeitet: Wer wird zwingend notwendig sein, der, wie es höflich heißt, Finanzkapitalismus oder, wie es noch höflicher heißt, die soziale Marktwirtschaft? Aristoteles bedachte bereits: Jedes System beruht auf einem Kompromiss. Macht uns das für die Zeit nach der Pandemie unruhig, rebellisch oder zynisch?

Aristoteles war sicherlich kein Systemdenker, aber er dachte über Moralphilosophie und Politische Philosophie als ein systematischer Denker nach. Dabei entwickelte er universelle Ansprüche, von denen insbesondere der Gedanke, dass das Ziel des Staates im „guten Leben“ seiner Bürger bestehe, bis in unsere Gegenwart nachgewirkt hat – also über Coronazeiten auch hinaus? Unbedingt relevant in diesem Zusammenhang, dass der Philosoph den Menschen als ein gemeinschaftsorientiertes Lebewesen betrachtete, als zoon politikon. Allein dieser Gedanke bedeutet heute eine echte Challenge, die jedem Bürger und jeder Bürgerin, durch das Ausgangsverbot verwiesen auf die eigenen vier Wände, schwer zu schaffen machen kann. Aristoteles würde von einer Herausforderung sowohl theoretischer als auch praktischer Natur sprechen.

Man schlägt seinen Aristoteles zu, gebannt von dessen Verständnis eines „gelingenden Lebens“, das einem gerade in diesen Tagen (der Coronakrise) durchaus nahe gehen kann. Auch ist es nicht so, dass man dessen Tugendlehre mit solchen Stabilitätsankern wie Weisheit und Wissen, Klugheit und Kunstfertigkeit bloß distanziert zur Kenntnis nähme. Dass diese Faktoren bereits vor 2400 Jahren gar glücksrelevant waren, hat damit zu tun, dass Aristoteles das Glück stets körperlich dachte.

Denn zum Glück zählten für ihn nicht nur Wohlstand und stabiler Besitz. Oder Zugang zu Bildung und Wissen. Sondern als die sensibelste humane Ressource überhaupt: die Gesundheit eines Menschen. Dass dieser Gedanke für Aristoteles auf der Hand lag, geht in diesen Tagen unter die Haut.

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