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Blick in die Zukunft: Stell dir vor, es ist Krieg – gewesen

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Von: Bascha Mika

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Aber kann man darüber jubeln? Die Bundestagsabgeordneten bei der Abstimmung, die ein Bundeswehr-Sondervermögen ermöglichen soll.
Aber kann man darüber jubeln? Die Bundestagsabgeordneten bei der Abstimmung, die ein Bundeswehr-Sondervermögen ermöglichen soll. © Michael Kappeler/dpa

Irgendwann werden die Waffen in der Ukraine schweigen – wie wird es dann sein? In welchen Verhältnissen werden wir uns wiederfinden?

Schura: „Ich denke, es wird nichts.“ Harry: „Na, dann wird es halt nichts. Man muss es aber trotzdem versuchen, richtig?“ Schura: „Richtig.“ Harry: „Man darf nicht einfach den Schwanz einziehen, stimmt’s?“ Schura: „Stimmt.“

Nicht klein beigeben, alles versuchen, auch wenn die Aussichten finster sind. Als der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan zwei seiner Romanhelden so daherreden ließ, gab es noch keinen russischen Überfall auf die Krim, keine Kämpfe mit Separatisten in Donezk und Luhansk und keinen Putin’schen Angriffskrieg auf die Heimat des Autors. Und dennoch liest sich der Dialog wie ein aktueller Kommentar auf den Widerstandswillen der Ukrainer:innen gegenüber dem russisch-imperialen Wahn. Nicht klein beigeben, alles versuchen, obwohl – oder gerade weil – Moskau seine Okkupationsgelüste mit aller verbrecherischen Gewalt durchsetzen will.

Während ich diesen Text schreibe, beginnt in Russland die Teilmobilmachung, droht Wladimir Putin mit dem Einsatz von Atomwaffen, bereitet Moskau die Annexion der besetzten Gebiete vor, setzt die ukrainische Armee ihre Gegenoffensive im Osten des Landes fort … Das Sterben, die Vernichtung gehen weiter. Die Angst vor einer Eskalation des Krieges verdüstert Europa.

Die Zeit nach dem Ukraine-Krieg: Zuversicht ist gerade in Krisenzeiten ein Muss

Sollte man sich angesichts von täglichem Leid, Tod und Zerstörung ausmalen, wie es nach diesem Krieg aussehen könnte? In welcher Welt, in welchen Verhältnissen wir uns dann wiederfinden werden? Unbedingt! Über die Zeit hinausdenken, das Noch-Nicht antizipieren, ist gerade in Krisenzeiten ein Muss. Es braucht die Erkenntnis des Möglichen, um an der Zukunft zu arbeiten. Eigentlich sollte sich auch noch Hoffnung dazu gesellen, zumal wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. Hoffnung als starker Antriebsmotor zum Handeln. (Wobei damit keineswegs Optimismus gemeint ist, dieses leichtfertige Spiel mit Erwartungen.) Gefragt ist begründete Zuversicht. Zuversicht, die daraus entsteht, dass sich die Verhältnisse zum Besseren wenden können, wenn man es richtig anstellt.

So zu denken war mir immer vertraut, zum Fatalismus tauge ich wenig. Viel lieber halte ich mich an den schönen Satz von György Konrad: „Der Mensch wird dumm und hässlich, wenn er keine Utopie hat.“ Doch – wo soll wirkliche Hoffnung denn derzeit herkommen? Woher die Zuversicht nehmen angesichts der Verheerungen, die dieser Krieg auf unterschiedlichsten Ebenen hinterlässt. Angesichts der Einbrüche, Abbrüche, Umbrüche, egal wohin wir auch schauen. Ich bin wohl nicht die Einzige, der langsam die Resilienz ausgeht, die dringend Nahrung für ihren Zukunftsglauben braucht.

Über Jahre war „Disruption“ ein überaus beliebtes Schlagwort im öffentlichen Diskurs. Kaum ein Wirtschaftsboss, der sich an diesem Begriff nicht besoffen redete; viele fanden es großartig, wenn bestehende Strukturen zerschlagen, zerbrochen, zerrissen wurden und so der Weg frei war für das, was sie Innovation nannten. Doch die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Disruptionen, die wir als Folgen des Kriegs in Osteuropa beobachten können, werden mitnichten zu wünschenswerten Innovationen führen. Zertrümmern und Hinwegfegen ist selten progressiv. Europa und viele Teile der Welt werden in wichtigen Entwicklungen erbarmungslos zurückgeworfen.

