Die Dortmunder Spieler feiern mit ihren Fans auf der Suedtribuene den Sieg.
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Die Dortmunder Spieler feiern mit ihren Fans auf der Suedtribuene den Sieg.

König Fußball

O du stets präsente „Süd“

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Mit Hans Ulrich Gumbrechts „Crowds“ lassen sich die fußballlosen Tage ganz gut überbrücken.

Für seine Leidenschaft geht der Liebhaber die weitesten Wege. Wie oft schon ist so etwas geschehen – und beinahe genauso häufig überliefert worden. Ja, die Macht der Erzählungen, und erst recht die Supermacht der Legenden. Doch so abgegriffen diese sein mögen, unwiderlegbar sind sie allerdings auch. Und so hat denn der Fußballliebhaber Hans Ulrich Gumbrecht wegen seiner Leidenschaft keinen weiten Weg gescheut. In Erwartung der „wonnevollen Verzückung“, wie der Nichtfußballfan Friedrich Nietzsche wusste, aber als Fachmann der Massen und des Dionysischen zitiert wird.

Das Stadion als Ort, in dem das Individuum aufgeht in der Masse, der Einzelkörper in einem Gesamtkörper, der noch so mickrige Leib in einem „mystischen Körper“. Und schon nimmt der Literaturwissenschaftler aus Kalifornien den Leser gleich mal mit ins „La Bombonera“, in die „Pralinenschachtel“ von Buenos Aires, in das Stadion der Boca Juniors, angezogen von magischen Namen, darunter – der Name der Nr. 10 sei gerne gemurmelt – Diego Armando Maradona. Unvergessen auch das Präsenzerlebnis des Rezensenten, beim 3:1 des SSC Neapel über die Bayern, in tiefer ambrosischer Nacht, in Günter Behnischs herrlichem Münchner Olympiastadion, das jedoch nie ein tolles Fußballstadion war, beileibe nicht.

Ganz anders als das Tollhaus „La Bombonera“! Gumbrechts Besuch ist jedoch überraschend, gilt er doch einem, gemessen an den Möglichkeiten, traurigen Ort, einem menschenleeren Stadion am Nachmittag, einem, in dem am frühen Abend die Lichter ausgingen. Auch noch Stromausfall? Jedenfalls keine Massen unter Strom. Kann man es besser erfinden? Dennoch harrte der Eindringling aus in der sagenumwobenen Arena, verbrachte der einzige Besucher die Nacht an diesem Ort, sich nicht etwa fürchtend, sondern sich seinen Gedanken an große Spiele hingebend. Am Morgen glücklich aufwachend, von seinen Fußballträumen erquickt.

Was immer Gumbrecht sich bei seinem legendären Besuch gedacht haben mag und über seine legendenhaften Wiedergabe eines einsamen Liebhabers in einer langen Stadionnacht hinaus in den Raum stellen möchte: Als Literaturwissenschaftler weiß er die Zeichen zu deuten, die ein Stadion aussendet, der Fußball, der Ball selbst, ebenso wie das Fußballspiel. Gumbrecht weiß die Rituale der Fans ebenso zu lesen wie die Choreografien auf den Tribünen, darunter diejenigen auf „Der Süd“, der Südtribüne in Dortmund, der größten Stehplatztribüne Europas. Die „Süd“, mag sie noch so sehr in Erregung versetzen, und mag sie noch so sehr Hingabe fordern, auch an steil aufschießende Hochgefühle: Die „Süd“ ist für Gumbrecht (ebenso wie für den Rezensenten) ein Risikostandort.

„Crowds“: Menschenmassen, so der Buchtitel, was aber auch ein wenig nach kurios klingt, vielleicht sogar nach Krawall? Waren nicht die Weltkriegsdeutschen die Krauts? Gumbrecht unternimmt eine Analyse des „ambivalenten Status der Masse“. Weit entfernt davon, die „unverantwortlichen Impulse“ der Menschenmassen zu leugnen, sieht er sich zu einem entschiedenen Widerspruch gegen die „Verachtung der Massen“ herausgefordert. Die „allgegenwärtige Inkubationsspur der Massenverachtung“ führt zurück in eine Autorenliga, die kaum exquisiter sein könnte: von Friedrich Nietzsche über Gustave Le Bon, Sigmund Freud, Ortega y Gasset, Elias Canetti, Siegfried Kracauer, Adorno und Horkheimer, Peter Sloterdijk bis Gunter Gebauer und Sven Rücker – eine Elf. Wahrhaftig ein Team der Filigrantechniker einer Kulturkritik, gegen die Gumbrecht jedoch erstens die „unmittelbare Präsenz mindestens eines Sportereignisses pro Woche“ vorzubringen weiß, jedenfalls fast. Sowie, neben seinen affektiven Bedürfnissen, eine intellektuelle Beschäftigung mit dem „mystischen Körper“.

