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Spanischer Soziologe César Rendueles: „Gleichheit muss wieder ein allgemeingültiger Wert werden“

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Von: Jakob Maurer

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Der Rest der Bewegung der Empörten 15M im vergangenen Jahr bei einer Demonstration in Madrid.s
Der Rest der Bewegung der Empörten 15M im vergangenen Jahr bei einer Demonstration in Madrid.s © imago images/Agencia EFE

Der spanische Soziologe César Rendueles über den notwendigen Kampf für Umverteilung, eine nachhaltigere Welt und das Ideal eines guten Lebens

Herr Rendueles, Sie haben ein Pamphlet für mehr Gleichheit geschrieben, ein Ausgangspunkt dafür ist eine Metapher. Sie schreiben: „Die Ungleichheit ist uns in die Knochen gefahren.“ Warum dieses Bild?

Viele soziologische Studien zeigen, dass die relative Ungleichheit, der Abstand zwischen denen, die am meisten haben, und denen, die am wenigsten haben, zahlreiche soziale Probleme hervorruft. In Industrieländern wie Großbritannien, Deutschland, Frankreich oder Schweden korreliert die Ungleichheit zum Beispiel mit einer höheren Inzidenz von psychischen Erkrankungen, Fettleibigkeit, Teenagerschwangerschaften und Drogenkonsum. Deshalb scheint mir die Vorstellung sehr naheliegend, dass die Ungleichheit in unsere Körper eingedrungen ist und sich in Form von Unbehagen ausdrückt. Sie ist eine täglich gelebte Erfahrung.

Mit dieser Metapher erscheint die Ungleichheit wie eine Krankheit – man stellt sich beim Lesen die Frage: Kann dafür nicht einfach eine Therapie gefunden werden?

Medizinische und biologische Metaphern sind immer gefährlich. Sie geben den Problemen, die politisch sind und die wir politisch lösen müssen, eine biologische Anmutung. Doch sie können auch nützlich sein, um die Tiefe des Problems zu vermitteln. In Spanien haben wir zwar ein relativ starkes öffentliches Gesundheitssystem, aber es gibt beispielsweise Unterschiede in der Lebenserwartung von bis zu zehn Jahren zwischen den reichsten und ärmsten Vierteln in Madrid oder Barcelona. Ungleichheit ist kein abstraktes, allgemeines Problem, sondern ein intimes und persönliches.

Glauben Sie, dass die Gesellschaft bereits genug über dieses Problem und auch über die Zusammenhänge zwischen Ungleichheit und sozialen Problemen weiß?

Die Weltwirtschaftskrise von 2008 hat vieles geändert. Besonders in südeuropäischen Ländern spielt die Ungleichheit in den öffentlichen Debatten eine immer größere Rolle. Doch die Debatte greift oft zu kurz. Sie beschränkt sich auf eine Diagnose der Lage der Mittelschicht und des Kaufkraftverlustes.

Haben Sie sich deswegen gedacht: Ich muss provozieren, ich muss ein Pamphlet schreiben?

Ich habe schon vor mehr als zehn Jahren angefangen, über dieses Buch nachzudenken. Insbesondere 2011 im Kontext der 15M-Bewegung in Spanien, als mit breitem linken Protest ein Bewusstsein für die Folgen der wirtschaftlichen und politischen Ungleichheit in unserem Land aufkeimte, aus der auch Podemos hervorging. Dabei habe ich aber eine starke Ausrichtung auf die Mittelschicht festgestellt. Insbesondere junge, gebildete Menschen stellten plötzlich fest, dass die Versprechungen ihrer Jugend – wenn du studierst, hart arbeitest, wirst du besser leben als deine Eltern – in der Wirtschaftskrise zusammenbrachen. Darüber, dass es vielen Millionen Menschen ohne Ausbildung, die ungelernte Arbeit verrichten, noch viel schlechter ging, sprachen sie aber nicht. Trotz des egalitären Anliegens und des erstarkten Misstrauens gegenüber der neoliberalen Politik schafften wir es nicht, eine tiefgreifende egalitäre Perspektive zu entwickeln.

Was fehlt der Debatte über Ungleichheit?