Zukunft der Ukraine: Der Krieg hat das Land um Jahre zurückgebombt

Die Ukraine, selbst wenn sie ihre Souveränität erfolgreich verteidigen kann, ist wortwörtlich um Jahrzehnte zurückgebombt worden. Und nur unter wilden Spekulationen lässt sich derzeit voraussagen, in welcher Form ein Kriegsende möglich wäre. Sieg einer Seite, Verhandlungslösung, Zermürbung? Zudem sollten wir nicht vergessen – Nicht-Krieg ist noch lange kein Frieden.

Stellen wir uns dennoch vor: Die Waffen schweigen, die russische Aggression ist beendet, Menschen werden nicht mehr getötet, das Land nicht länger verwüstet. Es ist nicht allzu waghalsig sich vor Augen zu führen, in welchen deutschen Verhältnissen wir dann leben werden, in welchem Europa und in welchem globalen Umfeld.

Ein paar Schlaglichter gefällig? Brutal ist der Hunger schon jetzt in Länder zurückgekehrt, die ihre Bevölkerung bislang noch versorgen konnten; die dafür verantwortlichen internationalen Verwerfungen werden sich nach dem Ukraine-Krieg ja nicht in Wohlgefallen auflösen. Nationen, für die Bündnisfreiheit und militärische Unabhängigkeit über Jahrzehnte zum Selbstverständnis gehörten, suchen nun wie Finnland und Schweden den Schutz der Nato; die militärischen Blöcke verfestigen sich somit weiter. Die Klimakatastrophe, neben Kriegen die größte selbstverschuldete Menschheitsgeißel, rückt auf der globalen Prioritätenliste weiter nach unten, trotz Energiewende in einigen Ländern; gleichzeitig wird die Atomkraft elend gefeiert. „Die Menschen hatten gelernt, wie sie den gesamten Planeten zerstören konnten, aber sie hatten nicht gelernt, wie sie miteinander in Frieden zusammenleben können“, schreibt die US-Historikerin Jill Lepore zur Entdeckung dieser monströsen Technologie.

Ukraine-Krieg: Auch nach dem Ende der Kämpfe warten Konflikte und Probleme

Wo Hunger, Klimazerstörung und kriegerische Auseinandersetzungen durch die Blockkonfrontation zunehmen werden, ist das Einfallstor für Autokraten und Diktatoren weit offen. Schon seit Jahren schwinden Freiheitsrechte und Rechtsstaatlichkeit selbst in demokratisch verfassten Gesellschaften. Schurken und politischen Verbrechern wie dem türkischen Präsidenten Erdogan oder einschlägig bekannten Emiratspotentaten eröffnen sich neue Erpressungsmöglichkeiten und Freiräume für ihre Gewaltherrschaft.

Und nicht zuletzt sind all diese negativen Dynamiken blankes Gift für die Rechte von Frauen. Weil Frauen in der Regel für die Familien verantwortlich sind, treffen Unterernährung, Umweltzerstörung, Krieg und Vertreibung sie in besonders grausamem Maße. Und wo autoritäre – das heißt auch immer frauenfeindliche – Regime herrschen, wird über weibliche Selbstbestimmung nur höhnisch gelacht. Der Weg aus der Unterdrückung wird für Frauen weltweit noch steiniger.

Schaue ich auf das deutsche Umfeld, gibt es auch da wenig Ermutigendes. Ich will mich auf zwei, drei Punkte beschränken, die mir besonders bitter aufstoßen und ein schales Licht auf die Zeit nach dem Krieg werfen.

Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf Deutschland: Die Zukunft des deutschen Pazifismus

So habe ich es immer für einen entscheidenden zivilisatorischen Fortschritt gehalten, dass die Bundesrepublik eine quasi entmilitarisierte Zone war. Natürlich nicht faktisch entmilitarisiert. Schließlich gab es die Wiederbewaffnung in den 1950er Jahren, den Aufbau militärischer Strukturen, den beständig hohen Wehretat, die Präsenz von Nato-Truppen und -Waffen im Land etc.

