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„Er braucht nicht zu lügen“: Soziologe erklärt Selenskyjs „moralische Autorität“

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Von: Harry Nutt

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Stehende Ovationen nach der Rede Selenskyjs vor dem US-Kongress.
Stehende Ovationen nach der Rede Selenskyjs vor dem US-Kongress. © AFP

Seit Beginn des Ukraine-Krieges spielt Selenskyjs Heldenbild eine große Rolle. Soziologie Ulrich Bröckling erklärt die Hintergründe.

Herr Bröckling, der Krieg in der Ukraine dauert nun fast vier Wochen. Wie haben Sie Präsident Selenskyj in dieser Zeit wahrgenommen, dessen Heldentum zuletzt ja geradezu beschworen wurde?

Der emotionalen Wirkung seiner Auftritte vermag man sich kaum zu entziehen. Er hat im Europaparlament gesprochen, in der UN, vor dem amerikanischen Kongress, und am vergangenen Donnerstag war er dem Deutschen Bundestag zugeschaltet. Die in seinen Social-Media-Botschaften formulierten Forderungen an den Westen werden immer dringlicher. Er selbst ist in rasantem Tempo in die ihm durch die politischen Umstände und den Ausbruch des Krieges zugewiesene Rolle hineingewachsen, um quasi über Nacht zu einer globalen Autorität aufzusteigen.

Plötzlich ein Held? Ist es so einfach?

Als Helden verehren wir in der Regel Menschen, die im Kampf gegen übermächtige Feinde außergewöhnliche Taten vollbringen und bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. In diesem Sinne verkörpert Selenskyj den Widerstandswillen der Ukrainerinnen und Ukrainer. Er ist vor Ort und hat mehrfach Angebote abgelehnt, sich in Sicherheit bringen zu lassen. Bemerkenswert ist, dass er nicht als stählerner Held und martialischer Krieger auftritt, sondern in einer Mischung aus Entschiedenheit, dringlichen Appellen und Zivilität. Das zeigt sich nicht zuletzt in seinem äußeren Erscheinungsbild: Er trägt Oliv, aber keine Uniform, sondern meist ein T-Shirt. Vor allem aber vermeidet er Hassreden und erinnert stattdessen an die Opfer der russischen Angriffe. Seine moralische Autorität beruht auf etwas sehr Einfachem: Er braucht nicht zu lügen.

Medien-Krieg und Troll-Armee: Wie Selenskyj Russlands Kommentar-Armee überschallt

Was folgt daraus?

Man neigt ja dazu, Heldengeschichten als bloße Symbolpolitik abzutun. Hier aber wird deutlich, dass die weltweite Solidarität mit der Ukraine sehr viel mit der emotionalen Wucht zu tun hat, die von Selenskyjs medialer Präsenz ausgeht. Seine Ansprachen haben einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf politische und militärische Entscheidungen. Vor dem 24. Februar wurde oft vor Cyberwar und Medienkriegen gewarnt. Ich will diese Gefahren nicht kleinreden, aber im Moment jedenfalls sind es nicht so sehr die Trolle und die von ihnen produzierten Fake News, die das mediale Geschehen bestimmen. Zumindest außerhalb Russlands. Viel wichtiger erscheint die Bedeutung der sozialen Medien als Affektmaschine. Die Bilder der vom russischen Militär zerbombten Städte und die verzweifelten Hilferufe des ukrainischen Präsidenten erreichen uns unmittelbar auf der Ebene der Gefühle.

Auf der anderen Seite hat Wladimir Putin seinerseits Bilder einer ganz eigenen Legendenbildung beigesteuert. Was passiert im Verhältnis zu seinem Gegenüber gerade mit ihm?

In einer Hinsicht ist dieser Krieg sehr überschaubar: Wer der Aggressor ist und wer sich verteidigt, steht außer Frage. Auch das befördert Heldenmythen, und wo immer Heroen auftauchen, sind auch ihre Gegenspieler nicht fern. Je mehr Selenskyj die Menschen berührt, desto mehr wird Putin zur finsteren, ja dämonischen Schurkengestalt. Wer Mythen für etwas Antiquiertes hält, vermag an diesem Beispiel zu erkennen, welche Macht sie auch in der Gegenwart entfalten können. Dabei fällt auf, wie virtuos Selenskyj die Kommunikation mit den sozialen Medien beherrscht, während Putin aus der Zeit gefallen scheint. In diesem Kampf steht ein alert, zivil und moralisch integer wirkender ukrainischer David einer zur Wachsfigur erstarrten Gestalt gegenüber, dem russischen Goliath.

Zur Person:

Ulrich Bröckling , Jahrgang 1959, lehrt Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Soziologie der Sozial- und Selbsttechnologien; Gouvernementalitätsstudien, Kultursoziologie und Soziologie des Krieges und des Militärs. Ulrich Bröckling ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Leviathan“.

„Postheroische Helden. Ein Zeitbild“ ist 2020 im Suhrkamp-Verlag erschienen. Darin befasst sich Bröckling aus kultursoziologischer Perspektive mit den modernen Formen der Heroisierung sowie dem Bedürfnis nach Entheroisierung.

Ukraine-Krieg zeigt: System Putin hat Lücken

In welchem Verhältnis steht dazu die Aktion der russischen Journalistin Marina Owsjannikowa?