Gleichheit muss wieder ein allgemeingültiger Wert werden wie etwa die Meinungsfreiheit. Heute sagt niemand öffentlich, dass er gegen die Meinungsfreiheit ist, nicht einmal die extreme Rechte. Es ist Mainstream. Auch die Gleichheit war das in unserer jüngeren Geschichte schon einmal. Mich interessiert, welche politischen Schritte wir ergreifen könnten, um diese Allgemeingültigkeit wiederherzustellen. Was würde ich einem Leser, der konservativer ist als ich, sagen, um ihn davon zu überzeugen, dass die Gleichheit nicht unbedingt ein Projekt der politischen Linken ist, sondern dass sie auch von rechts entwickelt werden kann?

Ihr Pamphlet ist also nicht nur als Weckruf für die politische Linke gedacht.

Nur zum Teil. Die Linken müssen sich definitiv reflektieren und fragen: Wie ist unsere soziale Zusammensetzung? Warum haben wir so große Schwierigkeiten, Mehrheiten zu schaffen und beispielsweise die Arbeiterklasse zu erreichen, die der Linken immer öfter Elitismus und Arroganz vorwirft? Wir müssen einen Prozess der Selbstkritik durchlaufen. Aber ich wollte auch konservative, rechtsgerichtete Leser ansprechen, denn ich glaube, viele konservative Menschen sind egalitärer eingestellt sind als sie glauben.

Inwiefern?

Wenn Soziologen die konservativsten Menschen, die sich selbst nicht als Egalitaristen sehen und der Umverteilung misstrauen, fragen: „Wie viel mehr als der Durchschnittslohn eines Unternehmens sollten dessen Spitzenverdiener maximal verdienen?“, dann sagen sie fünfmal so viel, zehnmal so viel. Aber niemand sagt 200-mal, 400-mal so viel. Es besteht eine große Kluft zwischen der Realität der Ungleichheit und dem, was selbst die Konservativsten für wünschenswert halten. Ich glaube, es gibt einen allgemeinen egalitären Impuls, der sich in den Programmen der Parteien nicht niederschlägt. Ich will damit nicht sagen, dass Konservative für vollkommene Gleichheit sind, aber sie sind sicherlich nicht für das Ausmaß an Ungleichheit, das in unseren Gesellschaften besteht.

Doch davon ist in der Realität wenig zu spüren.

Ja, das ist eine der zerstörerischsten Folgen von 30 Jahren neoliberaler Politik: Sie hat es geschafft, dass uns die Gleichheit als unmöglich erscheint, als eine Utopie. Stattdessen bestimmt der Wettbewerbsgedanke unsere Gesellschaften. Studien zeigen, dass der Glaube an das Funktionieren der Meritokratie, der Leistungsgesellschaft, in dem Maße zunimmt wie die Prozesse der Kommerzialisierung und Privatisierung, vor allem in den 80er und 90er Jahren. Und zugleich wird die Ungleichheit größer. Paradoxerweise glauben die Menschen umso mehr an die Leistungsgesellschaft, je ungleicher sie ist. Der Grund dafür ist, dass die Leistungsgesellschaft weniger eine Praxis als vielmehr ein legitimierender Diskurs ist, der Ungleichheit rechtfertigt. Und zwar sehr effektiv: Plötzlich erscheint uns Gleichheit als unerreichbar, als etwas, das nicht in unserer Hand liegt, weil wir nur den Wettbewerb um uns herum sehen.

Ihrem Buch zufolge ist ein Instrument für diese Legitimation die Chancengleichheit, die Sie schon im Titel attackieren.