Aber in den Köpfen hat in den vergangenen Jahrzehnten ein erstaunlicher Prozess der Entmilitarisierung des Denkens stattgefunden. Beim Irak-Krieg machte die deutsche Regierung einfach nicht mit, unterstützt von großem Beifall in der Bevölkerung. Die Wehrpflicht ist ausgesetzt. Die deutsche Außenpolitik setzte in der Regel auf Stärke durch Diplomatie. Und selbst eine CDU-Kanzlerin Angela Merkel ließ das Gequengel der USA nach Erfüllung des Zwei-Prozent-Ziels bei den Verteidigungsausgaben ins Leere laufen – auch weil sie wusste, dass diese Investition in der Bevölkerung nicht populär wäre.

Angenehm erstaunt, aber auch irritiert, beschrieb die US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag den deutschen Weg. Als ihr 2003 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, sagte sie: „Manchmal muss ich mich kneifen, um sicher zu sein, dass ich nicht träume. Der Vorwurf, den viele Menschen in Amerika Deutschland heute machen, diesem Deutschland, das fast ein Jahrhundert lang solche Schrecken über die Welt gebracht hat, besteht nun offenbar darin, dass sich die Deutschen vom Krieg abgestoßen fühlen, dass ein großer Teil der öffentlichen Meinung im heutigen Deutschland praktisch pazifistisch ist!“

Ukraine-Krieg sorgt in Deutschland für Zeitenwende: Ist Aufrüstung zu beklatschen?

Das war einmal. Inzwischen lassen sich unsere Bundestagsabgeordneten zu Standing Ovations hinreißen, wenn der Kanzler ein milliardenschweres Sondervermögen für die Bundeswehr verspricht. Diese Entscheidung mögen manche für notwendig halten, doch wie kann irgendetwas daran ein Anlass zu Euphorie und außergewöhnlichem Jubel sein? Ist Aufrüstung etwa zu beklatschen?

Begleitet wird die sogenannte „Zeitenwende“ von einer erschreckend uniformen Haltung in weiten Teilen der veröffentlichten Meinung. Da tummeln sich Medienvertreter maulheldenhaft in Schützengräben, fordern mal locker den Einsatz der Nato, überschlagen sich bei der Forderung nach noch schwereren Waffen für die Ukraine und spotten über die Warnung des Friedensinstituts Sipri vor einem Atomkrieg. Warum bieten sie sich nicht gleich beim ukrainischen Präsidenten als Söldner an?

Vor zehn Jahren, so stellte das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr fest, fanden noch nicht einmal 20 Prozent der Deutschen eine Erhöhung des Verteidigungshaushaltes angebracht. Doch seit dem Überfall auf die Ukraine erfreut sich das Zwei-Prozent-Ziel einer Zustimmung von rund 70 Prozent. Zugleich sind Nato und Bundeswehr positiv besetzt wie nie. Und die Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock spricht in Interviews so nonchalant über „modernstes Kriegsmaterial“, als hätte ihre Partei schon immer ein inniges Verhältnis zu mörderischen Waffen gepflegt.

Aber wo soll wirkliche Hoffnung derzeit herkommen? Heizholz-Sammlerin in den Trümmern einer Schule in Isjum.
Aber wo soll wirkliche Hoffnung derzeit herkommen? Heizholz-Sammlerin in den Trümmern einer Schule in Isjum. © Evgeniy Maloletka/dpa

Kritische Haltung zum Krieg: Es muss Raum geben, eine friedlichere Weltordnung zu denken

Um eines klarzustellen: Obwohl ich mich in den 1980er Jahren aktiv in der Friedensbewegung engagiert habe, bin ich keineswegs eine in der Wolle gefärbte Pazifistin. So halte ich beispielsweise Tyrannenmord für eine legitime Option. Und ich fand es keineswegs falsch, dass die „taz“ – meine ehemalige Zeitungsheimat – einst Geld sammelte, um die Befreiungsbewegung in El Salvador mit Waffen zu unterstützen. Die Anwendung tödlicher Gewalt kann gegebenenfalls unvermeidlich sein.

Doch es macht einen Unterschied, ob man einen Kriegstreiber wie Putin und seine Soldateska gezielt und mit allen Mitteln bekämpft – was absolut notwendig ist. Oder ob man militärische Gewalt fraglos und generell als legitime Stufe einer Eskalationslogik versteht. Einer Logik, die Gefahr läuft, die Politik zu dominieren und die Köpfe mitsamt Herzen zu infizieren. Selbst wenn die russischen Invasoren gänzlich aus der Ukraine verschwinden sollten bleibt die Frage, wo es in Zukunft noch Raum geben wird, eine friedlichere Weltordnung überhaupt zu denken, geschweige denn voranzutreiben.

