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In der Vergangenheit war „das Internet“ der Ort, wo die wilden Kerle wohnten.
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In der Vergangenheit war „das Internet“ der Ort, wo die wilden Kerle wohnten.

Kolumne Update

Twitter, Facebook, YouTube, TikTok: Stammeskriege im Netz

  • Kathrin Passig
    VonKathrin Passig
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Viele glauben, auf ihrer Lieblingsplattform sind die Menschen besser als woanders. Woher kommt solches Stammesdenken?

Wenn ich mein Fahrrad in einem anderen Stadtteil von Berlin abstelle als in dem, den ich bewohne, schließe ich es immer besonders sorgfältig ab. Denn bestimmt wohnen in diesen anderen Stadtteilen lauter Menschen, die sich nichts dabei denken würden, mein Fahrrad zu stehlen. Nicht so wie bei mir zu Hause.

Mein Fahrradabschließreflex hat nichts mit Fakten zu tun. Der Stadtteil, in dem ich wohne, liegt in der Fahrraddiebstahlstatistik im Mittelfeld, und selbst das habe ich gerade erst für diese Kolumne recherchiert. Es ist nur so ein Gefühl, dass die Welt im Nachbarstadtteil für mein Fahrrad gefährlicher ist als meine vertraute Gegend.

Lauter Dullis auf der Feindbildplattform

Haha, die irrationale Frau Passig, werden Sie jetzt im Verbreitungsgebiet der Frankfurter Rundschau sagen. Aber man muss nicht in Berlin wohnen und nicht mal ein Fahrrad besitzen, um so zu denken. Im Netz ist es genauso. Die Menschen bei Twitter zeigen verächtlich auf Facebook, Instagram, Telegram oder YouTube, weil dort angeblich die „Querdenker“ oder die Nazis wohnen. Bei Facebook, Instagram, Telegram, Whatsapp, Youtube und TikTok wird gleichfalls in Richtungen gedeutet. Die eigene Lieblingsplattform beherbergt immer die besseren Menschen und die rationaleren Argumente, während die Feindbildplattform voller Dullis ist.

Es ist ja auch richtig, dass es die auf der Feindbildplattform gibt. Allerdings wohnen sie eben auch auf der Lieblingsplattform. Es sieht nur aus verschiedenen Gründen nicht so aus, und diese Gründe sind nicht ganz die gleichen wie bei den Stadtteilen. Bei den Stadtteilen sagt eine Kurzschlussabteilung in meinem Kopf: „Diese Gegend sieht vertraut aus und hier ist mein Fahrrad bisher noch nie gestohlen worden. Die andere Gegend sieht unvertraut aus, bestimmt ist es hier gefährlicher.“ Ich habe aber keinen der beiden Stadtteile selbst wohnlich gemacht. Die Lieblingsplattform haben wir uns dagegen geduldig gestaltet – zum Teil durch technische Filter, zum Teil durch unsere Kontakte, durch Gewohnheiten und Praktiken. Wir erinnern uns nicht mehr daran, wie sie ungefiltert aussähe. Allen anderen Orten im Netz fehlt diese individuelle Einrichtung. Dabei sind die Probleme der Plattformen überall ähnlich: Alle kämpfen mit unzulänglichen Moderationsmethoden und mit der Frage, ob man bestimmte Leute besser vor die Tür setzen sollte.

Kolumne „Update“

Neue Technologien: Bloß nicht differenzieren

Albern, aber einst mal ernst: Windows-Apple-Streit, Nintendo-Sega-Streit, Atari-Amiga-Streit

Wenn man an einer solchen Diskussion nicht selbst beteiligt ist, sieht sie immer lustig und absurd aus. Ein solches Beispiel sind – zumindest für alle, die keine Spielkonsole besitzen oder für die solche Geräte ungefähr in der Liga eines Brotbackautomaten spielen – die Plattformkriege im Gaming. Phil Spencer, der bei Microsoft für die Spielkonsole Xbox zuständig ist, hat das Problem vergangenes Jahr in einem Podcast „console tribalism“ genannt, Konsolen-Stammesdenken. Dass sich Fans der Xbox und des Konkurrenzprodukts PlayStation bei jeder Gelegenheit beharken, sei eins der größten Probleme der Branche. Andere Beispiele aus der digitalen Vergangenheit sind der Windows-Apple-Streit, der Nintendo-Sega-Streit und der Atari-Amiga-Streit – im Rückblick albern und beinahe niedlich, aber damals eine ernste Sache. Ein häufig genannter Grund für solche Stammeskriege ist die Tatsache, dass die jeweiligen Geräte viel Geld kosten und alle, die sich eins davon zugelegt haben, schon deshalb motiviert sind, ihr eigenes für sehr gut und das nicht gekaufte für sehr schlecht zu erklären.

Kathrin Passig.

Noch vor Kurzem konnte man „die sozialen Medien“ pauschal für den Aufenthaltsort des Falschen halten

In soziale Netzwerke investiert man zwar kein Geld, aber unter Umständen viel Zeit. Ähnlich wie bei den Spielkonsolen muss man ziemlich reich sein, um sich mehr als eins davon leisten zu können – nur eben im Fall der sozialen Netzwerke reich an Zeit und nicht an Geld. Diese Investition verteidigt man gegen alle Kritik, und das Schlechtreden der anderen Plattformen gehört dazu.

Aber das alles ist schon ein Fortschritt. Noch vor Kurzem konnte man „die sozialen Medien“ pauschal für den Aufenthaltsort des Falschen halten, und etwas weiter in der Vergangenheit war „das Internet“ der Ort, wo die wilden Kerle wohnten. Wenn jetzt alle im Kreis mit dem Finger auf andere soziale Netzwerke zeigen, können wir vielleicht in ein paar Jahren schon mit der produktiven Diskussion darüber beginnen, wo man im Netz wirklich das Fahrrad gestohlen bekommt und was dagegen zu tun sein könnte. (Kathrin Passig)

In ihrer Kolumne „Update“ schreibt Kathrin Passig jede Woche über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de

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