Die Chancengleichheit ist in bestimmten Kontexten sehr wichtig, im Sport, aber auch bei öffentlichen Ausschreibungen oder bei der Vergabe von Mitteln für Forschungsprojekte. Hier fungiert sie wie eine Doping-Kontrolle. Aber wenn dies das einzige Modell der Gleichheit in unserer Gesellschaft ist, dann wird der Wettbewerbsgedanke auf die globale soziale Gerechtigkeit angewendet. Wir stellen uns die gesamte Gesellschaft als einen Wettkampf mit Gewinnern und Verlierern vor. Alle starten zwar am gleichen Punkt, doch dann gibt es keine Grenzen mehr. Weder für Reichtum, politische Macht noch Ansehen. Und das ist ein sehr verarmtes egalitäres Programm. Es geht dann nicht darum, jedem das zuzugestehen, was er braucht, sondern das, was er verdient hat. Diese Chancengleichheit ist im Grunde genommen ein Projekt von Eliten. Antidemokratische Konservative wie Vilfredo Pareto suchten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Möglichkeit, Eliten nicht wie die alte und korrupte Aristokratie darzustellen, sondern als gute Eliten, die sich im Wettbewerb bewährt haben: die Leistungsgesellschaft. Aber es war ein zutiefst antidemokratisches Projekt. Sie wollten ein elitäres Modell bewahren, um die Entwicklung der Demokratie zu bekämpfen.

César Rendueles, geboren 1975 in Girona, lehrt Soziologie an der Universidad Complutense de Madrid.
César Rendueles, geboren 1975 in Girona, lehrt Soziologie an der Universidad Complutense de Madrid. © Monika Müller

Sehen Sie auch einen Zusammenhang zwischen der Ungleichheit, die die Leistungsgesellschaft hervorbringt, und dem Erstarken des nationalen Populismus?

Es besteht ein enger Zusammenhang. Sobald die leistungsorientierten Versprechungen in der Krise scheitern, entsteht ein Vakuum, das der Rechtspopulismus sehr leicht ausnutzen kann. Mit der Nostalgie einer angeblichen Vergangenheit, in der man, wenn man hart arbeitete und sich wirklich anstrengte, ein gutes Leben führen konnte. Wir wissen, dass dies eine Lüge ist, ein Hirngespinst, insbesondere in Ländern wie Spanien. Aber in diesem Vakuum des verletzten leistungsorientierten Narzissmus gedeihen die Versprechungen der radikalen Rechten. Zu Beginn der Weltwirtschaftskrise am Ende der Nullerjahre gab es eine Chance für eine andere Antwort auf das Scheitern der meritokratischen Fantasien, vor allem in Südeuropa, in Griechenland, Spanien und Portugal. Mit Projekten, die in Richtung wirtschaftlicher Demokratisierung und dem Aufbau von mehr sozialen Rechten gingen. Doch das scheiterte.

Sie sprechen auch von der spanischen Linkspartei Podemos?

Es geht um mehr als Podemos. Es ist das Scheitern einer ganzen politischen Bewegung …

… der 15M-Bewegung von 2011...

… ja, Spanien war vor rund zehn Jahren eines der am stärksten mobilisierten Länder der Welt, mit einem Potential zur Mobilisierung auf der Straße, wie es das Land in den vergangenen 40 Jahren nicht gesehen hat.

Was ist davon übrig?

Nichts. Nur die Katerstimmung (lacht). Es war ein sehr intensiver Moment der Mobilisierung für viele und er ist vorbei. Es ist nicht gelungen ist, diese Energie, diesen Mut, sich tiefgreifenden sozialen Veränderungen zu stellen, in institutionelle Veränderungen umzusetzen. Und die Folge ist ein sehr großer Demobilisierungsprozess. Für meine Generation war es ganz normal, sich auf einer Straße von 30 000, 40 000 Menschen umgeben zu sehen. Menschen, die heute Anfang 20 sind und sich in sozialen Bewegungen engagieren, kennen das fast gar nicht mehr. Das ist die große Herausforderung, der wir uns jetzt stellen müssen, um den Kater von 15M zu überwinden.

Aber Podemos ist jetzt Teil der Regierung und setzt sich für sehr wichtige Themen wie die Rechte der Frauen ein …

… das ist natürlich positiv. Doch Podemos ist im Moment größter Schwäche in die Regierung eingetreten. Es war nur akzeptabel, dass Podemos Teil davon wurde, als klar war, dass sie weder in der Lage sein würde, die Politik der Regierung radikal zu ändern, noch die Menschen weiter auf die Straße zu bringen. Dennoch ist es das erste Mal in der Geschichte der spanischen Demokratie, dass eine Partei, die links von der sozialistischen Partei steht, an der Regierung beteiligt ist. Wenn man mir vor zehn Jahren gesagt hätte, dass es Leute in der Regierung geben würde, die früher militant waren, gegen Zwangsräumung, dazu eine kommunistische Arbeitsministerin – dann hätte ich das für ein Hirngespinst gehalten.

