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Zeichnung einer Zoom Konferenz
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Erinnerungskultur

Was hat der Nationalsozialismus mit mir zu tun?

Dieser grundlegenden Frage deutscher Identität gehen rund 40 Frankfurterinnen und Frankfurter in einem Projekt des Historischen Museums nach. Wie das solidarische Erinnern der Gesellschaft helfen kann

Im Herbst 2020 begaben sich 38 Frankfurter:innen auf Spurensuche. Ihr Ausgangspunkt war die Gegenwart. Sie fragten, welche Orte oder Situationen sie persönlich an den Nationalsozialismus erinnern. In Begriffen, Einstellungen oder Gefühlen, an Orten oder in Institutionen fanden sie Spuren und Fortwirkungen des NS, die unsere Gesellschaft immer noch prägen, auch wenn die Bewohner:innen der Stadt sich stark verändert haben.

„Wo begegnest Du in Deinem Alltag Spuren des Nationalsozialismus?“ und „Was fällt Dir bei der Begegnung mit Spuren des Nationalsozialismus ein?“

Das waren die Eingangsfragen, die wir als Kurator:innen beim ersten Workshop zum Stadtlabor „Frankfurt und der Nationalsozialismus“ am 29. Oktober 2020 gestellt haben. Wir hatten rund 40 Personen eingeladen, sich auf Spurensuche zu begeben und sich dabei vom Kurator:innen-Team des Historischen Museums begleiten zu lassen. Das Stadtlabor ist ein partizipatives und gegenwartsorientiertes Ausstellungs- und Veranstaltungsformat des Historischen Museums Frankfurt.

Spurensuche zur NS-Vergangenheit in Frankfurt: Ausstellung im Historischen Museum

Für das Stadtlabor-Projekt haben wir – anders als sonst in partizipativen Museumsprojekten üblich – keine offene Ausschreibung gemacht. Man könnte fast sagen, dass unsere erste kuratorische Tat darin bestand, eine möglichst diverse Gruppe zusammenzustellen. Dafür haben wir gezielt Personen aus dem großen Netzwerk rund um das Stadtlabor und die Bibliothek der Generationen angesprochen und eingeladen. Andere wurden uns empfohlen oder auch von anderen Teilnehmenden mitgebracht. Unser Ziel war es, das Spurensuche-Projekt mit einer hinsichtlich Alter, Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung, Ausbildung, Religion und Glauben oder Behinderung möglichst heterogenen Gruppe zu realisieren.

Warum war das so wichtig? Wir wollen mit dem Projekt ganz konkret zeigen, wie Erinnerungsarbeit in der diversen Gesellschaft aussehen kann. Welche Zugänge zur NS-Geschichte finden Frankfurterinnen und Frankfurter heute? Welche Bezüge und Assoziationen werden durch die Beschäftigung mit dem NS-Unrecht freigesetzt? In der Ausstellung sind nun 25 konkrete und persönliche Antworten auf diese Fragen zu sehen.

Das Stadtlabor „Auf Spurensuche im Heute“ wirkt aktiv an einer Pluralisierung des Erinnerns an die NS-Zeit mit, das ja immer noch durch eine seltsam homogene Vorstellung von „Deutschsein“ geprägt ist. Die Ausstellung soll dazu anregen, das Erinnern so offen und vielfältig zu denken, wie es die Gesellschaft in Frankfurt und der Bundesrepublik schon längst ist. Ein Impuls für das Konzept stammt von der Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt, die von „anamnetischer Solidarität“ als Ziel von historisch-politischer Bildung spricht. Darunter verstehen wir, dass aus dem Erzählen über unterschiedliche historische Erfahrungen eine gemeinsame, solidarische Perspektive auf die Gegenwart entsteht.

Historisches Museum Frankfurt: Wo verbirgt sich das Erbe der NS-Zeit im Alltag?

Diesen Gedanken finden wir auch bei Michael Rothberg, einem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler, dessen 2009 in den USA erschienenes Buch zur „multidirektionalen Erinnerung“ jüngst in der deutschen Übersetzung erschienen ist. Rothberg entwickelt aus kulturwissenschaftlicher Sicht den Grundgedanken des solidarischen Erinnerns, das dazu dienen soll, gemeinsam durch Unrecht geprägte Strukturen zu überwinden.

