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Rudolph Valentino (1895-1926) in einem Filmstill von „Der Scheich“.
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Rudolph Valentino (1895-1926) in einem Filmstill von „Der Scheich“.

Hollywood

Rudolph Valentino im Stummfilm „Der Scheich“: Massenmedium und Massenhysterie

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Vor einhundert Jahren kam „Der Scheich“ mit Rudolph Valentino in die Kinos, der ein Superstar und Sexsymbol wurde.

Vor hundert Jahren, Ende Oktober 1921, hatte in den Kinos der Westküste der USA ein Film Premiere, der Epoche machte. Er revolutionierte das Gemütsleben und das Verhältnis der Geschlechter. „Der Scheich“ heißt er. Regisseur war George Melford. Die Titelrolle hatte Rudolph Valentino, Vorlage der Handlung des Films war der Bestseller der englischen Autorin Edith Maud Hull.

Es ist ein rassistischer, Frauen verachtender Schmachtfetzen. Eine englische Aristokratin wird von einem Wüstenscheich entführt und vergewaltigt. Am Ende liebt sie den Entführer und es stellt sich heraus: Er ist kein Araber, sondern sein Vater war ein englischer Aristokrat und seine Mutter eine Spanierin. Das ist auch die Geschichte des Films. Auf Youtube gibt es ihn zu sehen.

„Der Scheich“: Ein dummer, uninteressanter Film

Rudolph Valentinos damalige Freundin und spätere Ehefrau, die Kostümbildnerin und Schauspielerin Natacha Rambova (1897 – 1966), die später eine anerkannte Ägyptologin wurde, riet Valentino von der Rolle als Scheich ab. Das Stück sei Trash und würde ihm in seiner Schauspielerkarriere nur schaden. Einer der großen Produzenten Hollywoods, Cecil B. DeMille erklärte, „Der Scheich“, sei ein dummer, uninteressanter Film, dem nicht nur selbst die geringste Spur von Realismus abginge. Er sei außerdem noch gähnend langweilig. „Es gibt die schönsten Aufnahmen durch die Wüste reitender Araber darin. Ich dämmerte weg und als ich wieder aufwachte, ritten sie noch immer.“ Das schrieb Cecil B. DeMille, als der Film längst alle Zuschauerrekorde der Stummfilmära gebrochen hatte.

Rudolph Valentino, geboren am 6. Mai 1895 im apulischen Castellaneta als Rodolfo Alfonso Raffaello Pierre Filiberto Guglielmi di Valentina d’Antonguella, war mit 18 Jahren in die USA gezogen. Eltern und Verwandte hatten ihm die Reise finanziert, um den Nichtsnutz loszuwerden, der sich weigerte etwas zu lernen, dafür aber gerne Diebstähle beging und Mädchen und Ehefrauen des Ortes nachstellte. Seine Mutter erklärte, er sei ein fauler Herumtreiber gewesen, der davon geträumt habe, einmal reich und berühmt zu werden – ohne irgendetwas dafür zu tun. Aber er sei auch schon als Kind schön wie ein Engel gewesen. Das hinderte sie freilich nicht daran, immer wieder seinen Onkel zu bestellen, um dem Buben eine Tracht Prügel zu verabreichen.

Rudolph Valentino: Reiche Frauen fütterten ihn durch

Am 23. Dezember 1913 kam der 18-jährige Valentino in New York an. Er sprach kein Englisch, wahrscheinlich nicht einmal Italienisch, sondern nur den Dialekt seiner Heimat. Er hatte kein Geld, der Arbeit, die ihm angeboten wurde, entlief er immer wieder. Bis er ganz unten war und auf der Straße oder in Parks schlief. Nach ein paar Monaten bekam er eine Stelle als Eintänzer und lernte so reiche, ältere Damen kennen, die ihn durchfütterten. So kam Valentino auch das erste Mal in die Zeitungen. Er spielte in einem Scheidungsprozess, der ein New Yorker Gesellschaftsskandal war, eine Nebenrolle.

Valentino floh an die Westküste, setzte dort seine Tätigkeit fort, bis er 1917 kleine Rollen in Theater- und Musical-Produktionen übernahm. So kam er zum Film. Es waren kleine Rollen und er fast immer der Gangster.

