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Wenn der Sonnenschein trügerisch ist: Blick über das südspanische Mar Menor.

Spanien

Von Rechten belagert: Extremisten träumen von der „Rückeroberung“ 

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Über die Küsten-Berge ins Vox-Land – die ultrarechte nationalistische Partei dominiert die autonome Region Murcia.

Sie müsste längst da sein, die Fähre aus San Javier. Vergeblich die Ausschau über das südspanische Mar Menor. Sollte die Mole die Sicht verdecken? Der kleine Mann, der vom Club Náutico gekommen ist, hebt bedauernd die Hände. „Ferry no viene“, versteht der Reisende. Die Fähre kommt nicht. Porqué no, warum nicht? Stürmischer Wind über Nacht hat den Wellengang so verstärkt, dass das Schiff im Flachwasser aufsetzen würde. Das Mar Menor, ein seichtes Binnenmeer, bildet mit dem Cabo de Palos die Ostspitze der autonomen Region Murcia. Die Salzwasser-Lagune wird auf 22 Kilometern durch schmale, zuweilen nur 100 Meter breite, dann wieder aufgeweitete, ehedem unbebaute Sand- und Dünennehrungen vom Mittelmeer getrennt. Heute ist die Strecke Miami-artig gespickt mit Hotels, Yachthäfen, Tourismus-Agenturen.

„Lo siento“, versichert der kleine Mann, tut mir leid. Der Ausdruck des Reisenden: ungläubig. Die Karte wird ihm im Maßstab 1:25.000 zeigen, wie beschwerlich der Tag des großen Umwegs enden wird. Puerto Tomás Maestre, der gedachte Startpunkt – weit vom Südufer entfernt – wird zum Umkehrpunkt. Nach Etappen auf dem Fernwanderweg GR 92 (Camino del Mar Mediterráneo) – von Puerto de Mazarrón um die idyllische Bucht nach La Azohía, hinauf zu herben, bergigen Passagen über dem gleißenden Meer zum Cabo Tiñoso, nach Cartagena und weiter, auf zauberhaft wilden Höhenwegen am Cabezo de la Fuente vorbei, dem Quellenkopf. Hier öffnet sich der Blick weit über die Campos de Cartagena zum Mar Menor.

Murcia: Dicke Gewinne für ultrarechte Vox-Partei

Zwei Orte der Campos de Cartagena, die so scheinbar idyllisch im klaren Licht des Frühjahrs liegen, waren es, die bei den spanischen Wahlen, den Elecciones Generales vom 28. April 2019, auffielen: Torre-Pacheco mit einem Stimmenanteil von 25 % für die ultrarechte nationalistische Vox-Partei. Und das benachbarte San Pedro del Pinatar, dort waren es 23 %. Das Ergebnis konnte als Zeichen für Spannungen in der Region gedeutet werden.

Bis zum November würde die Region Murcia weitere Heimsuchungen erleben. Zum einen die investigative Untersuchung der Confederación Hidrográfica del Segura (CHS), der regionalen Wasserbehörde, die bei Kontrollen mehr als 9.000 Hektar illegal zu Ackerland umgewandelte Brachen um das Mar Menor feststellte. Zum anderen eine Umweltkatastrophe der lange schon gefährdeten Lagune, die bis in den Oktober hinein ein enormes Fischsterben verursachen würde. Schließlich der nochmals deutliche Zuwachs für die Vox-Partei bei den erneuten spanischen Wahlen vom 10. November 2019.

Der Ausfall der Fähre durchkreuzt das Drehbuch des Tages. Das Ziel bleibt Los Alcázares. Die Karte, die Mapa Topográfico lässt keine Alternative zu: zurück zum Fuß der Berge, dann auf dem Paseo Marítimo südlich und westlich am Ufer entlang, an den Salinen von Marchamalo vorbei, auf Feldwegen nach Los Nietos. Dessen Meeresfront ist hermetisch verrammelt. Ein Weg, begleitet von Ausblicken auf die Lagune mit den fünf kleinen Kuppeninseln, den vulkanischen Relikten der Region. Landeinwärts, von Bergen umschlossen, die semiaride Ebene der Campos de Cartagena, seit Urzeiten dem Landbau auf kleinen Parzellen gewidmet. Anders als im Plastikmeer der Provinz Almería, wächst das Gemüse im Freiland. Ursprünglich aus Brunnen gespeist, wird die Bewässerungslandwirtschaft heute durch das ferne Quellgebiet des Río Tajo versorgt. Über den Tajo-Seguro-Transfer, der auch das Wasser für die „Huerta“ von Murcia liefert. Die berühmten Gärten am Río Segura, ein gleichfalls mehr als tausendjähriges Kulturland.

