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Stalins Aufstieg: Zerschlagene Zukunft

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Von: Arno Widmann

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Der schwerkranke Lenin mit dem kommenden Mann, Stalin, in Gorki.
Der schwerkranke Lenin mit dem kommenden Mann, Stalin, in Gorki. © AFP

Wie Katastrophen in Gang und fortgesetzt werden: Vor hundert Jahren übernahm Stalin die Nachfolge Lenins – ein Rückblick auf das Russland von 1922.

Moskau - Am 3. April 1922 wurde Iosseb Bessarionis Dschughaschwili (1878–1953), bekannt geworden als Josef Stalin, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Russlands. Damit begann das Verhängnis, ist man versucht zu sagen. Aber das wäre nicht richtig. Das Verhängnis war die Oktoberrevolution, Lenins Griff nach der Macht.

Die Zerschlagung erster demokratischer Strukturen, an deren Stelle nicht etwa alle Macht den Räten gegeben worden war, mündete in einen das Land in eine Hungersnot treibenden Bürgerkrieg. Der Versuch der Abschaffung von Markt und Kapitalismus war gescheitert. Die Bolschewiki sahen sich gezwungen zu einer Neuen Ökonomischen Politik (NEP), in der eine neue Kapitalistenklasse (NEP-Männer genannt) entstand. Diese wusste sich zu bewegen in dem Gestrüpp einer neuen Realität, in der Staatsbetriebe, Privatunternehmen und Bauernmärkte zueinander fanden. Diese Rückbesinnung auf kapitalistische Praktiken rettete nach dem Bürgerkrieg vielen Menschen das Leben und nahm es ihnen zugleich. Denn sie rettete die Revolutionäre.

Russland: 1921 war ein Schicksalsjahr der Russischen Revolution

1921 war ein Schicksalsjahr der Russischen Revolution. Die Bolschewiki hatten den Bürgerkrieg gewonnen und diesen Sieg sofort genutzt. Auf dem 10. Parteitag im März 1921 wurde die „Arbeiteropposition“ als Fraktion verboten. Am 17. März wurde in Kronstadt ein Aufstand der Matrosen zusammengeschossen, die sich gegen den Verrat der revolutionären Ideale durch die Bolschewiki wandten. Gleichzeitig war die Rote Armee mit der Niederschlagung von Bauernaufständen beschäftigt. Damals wurde auch Lenins Krankheit, eine zerebrale Arterienverkalkung, immer offensichtlicher. 1921 war das Jahr, in dem sich Russlands Schicksal entschied.

Noch im Jahr davor waren viele Bolschewiki davon ausgegangen, dass die russische Oktoberrevolution nur der Auftakt einer Reihe von sozialistischen Umstürzen gewesen war. Die deutsche Revolution von 1918 war zwar in den Augen der Bolschewiki sozialdemokratisch versandet, aber Josef Stalin ging noch im Sommer 1920 davon aus, dass die Rote Armee Polen schlagen werde und dann der Weg nach Berlin frei wäre. Zur Unterstützung der von deutschen Kommunisten anzuzettelnden Aufstände. Es kam anders. Polen schlug die Rote Armee. Russland wurde auf sein Kerngebiet zurückgedrängt. Stalin bekam einen Rüffel, wurde in den Kaukasus geschickt, kam aber schon nach ein paar Wochen zurück.

Russland: Gründung der Sowjetunion mithilfe der Ukraine

Um die Provinzialisierung Russlands zu verhindern, wurde die Gründung einer Sowjetunion geplant. Dabei gerieten Lenin (1870-1974) und Stalin aneinander. Stalin schlug vor, „die Ukraine, Weißrussland, Georgien, Aserbaidschan und Armenien – sowie die kleineren ethnischen Einheiten mit gewissen Autonomierechten in der Russischen Sowjetrepublik zu vereinigen“. (Oleg Chlewnjuk in seiner Stalin-Biografie, auf Deutsch 2015 bei Siedler erschienen). Lenin dagegen plädierte für eine Union unabhängiger Sowjetrepubliken. Stalin gab nach. Für diesmal. Am 30. Dezember 1922 wurde die Sowjetunion gegründet. Am 26. Dezember 1991 wurde sie aufgelöst. Nachdem am 1. Dezember 1991 die Mehrheit der Bürger der Ukraine ihre Unabhängigkeit gefordert hatten.