Anfang 1921 war „Die vier Reiter der Apokalypse“ in die Kinos gekommen, ein Anti-Kriegs-Film nach dem Roman des spanischen Autors Vicente Blasco Ibanez. Ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum.

Jetzt also „Der Scheich“. Das war noch einmal etwas ganz anderes. Valentino war von da an Superstar. Ein Sexsymbol. Zeitungen berichteten von Kinovorstellungen, in denen Frauen aufschrien, wenn der Held die Frau schnappte, vor sich auf den Pferderücken legte und in die Wüste ritt. Sie schrien nicht vor Entsetzen. Sie schrien vor Begeisterung, vor Lust.

Rudolph Valentino in „Der Scheich“ erzeugte die erste weibliche Massenhysterie

Mit „Der Scheich“ hatte das Massenmedium Film die weibliche Massenhysterie erzeugt. Vorher kannte man, dass begeisterte Männer zu Hunderten Operndiven und Schauspielerinnen vor den Bühnenausgängen belagerten. Bei Valentino waren es Frauen – sie hatten 1920 das erste Mal den Präsidenten wählen dürfen –, die in aller Öffentlichkeit ihre Begeisterung hinausschrien. Das war neu. Sie waren überall hingerissen von diesem Kerl, der sie ergriff, der sie nahm und ... liebte.

Die Geschichte des Erfolgs Rudolph Valentinos – ein Nachkriegsphänomen – hilft einem, eine Ahnung zu bekommen von der Ambivalenz der Gefühle – denen, die man hat und denen, die einem entgegengebracht werden. Valentino schildert selbst in einem seiner Bücher, wie Frauen versuchten, ihm die Kleider vom Leib, die Haare vom Kopf zu reißen, wie er um sein Leben fürchtete. Angeheizt wurde diese Begeisterung auch durch Pin-Up-Fotos von Valentino. Einen schwachen Abklatsch davon kann man sehen, wenn man Rudolph Valentinos Fitness-Buch im Internet aufschlägt, in dem er die Übungen mit freiem Oberkörper vorführt.

Als ich zur Schule ging – das ist jetzt sechzig Jahre her – fragten wir eine Klassenkameradin, die von ihrem Freund abgeholt wurde: „Ist das dein Scheich?“ Wir hatten keine Ahnung, was wir sagten. Valentinos Scheich war in vielen Ländern in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. „Latin Lover“ war eine Wendung, die für Valentino erfunden worden war.

Rudolph Valentinos Beerdigung war purer Trash

Dass in der Brutalität der Männer sich ihre Liebe zeige, das war die zentrale Botschaft des Films. Frauen müssen diese Geheimschrift entziffern können, sonst kommen die, die füreinander bestimmt sind, nie zusammen. Die Begierde, die sie nicht in Worte fassen können, zeigen die Männer in Taten, in erniedrigenden, verletzenden Taten.

Man wird den Erfolg des Films nicht verstehen, wenn man nicht den Gedanken zulässt, dass die Millionen Frauen in den Kinositzen der USA, Lateinamerikas und Europas nicht doch auch davon träumten, dass ihre Ehemänner, die entweder keinen Gebrauch machten von ihren „ehelichen Rechten“ oder aber ihre Frauen dabei missbrauchten, in Wahrheit „Scheichs“ waren, die am Ende – mitten in der Achtlosigkeit, in der Verachtung und Gewalt ihrer Beziehung – doch noch Zuwendung, Zärtlichkeit und Liebe entdecken konnten.

Am 23. August 1926 starb Rudolph Valentino. Seine Beerdigung in New York war eine ebenso trashige Inszenierung wie „Der Scheich“. Im offenen Sarg lag nicht Valentino, sondern eine Kopie aus Wachs. Pola Negri, eine der berühmtesten Filmschauspielerinnen der Zeit, folgte dem Sarg wie eine Witwe und erklärte, sie und Valentino seien im Begriff gewesen, zu heiraten.

Bei der von einhunderttausend Menschen besuchten Veranstaltung wurden in dem Gedränge viele verletzt. Seine letzte Ruhe fand Rudolph Valentino auf dem Hollywood Forever Cemetery. Sein Grab soll bis heute das meistbesuchte dort sein. (Arno Widmann)

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