Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Beliebtheit von Altbauwohnungen ist verständlich: Blick in die Frankfurter Kiesstraße (2007), in der sich verschiedene Bedürfnisse miteinander arrangiert haben.
+
Die Beliebtheit von Altbauwohnungen ist verständlich: Blick in die Frankfurter Kiesstraße (2007), in der sich verschiedene Bedürfnisse miteinander arrangiert haben.

Architektur

Stadtplanung und Ökologie: Wir möchten lieber nicht

  • VonRobert Kaltenbrunner
    schließen

Die Stadt als Faktor der Ökologie: Nachhaltigkeit, was Menschen dafür zu tun bereit sind, und welche Rolle sie bei der urbanen Planung spielt.

Es gibt eine wunderbare kleine Erzählung des Schriftstellers Herman Melville. Sie heißt in der deutschen Übersetzung „Bartleby, der Schreiber“ und handelt von einem jungen Mann, der bei einem Anwalt an der Wall Street einen Job als Hilfskraft gefunden hat. Bartleby erweist sich im Büroalltag zwar als willig, sagt aber bei jeder Aufgabe, die seiner Ansicht nach nicht zu seinem Arbeitsgebiet gehört, den Satz: „I would prefer not to.“ Auf hintergründige Weise erinnert der derzeitige Hype um die Nachhaltigkeit auch an Bartleby. Zwar wird sie allenthalben postuliert, aber wenn es um den – möglicherweise einschneidenden – Eigenbeitrag dazu geht, dann denken viele insgeheim: „Ich möchte lieber nicht.“

Ehrlicherweise muss man jedoch einräumen, dass die Dinge gerade beim Planen und Bauen nicht so einfach liegen, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. So werden etwa die „Endverbraucher“ und „Endverbraucherinnen“, deren Investitions- und Nutzerverhalten doch eine entscheidende Determinante darstellt, bei der Debatte um die Zukunftsfähigkeit vielfach ausgeblendet. Die Potenziale von privaten Haushalten, ob nun zur Steigerung der Energieeffizienz oder zur Reduktion der Treibhausgase, hebt man so wohl kaum. Dennoch werden paradoxerweise große Hoffnungen auf das „bewusste Konsumieren“ gesetzt: Diese zum Lebensstil werdende Orientierung an Nachhaltigkeit möge einen Ausweg bieten.

Allein, gibt es wirklich einen Mainstream-Trend zur Askese? Man darf skeptisch sein. Das Ziel der meisten Menschen dürfte eher darin liegen, ein wenig zu ändern, um das meiste nicht ändern zu müssen – polemisch gesagt: Ein Leben in Saus und Braus, das schon bald mit erneuerbaren Energien funktioniert.

Womit sich die Frage stellt, ob „Nachhaltigkeit“ auf nichtdirigistische Weise herstellbar ist. Dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, ist eine eherne Weisheit der Marktwirtschaft, und sie scheint auch unserer Gesellschaft in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Problematisiert jedenfalls wird sie kaum mehr, so als sei die Nachfrage etwas Festgelegtes, nicht wiederum das Ergebnis von Wünschen, also Bedürfnissen, die erneut und immer wieder neu erzeugt werden (können).

Erforderlich sind Anpassungsleistungen in vielen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge, etwa beim „Wohnen“: Die Alterung der Bevölkerung und die zugleich zunehmende Individualisierung der Gesellschaft führen zu mehr kleineren Haushalten. Zugleich wird es eine noch stärkere räumliche Ausdifferenzierung der Wohnungsmärkte geben, die eine individuelle Anpassungsstrategie in den einzelnen Regionen notwendig macht.

Auch muss man sehen, dass die Zahl hochbetagter Menschen (über 75-Jährige) rapide zunimmt, die im Gegensatz zu früher oft aktiv und zahlungskräftig sind und somit gerade im Alter in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können. Allerdings sind sie im Wohnbereich auf besondere Angebote angewiesen, wie zum Beispiel eine alters- und behindertengerechte Gestaltung von Wohnung und Wohnumfeld oder die Nähe zu Einkaufsmöglichkeiten. Studien haben gezeigt, dass gute nachbarschaftliche Beziehungen und ein positives Wohnumfeld die Pflegekosten um 30 Prozent senken können, vor allem deshalb, weil die Menschen länger aktiv bleiben. Konzepte zu entwickeln, die Wohnen in den eigenen vier Wänden mit sozialen Dienstleistungen und Technik verknüpfen, sind daher eine Schlüsselaufgabe und eine kluge Investition zugleich.

Doch auf solche Tendenzen – wie auch auf veränderte Familienstrukturen (Stichwort: Patchwork-Familien) – hat die Architektur bislang kaum reagiert. Noch immer gibt es hochgradig standardisierte Drei-Zimmer-Wohnungen für Eltern und Kind, obwohl diese Gattung auf der roten Liste für akut bedrohte Arten steht.