Sie reiht sich ein in die Reihe der öffentlichen Proteste gegen den Krieg, die in Russland mit brutaler Gewalt unterdrückt werden. Marina Owsjannikowa ist es gelungen, ihren Widerstand in einer Art zivilen Guerilla-Aktion sichtbar zu machen. Mit einem Schlag war unübersehbar, dass es offenbar doch Lücken im despotischen System Putins gibt. Ziviler Widerstand macht sich im Übrigen auch in der Ukraine bemerkbar: In Cherson, einer von den russischen Truppen eingenommen Stadt in der Ostukraine, gehen die Menschen in großer Zahl auf die Straße, um gegen die Besetzung und die Okkupanten zu protestieren.

Hierzulande war man schnell dabei, die Protestformen zu heroisieren. Was verrät das über unsere Gesellschaft?

Heldengeschichten besitzen eine große appellative Kraft; es fällt schwer, ihnen gegenüber gleichgültig zu bleiben. Selenskyjs Auftritte beunruhigen zutiefst, manchmal haben sie sogar etwas Verstörendes. Man fühlt sich schuldig bloß zuzuschauen, schuldig, den Warnungen, die es gab, zu wenig Gehör geschenkt zu haben. Das Desinteresse an der politischen Lage der Ukraine war weit verbreitet, und es gibt nur wenige, die sich da ausnehmen können. Ein schlechtes Gewissen ist allerdings so wenig ein guter Ratgeber wie die Faszination, die von Heldenfiguren ausgeht. Hierzulande entsteht gerade ein enormer Sog, die nahezu hyperaktive Vorstellung, alles müsse sofort und unbedingt in Bewegung gesetzt werden, um dem Morden Einhalt zu gebieten. Vielleicht trägt diese mobilisierende Erregtheit dazu bei, dass die Sanktionen verschärft, die Öl- und Gaslieferungen endlich gestoppt werden. Doch birgt eine Affektpolitik im Schockmodus selbstverständlich die Gefahr der Ausweitung des Krieges. So grauenvoll das Geschehen in der Ukraine ist, eine militärische Eskalation, die in einen dritten Weltkrieg mündete, würde das Grauen doch nur ins Unermessliche steigern. Dass Deutschland nun Tarnkappenbomber anschafft und „atomare Teilhabe“ beansprucht, damit ist in der Ukraine niemandem geholfen.

Die Bürger Kiews – Zwischen Heldenethos und Totenkult

Aus einigen Kommentaren war zuletzt eine Art Schadenfreude herauszuhören, dass sich die Diagnose vom postheroischen Zeitalter erledigt habe. Was ist das Postheroische, und sollte man es tatsächlich verabschieden?

Postheroisch heißt nicht, dass es keine Helden mehr gibt und geben kann, sondern dass sie problematisch geworden sind. Es dominiert eine skeptische, oft auch ironische Haltung ihnen gegenüber. Man konsumiert gern Heldengeschichten vom Fernsehsessel aus, möchte selbst aber von heroischen Zumutungen lieber verschont bleiben. Manche beklagen solche Einstellungen jetzt als Wohlstandspazifismus und Ausdruck fehlender Wehrhaftigkeit. Nach den Exzessen heroischer Mobilmachung im Nationalsozialismus halte ich die Abneigung gegen jedwedes Heldenethos aber weiterhin für eine zivilisatorische Errungenschaft. Es gibt allen Grund, größten Respekt vor dem Mut und Durchhaltewillen der Ukrainerinnen und Ukrainer zu haben. Dass heroische Überhöhungen eher der eigenen Entlastung dienen, ist ein plausibler Verdacht, wie sich in diesen Tagen neuerlich lernen lässt: Die Begeisterung für die Kiewer Bürger, die sich mit Molotowcocktails bewaffnen, überdeckt die unerträgliche Ahnung, wie wenig brennende Benzinflaschen gegen Luftangriffe auszurichten vermögen. Heldenverehrung ist allzu oft vorweggenommener Totenkult.

Ganz sicher war zuletzt ein Gefälle zwischen der Dringlichkeit zu bemerken, wie sie etwa die ukrainische Schriftstellerin Katja Petrowskaja artikulierte, und der defensiv-hilflos wirkenden Haltung verantwortlicher Politiker.

Ich denke, die Spannung zwischen dem schrecklichen Leiden, das einfach nur aufhören soll, und der Frage, was dazu jetzt getan werden muss, ist nicht aufzulösen. Es existiert keine einfache Antwort auf diese Frage, und zugleich gibt es nichts, was drängender wäre. Moralisierung hilft nicht weiter, sie polarisiert allenfalls. Moralische Kommunikation, hat der Soziologe Niklas Luhmann einmal gesagt, ist selbst polemogen, erzeugt neuen Streit. Sie kennt nur ein Entweder-oder und wertet diejenigen ab, die eine andere Auffassung vertreten: Wer sich gegen die Einrichtung einer Flugverbotszone ausspricht, so der Vorwurf, macht sich mitschuldig am Tod unschuldiger Kinder; wer sie befürwortet oder noch weitergehende militärische Schritte fordert, muss sich vorhalten lassen, leichtfertig die Gefahr atomarer Vernichtung in Kauf zu nehmen. Was nottut, sind kluge politische Entscheidungen jenseits der Alternative, entweder den Krieg auszuweiten oder die Ukraine im Stich zu lassen. Situationen, deren Dilemmata sich nicht leichthin auflösen lassen, muss man wohl tragisch nennen. (Interview: Harry Nutt)

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