Das Buch

Hans Ulrich Gumbrecht: Crowds. Das Stadion als Ritual von Intensität. Klostermann Verlag, Essay 5. 154 S. 14,80 Euro

Der eingefleischte Fan wäre keiner, wenn er von seinem Leib absähe, also seinen Körpergefühlen. Das Spektrum reicht von der Ekstase bis zum stillen Wohlbehagen, vom aggressiven Exzess bis zur stummen Genugtuung. Wie sehr die Masse mitreißt, führt Gumbrecht an in der Tat mitreißenden Ereignissen aus, angefangen vom Tanz ums Goldene Kalb über den Kreuzigungsexzess in Jerusalem über die Glorious Revolution, 1688 in England, über den Sturm auf die Bastille, 1789, oder den auf das Winterpalais, 1917. Auch das Buch selbst geht weite Wege.

Wenn Gumbrecht das Stadion als „Ritual von Intensität“ beschreibt, so wird das Stadion geradezu zum Akteur und Subjekt, in dem die Massen (als Objekt) zusammenkommen. „Präsenz“ ist das Zauberwort, das immer wieder aufblitzt in diesem Essay, der sich länger als 90 Minuten liest, und dessen Matchplan auf einem wilden Offensivdrang basiert, so dass auch Massenphänomenen wie Schwarmverhalten oder Spiegelneutronen nachgespürt wird.

Auf die „Gewalt-Affinität der Massen, vor allem der Massen in Stadien“ nachdrücklich aufmerksam machend, die sich nicht wegtherapieren, weder vollkommen kontrollieren noch eliminieren, allenfalls nur minimieren lassen, beharrt der Autor auf dem „Potential von Hochstimmung“, auch hier auf dem Potential der Präsenz – nicht zuletzt unter dem Eindruck des Coronaschocks, den Gumbrecht in seinem Buch noch hat reflektieren können.

Der Autor hat ein großes Fußballherz. Er hat zudem einen großen Fußballverstand, der allerdings nicht bloß ein Fußballerverstand ist. Und bei allem kommt noch etwas hinzu. Der Hochschullehrer aus Kalifornien verleugnet seine Leidenschaft für seinen Verein, den BVB, nicht – das ist enorm zu begrüßen. Um daher „das positive Potential“ nicht zu vergessen, analysiert er nicht von ungefähr die auch in Dortmund vor jedem Spiel zunächst vom Band abgespielte und schließlich von den Massen selbstständig gesungene Hymne „You’ll Never Walk Alone“ – die, wie keine andere, den Schrecken der Niederlage und des Abstiegs besingt ebenso wie die Schönheit des Trotzes und des Triumphs.

Es gäbe hunderte Möglichkeiten, den Auftritt dieser Hymne zu würdigen. In Dortmund, für Gumbrecht unvergessen, wurde sie am 13. März 2016, als während des Spiels des BVB gegen Mainz 05 die Nachricht vom Tod eines Fans durch die gelbschwarzen Reihen der „Süd“ lief, zum spontan angestimmten Choral.

Gelbschwarz bereits das Cover, ist „Crowds“ naheliegenderweise ein Buch der Leidenschaften. Über schwindelerregende Sekunden, atemlos machende Szenen. Im Bruchteil einer Sekunde der stillgestellte Augenblick. Stadionzeit als Präsenz der Lebenszeit. Dieses Fußballbuch zeigt seinen Autor als einen Ultra der Kontaktaufnahme: „Denkbar nahe wollen wir bei solchen Gesten und Bewegungen sein, sie sollen uns bis auf Hautnähe entgegenkommen.“

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