In den konzeptionellen Überlegungen für dieses Stadtlabor verbinden sich die Fachbereiche der Erziehungswissenschaft beziehungsweise Geschichtsdidaktik und der Memory Studies, also der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Beide Diskussionsstränge gehen von einem produktiven Verständnis von Erinnerung aus. Kurz gefasst bedeutet dies, dass kollektive Formen des Erinnerns immer auch andere, individuelle Erinnerungen freisetzen. Denn alle, die an einem Ort leben, bringen eigene Erinnerungen mit. Und wenn man sich – wie wir jetzt im Stadtlabor – auf NS-Spurensuche begibt, dann treffen diese Erinnerungsbestände aufeinander und setzen etwas Neues frei. Dies begreifen wir als Chance und nicht als Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit.

Der Utopische Raum

Dr. Angela Jannelli ist seit 2010 Kuratorin für partizipative Museumsarbeit am Historischen Museum Frankfurt. Sie arbeitet im Stadtlabor-Team und leitet das künstlerische Erinnerungsprojekt „Die Bibliothek der Generationen“. 2012 hat sie mit „Wilde Museen“, einer Forschungsarbeit über Amateurmuseen, am Fachbereich Kulturanthropologie der Universität Hamburg promoviert. Ihre Schwerpunkte liegen auf Partizipation und Erinnerung im Museum.

Gottfried Kößler ist als Kurator an Ausstellungen des Fritz Bauer Instituts, des Jüdischen Museums Frankfurt und am „Stadtlabor“ des Historischen Museums Frankfurt beteiligt. Am Fritz Bauer Institut koordiniert er das Weiterbildungsangebot für Gedenkstättenpädagogi:innen „Verunsichernde Orte“. Bis 2019 war er stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts für den Schwerpunkt Pädagogik.

Die Ergebnisse des Stadtlabors, das Jannelli und Kößler zusammen mit Susanne Thimm und Seçil Yildirim kuratiert haben, sind bis zum 11. September 2022 im Historischen Museum Frankfurt zu sehen. Näheres finden Sie unter: historisches-museum-frankfurt.de/stadtlabor

Live zu erleben sind die Autorin und der Autor dieser Seite in der nächsten Folge der Reihe „Der utopische Raum“ diesen Donnerstag. Jannelli und Kößler referieren und diskutieren über die theoretischen Überlegungen, die sie geleitet haben, und ihre Erfahrungen bei der transkulturellen Erinnerungsarbeit.

Donnerstag, 16. Dezember, um 19 Uhr im Medico-Haus, Lindleystraße 15, geht es los. Es gilt die 2G-Regel, ein Impf- oder Genesenennachweis muss vorgelegt werden. Die Plätze sind begrenzt, um frühes Erscheinen ab 18.30 Uhr wird gebeten. Die Veranstaltung wird auf dem Youtube-Kanal von Medico international gestreamt.

Die Reihe „Der utopische Raum“ ist eine Kooperation zwischen der Stiftung Medico international, dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. FR

Dementsprechend sehen wir unsere Stadtlabor-Ausstellung nicht als Beitrag zur Geschichtswissenschaft – obwohl auch die Stadtlaborant:innen im Laufe ihrer Archiv-Recherchen viel über historische Ereignisse geforscht und Erkenntnisse ans Tageslicht gebracht haben. Es geht im Stadtlabor um die Gegenwart, also das Erinnern an die NS-Verbrechen und an die Akteur:innen der NS-Zeit – es geht um den heutigen Umgang mit diesem Erinnern. Kurz gesagt, ist es die Frage, die so viele Schüler:innen skeptisch an den Geschichtsunterricht stellen: Was hat der Nationalsozialismus mit mir zu tun? Die Stadtlaborant:innen nehmen diese Frage ernst und fragen weiter: Wie wirkt sich die NS-Vergangenheit auf mein heutiges Leben aus? Welche Assoziationen und Geschichtsbezüge setzt die Beschäftigung mit NS-Geschichte bei mir frei?

Gerade wenn wir uns die deutsche „Erinnerungskultur“ ansehen, scheint der Korridor für die Spurensuche doch eher eng zu sein: Dominant ist die polarisierte Beschäftigung einerseits mit den „Opfern“ – eine Bezeichnung, die Verfolgte als unausweichlich passiv markiert – und andererseits mit den Tätern, denen die Verbrechen allein zugeschrieben werden. So verschwindet die Mehrheit der Akteur:innen auf allen Seiten der Verbrechensgeschichte in den Grauzonen.

Erinnerungskultur in Deutschland: Wo erkennen wir den Nationalsozialismus noch heute?