Gerade deswegen ist die aktuelle Beliebtheit der gründerzeitlichen Altbauwohnungen auch so verständlich: Gleich große Räume ohne Hierarchie lassen sich für unterschiedliche Familien- und Lebensformen besser nutzen als die passgerechte Wohnung für die traditionelle Kleinfamilie. Der „verdichtete Wohnungsbau“ wird in Zukunft wieder Thema, wobei seine Qualität insbesondere in den an die Wohnungen angebundenen, geschützten Freiplätzen im Außenbereich zu sehen ist.

Nachhaltiger Urbanismus gehört fraglos zu den zentralen Zukunftsaufgaben. Doch ist etwa die „CO2-freie Stadt“ eine starke Vision, die politische und gesellschaftliche Energien freisetzen und bündeln kann – oder eher ein Trugbild, das eine falsche Harmonie von der Vereinbarkeit modernen technik-basierten Lebens und Wirtschaftens mit nachhaltiger Entwicklung nur vorgaukelt und damit ein trügerisches Weiter-so vermittelt?

Ziele der Nachhaltigkeit dürfen nicht länger in der Unverbindlichkeit von Sonntagsreden verbleiben. Ihre Umsetzung muss durch klare Maßstäbe überprüfbar gemacht werden; es braucht „Anzeiger“ für die Aufrichtigkeit und Konsequenz wohlfeiler Vorstellungen. Zudem braucht es ein überschaubares Bündel an konkreten Zielen, die wiederum im Konsens aller relevanten Gruppen zu erstellen sind.

Doch an dieser Stelle wird es schwierig; nicht nur, weil Zielkonflikte unvermeidlich sind. Einerseits, und aus gutem Grund, wird in der Stadtentwicklung (wie in zahlreichen anderen Disziplinen auch) die Komplexität von Informationen durch Kennziffern, Durchschnittswerte, Benchmarks etc. handhabbar gemacht; wird anhand von „Zahlen“ gemessen, verglichen und bewertet. Diese sind selbstverständliche Grundlage und Voraussetzungen für Gutachten, Wirtschaftlichkeitsberechnungen oder für städtebauliche Konzepte.

Umgekehrt muss klar sein, dass Stadt mehr ist als die Zusammenschau (wie auch immer) nachhaltiger Gebäude. Standortqualitäten sind ein komplexes Gebilde von Wertschätzungen. Subjektive Zufriedenheit und Imagebildung indes unterliegen einem dynamischen Wertewandel. Die Vielfalt unserer Städte lebt gerade davon, dass es keine verbindliche DIN-Norm oder technische Ausführungsbestimmung auf der Ebene der Stadt und des Stadtquartiers gibt und geben kann.

Der Architektur schließlich kommt die Aufgabe zu, die Kluft zu schließen zwischen einer gewissen Entsagung im Lebensvollzug, die der ökologische Purismus diktiert, und unserem Dasein, das Behaglichkeit, Komfort und Bequemlichkeit zwingend voraussetzt. Das Gleichgewicht zu finden und zu halten, dürfte das Entscheidende sein.

Dietmar Eberle etwa, der namhafte Voralberger Architekt, hält es für die zentrale Aufgabe, ein Haus zu entwerfen und zu bauen, „das in seiner Konstitution Qualitäten bereitstellt, die auch in Zukunft gelten werden: etwa eine gute Beziehung nach außen, frische Luft aus der Umgebung, ein hohes Maß an Selbstverständlichkeit im Gebrauch, ohne banal, gestaltlos zu werden. Ich glaube, dass die Atmosphäre, die durch Gestalt entsteht, etwas ist, das ‚unendlich‘ lange gültig ist. Darum spielen die klassischen Fragen der Architektur – Proportion, Verhältnismäßigkeit, Materialität, Licht – eine Schlüsselrolle.“

Zugleich muss eine weitere (Über-)Spezialisierung vermieden werden. So haben etwa die Fortschritte in der Klimatechnik im 20. Jahrhundert dazu geführt, dass Gebäude jedweder Architektur in jeder Klimaregion dieser Erde unabhängig vom Außenklima gebaut werden konnten. Das Architekturbüro entwarf, anschließend installierte der Haustechniker so viel Technik, wie benötigt wurde, um ein angeblich angenehmes Klima im Inneren zu schaffen. Was zunächst ein Segen scheint, erweist sich schnell als Fluch – wenn sich nämlich herausstellt, dass die Technik häufig doch überfordert ist, die Betriebskosten in die Höhe schnellen und oder mit dem „Sick-Building-Syndrom“ ein neues Krankheitsbild auftaucht. Das ist also entschieden der falsche Weg.

Melvilles Bartleby-Erzählung geht bekanntlich nicht gut aus. Der Einsame, der den Satz „Ich möchte lieber nicht“ zu seinem Credo erhoben hat, stirbt an seiner kompromisslosen Verweigerung. Damit unseren Städten nicht das gleiche Schicksal droht, benötigen wir heute mehr denn je den konstruktiven Dialog, in den sich alle Beteiligten einbringen, zugleich aber auch den Mut zu unkonventionellen Lösungen und zu experimentellen Ansätzen. Wir müssen begreifen, dass es keinen Anspruch auf eine zukunftsfähige und lebenswerte Stadt gibt. Sondern eine Verantwortung, diese mitzugestalten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare