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Soziologe Armin Nassehi: „Putin greift auch die Möglichkeit an, über Dreadlocks zu debattieren“

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Von: Harry Nutt

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Eine ukrainische Polizistin ist von ihren Gefühlen überwältigt, nachdem sie die aus Irpin am Stadtrand von Kiew evakuierten Menschen getröstet hat.
Eine ukrainische Polizistin ist von ihren Gefühlen überwältigt, nachdem sie die aus Irpin am Stadtrand von Kiew evakuierten Menschen getröstet hat. © dpa

Der Soziologe Armin Nassehi beschreibt die Zumutung, zivilisatorische Stärke angesichts des Ukraine-Kriegs zu beweisen.

In seinem jüngsten Buch hat der Münchener Soziologe Armin Nassehi eine Theorie der überforderten Gesellschaft entwickelt, die nun als Blaupause für den Umgang mit Krieg und der Angst vor dem Krieg gelesen werden kann. Wir sprachen mit ihm über das deutliche Gefälle im Diskurs von Experten und Expertinnen, Politikern und Betroffenen.

Herr Nassehi, wir gehen bereits in die fünfte Woche der ausgerufenen Zeitenwende. Ist es tatsächlich eine und wodurch zeichnet sie sich aus?

Ob es eine Zeitenwende gewesen sein wird – Futur II! –, wird sich erst später erweisen. Von einer politischen Zeitenwende würde man sich zumindest eine grundlegende Neuordnung des Spiels oder sogar der Spielregeln erwarten. Ob das hier der Fall ist, ist tatsächlich noch die Frage. Es ist zunächst die Reaktion auf einen Schock. Der Schock besteht wohl darin, dass zwar etwas Unerwartetes geschehen ist, das sich aber im Nachhinein als nicht gerade unwahrscheinlich herausstellt. Die faktische Vulnerabilität unserer Energieversorgung und die potentielle Vulnerabilität unserer Landesverteidigung brauchte in dieser Situation eine semantische Energieleistung. Da ist „Zeitenwende“ nicht schlecht gewählt.

Als Soziologe sind Sie gewohnt, gesellschaftliche Prozesse aus angemessener Distanz zu beobachten. Worin kann die Rolle des Soziologen einer Zeit bestehen, in der alles auf grundstürzende politische und militärische Entscheidungen dringt?

In aller Distanz würde ich zunächst diagnostizieren, dass trotz avisierter Zeitenwende die verteilten Rollen des Handelns, der Kritik und des Protests, der Interessen und nicht zuletzt der unterschiedlichen Lösungsperspektiven recht erwartbar funktionieren. Ich verstehe diesen Satz übrigens nicht als Kritik, sondern als analytischen Satz. Man kann die Zeitenwende ankündigen, aber dann stellt man fest, dass das Naheliegende unkontrollierbare Nebenfolgen haben kann, vor denen diejenigen warnen, die seit jeher damit beschäftigt sind. Es sind derzeit interessanterweise die Militärs, die vor zu forschen Reaktionen warnen, die Ökonomen streiten sich über die möglichen Folgen eines Energieembargos, Linke warnen vor Sozialabbau, in allen Lagern haben es manche immer schon gewusst, und die Koalition muss den Laden zusammenhalten. Der Kanzler kann nicht durchregieren – und er verrät auch gar nicht, was er tun würde, wenn er es könnte. Die Rolle des Soziologen besteht zunächst darin, diese Gemengelage zu beschreiben und nicht so zu tun, als gebe es die eine naheliegende Lösung. Die Gesellschaft ist voller Zielkonflikte und Dilemmata – das haben wir in zwei Jahren Pandemie auch schon erlebt.

In den vergangenen Wochen hat sich die hiesige Diskussion auf die Frage fokussiert, ob man, wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer fordern, „den Himmel schließen“ oder gerade vermeiden soll, dass die Nato zur Kriegspartei wird. Was tun?

Ein klassisches Dilemma. Was immer man tut, es ist sowohl richtig als auch falsch. Das Belastende ist womöglich nicht das Dilemma selbst, sondern das Erleben, dass auch die leistungsfähigsten Fachleute nicht aus dem Dilemma heraustreten können – nun, sonst wäre es wohl keines.

Sie haben auf weitere moralische Dilemmata hingewiesen. Worin bestehen sie?

Nimmt man nur die Abhängigkeit vor allem Deutschlands von russischen Energielieferungen, hat das eine handwerklich ökonomische Dimension – wer macht sich ökonomisch so sehr von einem Lieferanten abhängig? Das ist ökonomisch mindestens unvernünftig. Dann hat es eine politische Dimension – und hier eine doppelte: man konnte diese Energiepartnerschaft ja auch als den Versuch ansehen, über wechselseitige Geschäftsbeziehungen eine friedliche Koexistenz aufzubauen. Allerdings hat der Bundeskanzler die neue Ostseetrasse noch vor Kurzem für ein rein privatwirtschaftliches Konzept gehalten, was schon immer falsch war, schon als Schröder damals von den Russen angefixt wurde. Man kann es rechtlich als Bindungsform begreifen – pacta sunt servanda. Und es hat eben mindestens im Nachhinein eine moralische Dimension, weil man sich an all die anderen Erklärungen gewöhnt hat, obwohl Russland bereits seit vielen Jahren Krieg führt, nicht nur gegen die Ukraine. Die moralische Betroffenheit wächst mit der geografischen Nähe. Auch diese Sätze sind mehr beschreibend als anklagend, denn das galt ja für fast alle beteiligten Akteure.