Die Angst vor Putin, die Bedrohung durch Russland, die neu entfachte Blockfehde werden über viele Jahre die Gestimmtheit im Westen und dessen politische Agenda beherrschen. Klar, die Rahmendaten haben sich seit dem Kalten Krieg des vergangenen Jahrhunderts deutlich geändert, aber das auf Konfrontation gebürstete Gehabe, die Kalte-Kriegs-Mentalität ist knallhart zurückgekehrt. Was für ein Rückfall in üble Zeiten. Was für hässliche Aussichten.

Stimmung in Deutschland nach dem Ukraine-Krieg: Der innere Frieden ist in Gefahr

Auch was die Stimmung in unserem Land betrifft. Dabei geht es ja nicht nur um den Krieg und seine Folgen, sondern um ein ganzes Wirkungsgeflecht – grundiert durch die nicht abreißenden Krisen. Corona, Krieg, Inflation, Energienotstand, dazu der allseits spürbare Klimakollaps. Verschärft wird diese ungute Gemengelage durch ein empfindlich gestörtes Gerechtigkeitsempfinden. So zeigt eine aktuelle Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung: Die Mehrheit der Menschen hat das Gefühl, dass es bei uns nicht gerecht zugeht – weder bei der Verteilung von Gütern und Vermögen noch zwischen den Generationen. Nicht einmal ein Fünftel der Bevölkerung glaubt, dass es so etwas wie Verteilungsgerechtigkeit gibt.

Noch eindrücklicher formuliert es die Hans-Böckler-Stiftung. Der Tenor ihrer repräsentativen Befragung: Die Furcht angesichts der politischen Weltlage und die materiellen Sorgen angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung bilden eine toxische Mischung aus Ängsten und quälender Verunsicherung. Demnach erwarten zwei Drittel der Menschen im Land, dass die „soziale Ungleichheit die Gesellschaft so weit auseinanderdriften lässt, dass sie Gefahr läuft, daran zu zerbrechen“.

Die einen stehen im Dunkeln, die anderen stehen im Licht. Elementare Fragen nach sozialer Gerechtigkeit drängen mit all ihrer Scharfkantigkeit vehement ins öffentliche Bewusstsein. Wenn ein großer Teil der deutschen Bevölkerung fürchtet, dass die Folgen des Ukraine-Kriegs die soziale Schieflage drastisch verschlimmern wird, muss uns das alle aufschrecken. Es ist ein Indikator für Stürme von Entrüstung, die ins Haus stehen könnten. Die Angstszenarien zehren an der gesellschaftlichen Widerstandskraft und höhlen den Glauben an eine erträgliche Zukunft aus. Der innere Frieden im Land droht sich zu zersetzen.

Zukunft nach dem Ukraine-Krieg: Ursachen der gesellschaftlichen Verwerfung sind nicht beseitigt

Denn selbst wenn in der Ukraine Ruhe einkehrt, selbst wenn die Inflation abflaut und die Gasspeicher gefüllt werden, sind die Ursachen der gesellschaftlichen Verwerfungen ja nicht beseitigt. Die krasse soziale Ungleichheit legt die Lunte an unsere Demokratie und destabilisiert das Gemeinwesen.

„Angst essen Seele auf“ ist einer meiner Lieblingsfilme von Rainer Werner Fassbinder. Doch mit der Seele essen Angst auch die Solidarität und die Zuversicht auf. Das ist eine wirklich schreckliche Vorstellung. Deshalb ist ein Ende des Kriegs in der Ukraine die erste und wichtigste Hoffnung, die sich erfüllen muss, damit die Zukunft nicht gefressen wird. An allem Weiteren lässt sich dann – düstere Prognosen hin oder her – irgendwie arbeiten. Muss zum Besseren gearbeitet werden.

Was sonst sollte helfen? Wie sagte es der Held von Serhij Zhadan so wunderbar trotzig: „Na, dann wird es halt nichts. Man muss es aber trotzdem versuchen, richtig?“ (Bascha Mika)

Dieser Text ist in einer modifizierten Fassung auch in der Zeitschrift „Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte“ erschienen.

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