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Streik bei der „New York Times“: Entgegen der noblen Werte

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Von: Sebastian Moll

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Streik vor der Redaktion. Foto: afp
Streik vor der Redaktion. © Getty Images via AFP

Angestellte der „New York Times“ fordern eine gerechte Bezahlung. Von Sebastian Moll

Donald McNeil und Nikole Hannah-Jones sind nicht die dicksten Freunde – schließlich war Hannah-Jones maßgeblich dafür mitverantwortlich, dass ihr Redakteurskollege bei der „New York Times“ wegen eines vermeintlich rassistischen Vorfalls seinen Job verlor. Doch die beiden scheinen das abgeheftet zu haben. Am Donnerstag standen sie als Gewerkschaftsgenossen Arm in Arm an der 42nd Street in Manhattan und führten den spektakulärsten Streik an, den es in den USA seit Jahrzehnten in der Medienbranche gegeben hat.

Rund 1100 „New York Times“-Mitarbeitende, aus der Redaktion, der Dokumentation bis hin zu IT-Fachkräften, gingen in der vergangenen Woche für 24 Stunden in den Ausstand, um für fairere Verträge zu demonstrieren. Die Journalistinnen und Journalisten der wohl wichtigsten englischsprachigen Zeitung forderten an die Inflation angepasste Gehälter, Erhöhungen nach gerechten, nachvollziehbaren Maßstäben und das Beibehalten der Betriebsrenten des Verlags. „Die Zeitung verkörpert viele gute und noble Werte“, sagte die Filmkritikerin Manohla Dargis beim Streik. „Doch sie muss daran erinnert werden, dass wir keine Nonnen und Priester sind, die sich dem Herrgott ohne Gegenleistung opfern.“

Der Streik bringt den Verleger A.G. Sulzberger und die Geschäftsführerin Meredith Kopit Levien in eine unbequeme Lage. Die „Times“ hat sich in ihrer Berichterstattung stets für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern, für Gewerkschaften und gerechte Bezahlung stark gemacht. Im Wahlkampf 2016 stellte sich die „Times“ hinter Elizabeth Warren, eine der Vorkämpferinnen für die Anliegen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Nun befindet sich die Führung der „Times“ im Fadenkreuz gerade dieser Interessenvertretungen.

Anders als viele andere traditionelle Medienunternehmen könnte es sich die „New York Times“ eigentlich leisten, ihre Angestellten gut zu behandeln. Das Unternehmen ist wirtschaftlich gesund. Im dritten Quartal 2022 machte es 69 Millionen Dollar Gewinn – und das trotz erhöhter Ausgaben in der Folge von Neuakquisitionen wie dem Sportnachrichtenportal „The Athletic“.

Die Zeitung gilt seit Jahren als Paradebeispiel dafür, wie klassische Nachrichtenmedien die digitale Transformation nicht nur überleben, sondern mit ihr florieren können. Die Zeitung strebte früh danach, sich von digitaler Werbung, von Google und Facebook unabhängig zu machen und sich auf zahlendes Publikum zu verlassen. Man investierte in die Qualität der Berichterstattung und in neue digitale Angebote, von Podcasts über Kreuzworträtsel bis hin zu Kochrezept-Abos.

Millionen für die Chefetage

Seit Jahren bricht die „Times“ jährlich den Abonnements-Rekord. Mehr als zehn Millionen Leserinnen und Leser zahlen für ein Abo. Und die Entlohnung der Führungsetage stieg an. Herausgeber Sulzberger zahlt sich 3,6 Millionen Dollar im Jahr, 50 Prozent mehr als noch 2021. Geschäftsführerin Kopit Levien bekommt 5,8 Millionen Dollar. Die Gehaltserhöhungen in der Redaktion blieben indes weit hinter der Inflationsrate zurück. Im laufenden Jahr bekamen die Angestellten zwei Prozent mehr als 2021. Für die kommenden Jahre bietet der Verlag 5,5 Prozent an, die Gewerkschaft verlangt zehn Prozent.

Der Verlag rechtfertigt seine Zurückhaltung mit der schwierigen Lage der Branche. Medienunternehmen wie CNN mussten angesichts schwindender Werbebudgets Angestellte entlassen. Die streikenden „Times“-Angestellten behaupten aber, ihre Zeitung sei von dieser Krise nicht betroffen. „Man erzählt uns ständig von einer harten ökonomischen Zukunft“, hieß es in einem offenen Brief der Gewerkschaftsvertreter:innen. „Zugleich prahlt der Verlag gegenüber den Aktionären mit seinen glänzenden Zahlen.“ James Poniewozik, Medienredakteur der „Times“, sagt: „Wenn ich paranoid wäre, würde ich behaupten, der Verlag zögert die Verhandlungen so lange hinaus, bis er durch eine härtere Wirtschaftslage eine bessere Verhandlungsposition hat.“

Die Abonnentinnen und Abonnenten haben derweil von dem Ausstand kaum etwas mitbekommen. Um die Webseite zu bestücken hatte die Zeitung noch ausreichend Geschichten auf Lager. Aktuelle Stories wurden von Korrespondentinnen und Korrespondenten betreut, die nicht gewerkschaftlich organisiert sind. Beim letzten großen Pressestreik 1963 legten vier große Zeitungen, darunter die „New York Times“, mehr als drei Monate lang ihre Arbeit nieder. Am Ende starb der „Times“-Herausgeber Orvil Dryfoos an einem Herzinfarkt.

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