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Medienkritikerin Borčak: „Der SWR hat sich diesen Skandal selbst eingebrockt“

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Von: Moritz Serif

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Melina Borčak kritisiert den SWR Podcast „Sack Reis“ scharf.
Melina Borčak kritisiert den SWR Podcast „Sack Reis“ scharf. © Privat

In dem SWR-Podcast „Sack Reis“ kommt eine Genozidleugnerin zu Wort. Borčak findet, dass die Journalistinnen für den Beruf ungeeignet seien.

Stuttgart – Die Folge „Kurz vor Krieg? Der zerbrechliche Frieden in Bosnien-Herzegowina“ des SWR-Podcasts „Sack Reis“ strotzt vor faktischen Fehlern. In der Sendung kommt eine junge Frau namens Milica zu Wort. Sie wisse nicht, ob es den von serbischen Truppen begangenen Massenmord, der vom Internationalen Gerichtshof als Genozid eingestuft wird, überhaupt gegeben habe. Eine wirkliche Einordnung des SWR folgt nicht.

Seit mehreren Monaten diskutiert Melina Borčak, Expertin für Medienkritik und Genozid, mit dem Sender – ohne Erfolg. Eine Sonderfolge eskalierte völlig. Sie wirft dem Sender vor, Genozidleugnung zu verbreiten. Im Gespräch mit FR.de von IPPEN.MEDIA sagt Borčak, dass selbst die korrigierte Folge voller haarsträubender Fehler sei. Die Verantwortlichen beim SWR, seien für den Journalismus ungeeignet, so die Expertin. „Das ist Schulreferatsniveau“, sagt Borčak über die Qualität des Podcasts „Sack Reis“.

Wie hat der SWR auf Ihre Hinweise reagiert?

Melina Borčak: Zunächst hat der SWR alles ignoriert. Stattdessen fand eine Täter-Opfer-Umkehr statt. Man könne nicht akzeptieren, dass der Host angegriffen werde. Der SWR hat sich diesen Skandal von vorne bis hinten selbst eingebrockt, denn die erste Kritik bezog sich noch gar nicht auf die Genozid-Leugnung, die im Podcast selbst vorkommt. Vom Sender veröffentlichte Instagram-Posts enthielten schwere Fehler. Kurz darauf stellte eine Zuhörerin fest, dass im Podcast eine Gesprächspartnerin zu Wort komme, die den Genozid an Bosniaken leugne.

Das heißt, der SWR hat die Anmerkungen nicht ernst genommen?

Richtig. Hätte der SWR auf die Hinweise reagiert und die Fehler korrigiert, was im Übrigen journalistische Pflicht ist, wären die viel größeren Fehler womöglich gar nicht aufgefallen. Dann rechtfertigte sich der Sender in einer Stellungnahme damit, dass man auch mit Menschen reden müsse, die andere Meinungen hätten.

SWR-Gesprächspartnerin leugnete Genozid an Bosniaken

Genozidleugnung ist keine Meinungsäußerung.

Das hat der SWR aber impliziert. Ich hatte das in einem Artikel für den journalist kritisiert und der Sender wollte es immer noch nicht einsehen. Monatelang leugneten sie die Leugnung. In der Sondersendung haben sie die Auffassung vertreten, dass das keine Straftat sei. Es war zum Fremdschämen. Sie meinten, dass ihre TV-Justiziare keinen „Straftatbestand Genozidleugnung” sehen. Natürlich nicht, weil es für die Genozidleugnung an Bosniaken in Deutschland kein entsprechendes Gesetz gibt. In Bosnien kann man dafür bis zu fünf Jahre Haft bekommen. Ich habe eine bosnische Juristin gefragt, die sich auf Genozidleugnung spezialisiert hat und wollte wissen, ob man die beteiligten Personen und den SWR dort anklagen könnte. Da der Podcast auch in Bosnien abrufbar ist, sei das möglich, so die Spezialistin. Sie wollte direkt loslegen mit der Klage.

Hinzu kommt die moralische Komponente...

Genau. Wenn ich im Ausland den Holocaust leugne und sage, es gibt dort keinen entsprechenden Straftatbestand, kann ich ja nicht so tun, als ob das keine Holocaustleugnung wäre. Auch in der Sonderfolge argumentierte der Sender so.