Murcia: Kolonnen von Landarbeitern und Migranten

Überall auf den Feldern ist Betrieb.Kolonnen von Landarbeitern, von Kleinbussen herantransportiert, bearbeiten Furche um Furche: Migranten aus Nordafrika, aber auch aus Südamerika und Osteuropa. Die europäische Nachfrage nach Winter- und Frühgemüse ist zum bedeutendsten Wirtschaftsfaktor der Region geworden. Vom massiven Zustrom nicht spezialisierter Arbeitsmigranten abhängig, wurden veränderte Anbaumethoden eingeführt, einerseits um die Produktion zu beschleunigen (von Überdeckungen mit aufliegenden Planen, in die Durchlässe für die Pflanzen geschnitten werden bis zu Mikrotunneln für lange Zeilen). Andererseits, um Düngung zu reduzieren, Wasser zu sparen durch Tröpfchenbewässerung (mit Schlauchleitungen, die direkt zu den Pflanzen führen). Zwei oder mehr Ernten werden erzielt. Die klimatisch begünstigte Region hat 2900 Sonnenstunden im Jahr. Milde Winter sorgen für Zeitvorsprung vor konkurrierenden Gartenbauregionen in Europa.

In den Ferienquartieren sind die Jalousien heruntergelassen. Playa Honda schläft den Schlaf der Vorsaison. Bei Punta de las Lomas behaupten sich Reste einer Brach- und Dünenlandschaft. Voraus, der Cabezo del Carmoli, eine 113 Meter hohe Vulkankuppe über dem inneren Ufer des Mar Menor. Von oben schweift der Blick über Brachland zur Mündung der Rambla del Albujón vor Bahía Bella. Inseln ursprünglichen Bewuchses sind erhalten, mediterrane Macchiaformen, die ursprünglich die Region des Mar Menor bedeckten: Zwergpalmen, Espartogras, Mastixsträucher, Schwarzdorn und Withania.

Die Rambla del Albujón, das aus der Sierra de la Muela kommende Bachbett der Campos, lässt sich in der Ebene kaum verfolgen, ist zur Breite eines Kanals geschrumpft. Immer wieder rücken Felder der Gemüsebauern auf Sichtweite ans Meer. Umweltschützer demonstrieren seit langem gegen enorme Einträge von Nitraten in die Lagune.

Murcia: Bevölkerungsstruktur hat sich verändert

Zehn Kilometer von der Küste entfernt,inmitten der Anbaugebiete liegt Torre-Pacheco. Die Bevölkerungsstruktur des Ortes mit 36.000 Einwohnern hat sich über die Jahre verändert. Bis zu 30 Prozent sind Migranten. Die Verhältnisse ähneln denen im berühmt-berüchtigten El Ejido bei Almería. Die Widersprüche der landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse, die Juan Goytisolo bereits 2000 kritisch kommentiert hatte, sind unverändert: Das Ausmaß der Ausbeutung von Immigranten sei „eine direkte Folge der sich abrupt beschleunigenden sozialen Veränderungen, aber auch der ethischen und kulturellen Unfähigkeit der südspanischen Landwirte, sich ihrem neuen Status gewachsen zu zeigen.“ Die Kritik bezog sich nicht auf El Ejido allein, sie galt auch „in Níjar, in den Campos de Cartagena und einigen Gegenden Kataloniens“ (Juan Goytisolo, El Peaje de la vida, Madrid 2000).