Das Buch

César Rendueles: Gegen Chancengleichheit. A. d. Span. v. Raul Zelik. edition suhrkamp, Berlin 2022. 329 S., 20 Euro.

Ähnlich dürften sich aktuell die fühlen, die für mehr Einsatz gegen den Klimawandel kämpfen. Auch auf sie kommen Sie im Buch zu sprechen. Was können Klimaaktivist:innen aus ihrem Buch mitnehmen?

Wie die Ungleichheit muss auch der Umweltkampf ein allgemeingültiges Projekt werden. Auch wenn bei den Bürgern das Bewusstsein für die Dramatik der Klimakrise wächst, sie führt noch nicht zu einer Änderung der Lebensgewohnheiten und einer ehrgeizigen öffentlichen Politik. Es gibt eine wichtige Lehre aus dem Feminismus und der Geschlechterpolitik. Sie sind aus einer einzelnen Bewegung zu einem geteilten Wert geworden, der in allen Teilen der Politik präsent ist. Das muss auch dem Kampf gegen Klimawandel gelingen. Ziel sollte nicht einfach eine umweltfreundliche Politik sein, sondern eine umweltfreundliche Industriepolitik oder eine umweltfreundliche Bildungspolitik. Wie bei der Gleichstellung von Mann und Frau handelt es sich nicht um ein Spezialthema, sondern um ein Querschnittsthema für alle politischen Initiativen. Das ist die Herausforderung.

Wie kann das erreicht werden?

Wir müssen uns Instrumente ausdenken, mit denen wir auch Menschen ansprechen können, die keine Aktivist:innen sind. Oft überwiegt der Umweltkatastrophismus, der den Menschen ständig mit dem Ende der Welt droht, aber politisch sehr unwirksam ist. Denn er wirkt nicht sehr mobilisierend. Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass wir eine nachhaltigere, aber auch bessere Welt anstreben. Wir werden sicherlich weniger Flugreisen machen, dafür aber mehr Freizeit haben. Wir werden weniger Konsumgüter haben, weniger Fleisch essen, aber mehr Zeit zum Kochen und Essen mit unseren Familien und Freunden haben. Wir müssen ein erstrebenswertes Ideal eines guten Lebens aufbauen.

Haben Sie ein Beispiel?

In Spanien gibt es eine interessante Initiative, die von Íñigo Errejón vorangetrieben wird: die Vier-Tage-Woche, die auch dem Umweltschutz zugutekäme, weil so Energie gespart und der Verkehr verringert würde. Diese Art von Veränderungen, die indirekt umweltfreundlich sind und zugleich einen Weg zu mehr Lebensqualität aufzeigen, halte ich für sehr wirksam.

Abschließend möchte ich auf eine weitere Metapher eingehen. Sie sagen: Wir müssen mehr Universalität erreichen, um den Klimawandel zu bekämpfen. In Ihrem Buch verwenden Sie aber die Metapher der Notbremse des Zuges von Walter Benjamin, die letztlich von einer Person bedient werden muss. Wie passt das zusammen?

Walter Benjamins Metapher von der Notbremse hat Grenzen. Das Problem beim ökologischen Übergang ist, dass es keinen roten Knopf gibt. Wenn Greta Thunberg morgen Präsidentin von Deutschland oder Spanien wäre, hätte sie nicht den einen Knopf, um den Klimawandel zu stoppen. Was die Metapher ausdrückt, ist, dass wir es zum ersten Mal in der Geschichte der Emanzipationsbewegungen eilig haben, es bleiben nur noch Jahre. Gleichzeitig besteht das Problem darin, dass es sich um eine Reihe von Veränderungen handelt, die von groß angelegten staatlichen Eingriffen, etwa im Energie- oder Industriebereich bis hin zum Alltag der Menschen. Deshalb ist der Aufbau großer gesellschaftlicher Mehrheiten als entscheidendes Element des umweltpolitischen Programms so wichtig. Wenn es sich nicht um ein hegemoniales Programm handelt, wird es unzureichend sein.

Interview: Jakob Maurer

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