SWR-Podcast: „Meine Kritik wurde nicht angenommen“

In der Sonderfolge hatten Sie keine Gelegenheit, Kritik anzubringen. Sie wurden unterbrochen, konnten nicht ausreden und ihre Gesprächspartner haben sie ausgelacht. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Es war sehr frustrierend. Ich stand sehr unter Druck. Meine Kritik wurde nicht angenommen. Es war so, als ob ich gegen eine Wand geredet hätte. Ständig hieß es: „Unsere Anwälte sehen das aber anders.“ Teilweise hatte ich das Gefühl, dass es Absprachen zwischen der Moderatorin und der Redaktionsleitung gab. Alle waren vom SWR, es gab also keine neutrale Moderation.

Hatten Sie das Gefühl, dass der Sender Ihre migrantische Kritik ernst nahm?

Nein. Wenn Menschen mit migrantischem Hintergrund eine Redaktion kritisieren, dann ist es leicht zu sagen: „Ach Chef, das muss man nicht ernst nehmen, ist bestimmt irgendein Patriot oder ein Betroffener, der nicht möchte, dass sein Land schlecht dasteht.“ In der Sonderfolge wollte ich das der SWR-Redaktion erklären, doch meine Kritik wurde nicht ernst genommen. Stattdessen haben sie mich ausgelacht, „frech“ und „gemein“ genannt.

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Selbst die korrigierte Fassung des Podcasts steckt voller haarsträubender Fehler. In dem Podcast heißt es zu Beginn, dass sich Menschen wegen ihrer Ethnien gegenseitig getötet hätten. Dabei war es ein Genozid an bosnischen Muslimen, verübt von serbischen Nationalisten. Außerdem hieß es, Bosnien habe drei Parlamente. Haben Sie noch weitere Fehler gefunden?

Wer sich den Podcast anhört, merkt gar nicht, dass es massive Kritik gab. Es gab keinen Disclaimer, nichts. Das ist ein Verstoß gegen den Pressekodex. Man muss transparent berichten. Der Sender hat Fact-Checking durch Klischees ersetzt. Insgesamt sind es über 70 Fehler, die ich entdeckt habe. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Laut der Folge hätte angeblich jede Ethnie in Bosnien ihr eigenes Geschichtsbuch. Ich selbst bin in Sarajevo aufgewachsen. Wie stellt man sich das denn vor? Dass jeder in der Schule eigene Bücher bekommt und eigenen Unterricht? Das ist kompletter Blödsinn.*

SWR-Podcast „Sack Reis“: „Zuschauer sollen nicht Sherlock Holmes spielen“

Können Sie weitere Beispiele nennen?

Der Podcast behauptet, dass Ratko Mladić (ethnisch serbischer Kriegsverbrecher), wegen Völkermordes vom Internationalen Strafgerichtshof (ICC) verurteilt wurde. Noch nie hat der ICC ein Urteil wegen Völkermordes gesprochen, das wäre ein historischer Fall gewesen. In Wirklichkeit war es das UN-Kriegsverbrechertribunal ICTY, das ihn hinter Gittern steckte. Außerdem gab es falsche Übersetzungen. Milica sagte: „Nein, ich habe niemals mit meinen muslimischen Freunden über den Krieg geredet.“ Übersetzt hatte der Sender es mit „meistens nicht“ – was ein großer Unterschied ist. Karin Feltes, Redaktionsleiterin, spielte den Fehler herunter. Man könne das ja hören, da die deutsche Synchronstimme und das Original zu hören seien, was auch falsch war, denn die deutsche Stimme lag über dem Original. Zudem sollen die Zuschauer nicht Sherlock Holmes spielen müssen.

Wie sollte der Sender mit der Folge umgehen? Sie ist immer noch online.

Selbstverständlich sollte die Folge umgehend gelöscht werden. In einer Sonderfolge könnte man alle faktischen Fehler aufarbeiten. Problematisch ist auch folgende Aussage von Milica: „Ich muss ja in die Zukunft blicken“, das kennen wir aus Deutschland als: „Wir brauchen einen Schlussstrich, wir wollen nicht mehr über den Holocaust reden.“ Man könnte die Menschen darüber aufklären, wie man das erkennt.

Moschee in Srebenica
Eine Moschee in der bosnischen Stadt Srebenica, wo sich ein Völkermord ereignete. © Fehim Demir/dpa/picture alliance

Der SWR sagt, dass man die Folge aus Gründen der „Transparenz“ nicht löschen wolle..