Zur Person:

Armin Nassehi, 1960 in Tübingen geboren, ist Professor für Soziologie in München. Schwerpunktmäßig ist er mit Fragen der Kultursoziologie und Politischen Soziologie befasst. Er ist Mitglied in verschiedenen Beratungsgremien und Mitherausgeber der Zeitschrift „Kursbuch“.

Sein aktuelles Buch „Unbehagen“ ist bei Beck erschienen (FR v. 22.11.2021).

In den Diskussionsrunden, denen wir nun täglich folgen können, fällt auf, dass die kühlen Erklärungsversuche von Experten sofort an Kraft verlieren, wenn sie auf die Berichte und Argumente etwa von ukrainischen Schriftstellern treffen.

Wie umgehen mit diesem Gefälle?

Das ist sehr schwierig. Ich habe vor ein paar Tagen mit einer aus der Ukraine stammenden Journalistin diskutiert, mit Katja Garbasch. In unserem Gespräch war zunächst diese Differenz sehr spürbar, erst implizit, dann explizit. Im Laufe des Gesprächs wurde dann deutlich, dass das jeweilige Gegenüber – von beiden Seiten aus gesehen – in einer Art role taking verständlicher wurde. Ein solches Gespräch ist vielleicht eine ästhetische Parabel auf das Dilemma. Es löst nicht das Problem, aber es hilft dabei, das Dilemma wenigstens darstellbar zu machen. Die handelnden „Experten“ werden dann auch erlebende „Betroffene“. Das kann eine kathartische Situation sein. Man muss wohl demütig anerkennen, wie wenig kontrollierbar Manches bleibt.

Wie steht es in dieser Situation um politische Entscheidungen, die ja bereits in sehr viel ruhigerer Zeit in der Kritik standen, immer zu langsam und zu wenig wirksam zu sein?

Abgesehen davon, dass politische Entscheidungen derzeit eben auch vor schwierigen Dilemmata stehen, müssen politische Entscheidungen stets neben den Sachproblemen auch politische Probleme lösen – Mehrheiten organisieren, Koalitionspartner im Boot halten, vor Öffentlichkeiten bestehen, nicht zu viel preisgeben. Die Demokratie ist langsam – auch wenn disruptive Zeitenwenden annonciert werden. Dass man das eine oder andere auch weniger zaudernd und mit klarerer Kommunikation hätte tun können, bleibt davon unberührt. Da könnte in Ost- und Nordosteuropa einiger Kredit verspielt worden sein. Wir erleben in den unterschiedlichen westlichen Ländern durchaus sehr unterschiedliche Reaktionsstile und Geschwindigkeiten.

Sie haben darauf hingewiesen, dass es möglicherweise sogar als zivilisatorischer Fortschritt anzusehen sei, dass insbesondere die Nato sehr zurückhaltend agiert. Wie meinen sie das?

Ich habe darauf hingewiesen, dass es kaum eine größere Zivilisationsleistung gibt, als eine Rationalisierung des unmittelbaren Gefühls, der direkten Emotion und des fast natürlichen Impulses. Die Erstreaktion ist doch, den Überfallenen beizustehen und den Aggressor in die Schranken zu weisen. Aber angesichts der möglichen Folgen hat die Zurückhaltung tatsächlich eine zivilisierende Komponente, auch wenn es unglaublich schwer fällt. Eine ebenso starke Zivilisationsleistung ist das Mitleid für die Opfer unter der Zivilbevölkerung, Männer, Frauen, Kinder, auch Tiere, und auch von Soldaten – auch Mitleid für die Opfer des Aggressors übrigens, wenn man an die jungen russischen Soldaten denkt, die als Kanonenfutter verheizt werden.

Trotz der dramatischen Situation scheinen die Ausdruckformen gesellschaftlicher Erregung wie gewohnt weiterzulaufen. Zuletzt wurde heftig über kulturelle Aneignung am Beispiel von Dreadlocks diskutiert. Was sagt das über uns und unsere Debattenkultur?

Das ist Ausdruck der Trägheit des Alltags, der oft stabiler ist als Störungen von außen. Vielleicht lernen wir daraus, wie privilegiert wir leben angesichts mancher Konflikte. Wie schön die Zeiten, in denen man sich über Dreadlocks empört oder über die Empörung darüber. Meine Stellungnahme dazu: In der Ukraine geht es gerade auch um eine pluralistische, demokratische Kultur, in der man Konflikte dieses Typs überhaupt führen kann. Der Angriff Putins gilt auch dieser Art von Konflikten, die Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaft sind, in der es eben auch solche etwas überschießenden Freiheiten zur Empörung gibt. Glücklich die Gesellschaft, deren interne Konflikte nicht immer ums Ganze gehen.

Interview: Harry Nutt

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