Seit zwei Jahrzehnten in der Kritik, sind gerade diese Regionen heute die Bastionen der Vox-Partei, die bei den erneuten spanischen Wahlen im November enorme Zugewinne erreichte – in all den Orten, an denen sie bereits im April stark gewesen war: in Torre-Pacheco kam sie auf 38 %, in San Pedro del Pinatar auf 34 %. Damit zogen die Campos de Cartagena mit El Ejido gleich, wo die Vox nach 30 % im April bei den November-Wahlen 36 % erzielte, im benachbarten Balanegra gar 43 %.

„In Murcia beginnt die Reconquista“, die Rückeroberung,wird Lourdes Méndez zitiert, die Spitzenkandidatin der regionalen Vox-Liste (El País, 11. November 2019) – in Anspielung auf das Zurückdrängen des muslimischen Herrschaftsbereichs (al-Andalus) im Mittelalter. Während die Vox bei den Wahlen vom April auf der Landesebene der autonomen Region Murcia mit – damals schon – erstaunlichen 19 % der Stimmen auf Rang vier hinter PSOE (Partido Socialista), PP (Partido Popular) und Cs (Ciudadanos) platziert war, schaffte sie, nur sechs Monate später mit 28 % der Stimmen den Sprung auf Rang eins. Das autonome Murcia ist seitdem die erste der Regionen Spaniens, die von der ultrarechten nationalistischen Partei dominiert wird.

Exklave Ceuta wie Murcia von Vox dominiert

So, wie die autonome Stadt Ceuta, spanische Exklave in Marokko, die bei den Wahlen im April noch die PSOE mit 36 % vorn sah, jetzt aber mit 35 % von Vox dominiert wird. Vox war nicht nur auf dem Land erfolgreich, die Partei hat in zwei der größten Städte der Region Murcia gewonnen, in der Hafenstadt Cartagena (mit 31 %) und in Molina de Segura (mit 28 %). In der Regionalhauptstadt Murcia selbst konnte sich die PP mit gerade noch 0,2 % der Stimmenanteile vor Vox behaupten, in Lorca die PSOE mit gerade 0,4 % vor Vox.

Nachwahlanalysen zeigen, dass – während die illegale Migration aus Marokko über Alborán Meer, Straße von Gibraltar und Atlantik durch Regierungsvereinbarungen und Finanzhilfen Spaniens und der EU im Vergleich zum Vorjahr um die Hälfte reduziert werden konnte – der Anteil der sesshaften Migranten unter der Wohnbevölkerung, die Bedingungen in der Landwirtschaft bis hin zu Auseinandersetzungen über Wasserrechte die Wahlergebnisse zugunsten von Vox beeinflusst haben. „Vox hat mehr Stimmen in den Dörfern gewonnen, in denen ein größerer Prozentsatz nichteuropäischer oder osteuropäischer Einwanderer lebt. (… Diese Relation) bleibt auch bestehen, wenn andere Faktoren wie das Einkommen der Nachbarschaft oder die Anzahl der in dieser Gegend lebenden Landarbeiter berücksichtigt werden“ („El País“, 16. November 2019).

Die Relation von Einwanderung (Anteil von Migranten an der Wohnbevölkerung in Wahlbezirken resp. in Nachbarbezirken) zu Wahlergebnissen für Vox sind nicht nur für Regionen wie Murcia oder Almería charakteristisch, sondern für die gesamte Südwest- und Südküste des Landes. Von der spanischen Grenzregion Huelva (Cartaya – Vox 36 %) über Cádiz (Algeciras – Vox 28 %), Málaga (Manilva – Vox 31 %; Estepona – 27 %), Almería (Níjar – Vox 35 %) bis südlich von Alicante (Pilar de la Horadada – Vox 34 %).

Wie heißt es so treffend bei Juan Goytisolo? „Die ersten Einwanderer aus dem Maghreb und Schwarzafrika kamen Ende der achtziger Jahre. (…) Durch die rasche Fluktuation von Gütern, Kapital und Menschen kam es zu heftigen Verwerfungen“. Heute liegt, selbst im Umkreis von etwa 50 Kilometern um das Zentrum der Hauptstadt, ein Gürtel von Gemeinden, in denen Vox so reüssierte (Navalcarnero – Vox 28 %; Griñón – Vox 32 %; Valdemoro – Vox 28 %), dass Madrid wie belagert erscheint.

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