Die mehreren Posts zur Folge, an denen die erste Kritik kam, wurden sofort gelöscht - inklusive der kritischen Kommentare. Wo war da die Transparenz? Die Ausrede kaufe ich ihnen nicht ab. Der Sender müsste zumindest darauf hinweisen, dass in der Folge Genozid-Leugnung stattfindet und falsche Fakten verbreitet werden. Stattdessen heißt es, dass es ein historisches Dokument sei, das online bleiben müsse. Das kann doch nicht sein, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender einen Beitrag veröffentlicht, der über 70 Fehler enthält und man so damit umgeht. Es müsste personelle Konsequenzen geben.

Borčak fordert Konsequenzen für SWR-Verantwortliche

Sie meinen damit diejenigen, die an der Folge beteiligt waren?

Ja, aber auch andere Verantwortliche. Ich habe den SWR angefragt und wollte wissen, welche Expertise eine Mitarbeiterin in Bezug auf den Genozid an Bosniaken habe. Der Sender antwortete mir, dass sie einige Artikel zu dem Thema gelesen und sie in einem Word-Dokument zusammengefasst habe. Das ist doch Schulreferats-Niveau. Es ist schockierend. Auch, wie sie mit ihren eigenen Fehlern umgegangen sind. Wie sollen wir uns darauf verlassen können, dass sich solche Fehler in Zukunft nicht wiederholen? Ihrer Arbeit kann nicht vertraut werden. Es ist hart, eine Kündigung zu fordern, aber wer dermaßen schlecht arbeitet und dermaßen kritikresistent ist, ist für den Journalismus nicht geeignet. Der SWR sollte außerdem eine saftige Spende an eine Genozidgedenkstätte in Bosnien oder den Verein im Krieg vergewaltigter Frauen und Mädchen zahlen, um es wiedergutzumachen, was ja eigentlich gar nicht möglich ist.

Gibt es noch weitere Folgen, die Fehler enthalten?

Bestimmt mehrere, aber ich habe mir nicht alles angehört. Es gibt eine sehr problematische Folge, die der SWR über Ungarn produziert hat. In dieser Episode haben sie mit einer Orban-Unterstützerin gesprochen, mit zu viel Verständnis und zu wenig Widerstand. Am selben Tag, als die Welt geschockt war von Orbans Holocaust-Witzen und seiner Rede gegen „Rassenmischung”, hat ein SWR-Mitarbeiter diese „Sack Reis“-Folge stolz beworben. Die Redaktion sitzt in Stuttgart und tut so, als ob sie Expertise für die gesamte Welt hätte, doch sie haben sehr niedrige journalistische Standards, was fahrlässig und sehr gefährlich ist.

Wie kann sich das auf den Journalismus auswirken?

Diese Folge ist gefährlich. Die falschen Fakten können von unwissenden Kollegen übernommen und weiter verbreitet werden. Fälschlicherweise wurde so oft behauptet, dass der Krieg in Bosnien kein Angriffskrieg, sondern ein Bürgerkrieg gewesen sei. Serbien hat mit der Milosevic-Vergangenheit immer noch nicht abgeschlossen. Vorgestern wäre ein überlebender Bosniake fast Opfer eines Anschlages geworden. Man bringt wirklich Menschen in Gefahr. Deshalb ist die Leugnung von Genoziden in den entsprechenden Ländern auch verboten. Für den Journalismus ist ein Riesen-Schaden entstanden.

Das Gespräch führte Moritz Serif.

Transparenzhinweise: In der ursprünglichen Version waren die Namen der am Podcast Beteiligten genannt. Wir haben diese entfernt. Auch sagt Melina Borčak: „Laut der Folge hätte angeblich jede Ethnie in Bosnien ihr eigenes Geschichtsbuch. Ich selbst bin in Sarajevo aufgewachsen. Wie stellt man sich das denn vor? Dass jeder in der Schule eigene Bücher bekommt und eigenen Unterricht? Das ist kompletter Blödsinn“.

*In Bosnien hängt es von der Schule ab, welche Geschichte unterrichtet wird. In manchen Landesteilen wird der Inhalt der Schulbücher zentral festgelegt. In anderen Teilen können die Schulen frei bestimmen. Das hat zur Folge, dass Schüler:innen in manchen Lehranstalten getrennt nach Ethnien unterrichtet werden.

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