Aber noch einmal zurück. Wir haben uns daran gewöhnt, Stalin und Trotzki (1879-1940) als die wesentlichen Kontrahenten bei der Lenin-Nachfolge zu betrachten. Das verstellt einem ein wenig den Blick für die Konkurrenz, die immer wieder zwischen Lenin und Trotzki bestand. Der Sieg im Bürgerkrieg wurde weniger Lenin als vielmehr Trotzki, dem militärischen Führer der Roten Armee, zugeschrieben. Es ist denkbar, dass Lenin Trotzkis Siegeszug auch durch die Gemüter der Parteigenossinnen und Genossen misstrauisch beäugte und darum Stalin schnell aus dem Kaukasus zurückrief. Als dann auf dem 11. Parteitag der Parteisekretär, Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow (1890–1986), scharf kritisiert wurde, wurde aus dem Sekretär ein Generalsekretär und Stalin übernahm das Amt.

Die Partei, die bisher Revolution gemacht und Krieg geführt hatte, musste jetzt ein Land regieren – und das Leben der Menschen kontrollieren. Also: Politik, Wirtschaft, Kultur. Den dafür nötigen Apparat baute Stalin auf. Er baute ihn auf, er zerstörte ihn, er baute ihn wieder auf. Das war keine Erfindung Stalins. Es war die Fortführung dessen, das die Partei von Anfang an betrieben hatte und was dank der „Bolschewisierung“ zur Praxis aller Kommunistischen Parteien werden sollte.

Russland: Stalins Sowejtunion stärkte die Aufgabe der Partei und entrechtete das Volk

Die Bolschewiki hatten die bürgerlichen Revolutionäre vom Februar 1917 gestürzt. Viele wollten jetzt zu den Siegern gehören. Sie traten ein in die Partei. Im riesigen russischen Reich wurden alle Posten neu verteilt. Die Partei fürchtete um ihre „Reinheit“. Schon 1919 kam es zu einer ersten größeren „Säuberung“ nach der Revolution. Danach soll die Mitgliederzahl der Partei von 35 0000 auf 150 000 gesunken sein. Keiner dieser Zahlen ist allerdings zu trauen. Die kommunistische Buchführung war von Anfang an ein Mittel, die Öffentlichkeit, vor allem aber einander zu täuschen. Das ständige Hin und Her von Neuaufnahmen und Rausschmissen führte dazu, dass bereits Mitte der 20er Jahre nur noch weniger als ein Fünftel der Parteimitglieder schon die Oktoberrevolution mitgemacht hatte.

Niemand konnte sich seines Postens sicher sein. Niemand war also in der Lage, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Das war das Lebensprinzip der Russischen Revolution.

Es wurde das von Stalins Sowjetunion. Je weniger Demokratie es in Staat und Gesellschaft gab, desto mehr wuchsen die Aufgaben der Partei. Desto gigantischer wurde der Apparat, dessen Herr Stalin am 3. April 1922 geworden war. Es sei kurz daran erinnert, dass im Oktober 1922 Mussolini vom italienischen König zum Regierungschef gemacht wurde.

Russland: Lenin erschrack über Stalins Führungsstil

Stalin soll übrigens jeden Morgen erst um neun Uhr aufgestanden sein und sein Büro erst um elf aufgesucht haben. Bis tief in die Nacht soll er dann darin gearbeitet haben. Molotow war es nicht geglückt, „die Partei zu einer handlungsfähigen Einheit zu machen, die auf allen Ebenen dem Kurs der Führung folgte und deren Politik vor Ort durchsetzte“ (Helmut Altrichter in seinem Buch „Stalin – der Herr des Terrors“, Beck 2018). Stalin schaffte genau das – durch alle Zerstörungen von Partei und Gesellschaft hindurch, über Millionen Leichen hinweg. Niemand hat so viele Kommunisten und Kommunistinnen getötet wie die KP der Sowjetunion. Bis die chinesische kommunistische Partei auch diesen Rekord brach.

Lenin, der Stalin auf den Posten des Generalsekretärs gesetzt hatte, erschrak über Stalins Führungsstil. Aber da war es zu spät. Lenin war zwar noch am Leben, aber er war sterbenskrank und entmachtet. Am 4. Januar 1923 diktierte Lenin: „Stalin ist zu rücksichtslos, und wenn dieser Fehler auch in den Beziehungen unter uns Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs. Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu finden, Stalin von dieser Stellung zu entfernen.“ Keinem gelang das. Eine der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. (Arno Widmann)

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