Das ist ein Befund, der unabhängig vom Stand der historischen Forschung für Medien und Geschichtsunterricht weiterhin gilt. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus bewegt sich zumeist in engen Grenzen, sie läuft Gefahr, zum „ethnisch-nationalen“ Projekt zu werden, wie der Filmwissenschaftler und Museumsdirektor Hanno Loewy mahnte.

Viel zu oft scheint sich die Forderung des mahnenden Erinnerns nur an die zu richten, deren Vorfahren im Nationalsozialismus in Deutschland gelebt haben. NS-Geschichte wird als deutsche Geschichte betrachtet, mit der die „neuen Deutschen“ nichts zu tun haben. Gleichzeitig wird immer wieder betont, dass man nicht Teil des deutschen Kollektivs sein kann, wenn man sich nicht in die Erinnerungsgemeinschaft eingliedert.

Das Erbe der NS-Zeit aufspüren: Ausstellung im Historischen Museum setzt auf solidarische Erinnerung

Rothberg spricht im Blick auf diese doppelte Anforderung vom „deutschen Erinnerungsparadox“. Er betont, dass man nicht nur in eine Gesellschaft einwandert, sondern auch in ihre Geschichte. Und in beiden Bereichen geht es dabei um Teilhabe. Auf das Stadtlabor-Projekt bezogen heißt das, dass wir ganz konkret ausprobieren wollten, wie diese Teilhabe am Erbe der NS-Geschichte heute aussehen kann. Welche persönlichen Zugänge finden Frankfurter:innen heute zur NS-Geschichte? Wie kann also eine moderne, zeitgemäße und inklusive Erinnerungskultur aussehen?

Die am Stadtlabor beteiligten Personen haben 25 persönliche und höchst unterschiedliche Zugänge gewählt, verfolgt und in der Ausstellung dargestellt. Einige Beispiele zeigt die Praxis multidirektionaler Erinnerung. Die Beiträge lassen sich in fünf thematischen Gruppen gliedern. Keiner der Beiträge gehört aber nur zu einer dieser Gruppen. Alle Stadtlaborant:innen haben sich immer wieder über die Themen ausgetauscht, die sich unter diesen Überschriften fassen lassen.

Tatorte: Amnesie im Alltag

Andrzej Bodek verschränkt in einem Film über seine Spurensuche Orte und Personen. Er betrachtet sie als Frankfurter Tatorte und Täter von NS-Verbrechen und verdeutlicht, wie wenig die „Volksgenossen“ von dem, was vor ihren Augen geschah, als Unrecht wahrnahmen. Diese Amnesie dauerte noch Jahrzehnte nach Ende des NS an.

Barbara Dankert hat sich auf Spurensuche im Stadtteil Fechenheim begeben. Allein in der Straße Alt Fechenheim macht sie fünf Gebäude aus, in denen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht waren. Sie zeigt sehr deutlich: Die Zwangsarbeiter:innen waren Teil des Alltags. Repressionen und auch Hinrichtungen spielten sich vor aller Augen ab. Sie fragt, wie es nach dem Krieg möglich war, zu sagen, man habe nichts über die Zwangsarbeiter:innen und ihre unwürdige Behandlung gewusst.

Orte: Bedeutende Gemäuer

Asal Khosravi beschäftigt sich ausgehend von einem alten Bunker mit den Themen Luftkrieg und Kriegskindheit. Sie bezieht dabei ausdrücklich ihre eigenen Erfahrungen als Kind in Teheran während des Iran-Irak-Kriegs in ihre künstlerische Arbeit ein.

Anneliese Gad, Stadtteilhistorikerin, Katja Kämmerer, Künstlerin, und Angela Freiberg, Quartiersmanagerin, haben an dem Mahnmal am Gefängnis in Frankfurt-Preungesheim Passant:innen und Anwohner:innen befragt, welche Bedeutung das Mahnmal für sie heute hat.

Traveling Memories: Traumatisches Erbe

Dieser Begriff aus den Memory Studies bezeichnet präzise die Erfahrung, die einige Stadtlaborant:innen in den Gesprächen während des Projektes gemacht haben. Sie zeigen, dass individuelle Gedächtnisse nicht an Grenzen gebunden sind und dass Erinnerungen transnational gedacht werden müssen.

Tamara Labas hat das Thema NS zunächst als fremd betrachtet, als deutsche Geschichte, mit der sie als Kind einer kroatischen Gastarbeiterfamilie nichts zu tun hat. Sie hat im Verlauf der Suche in sich selbst mehrere Stränge aus dieser Perspektive offengelegt: die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und das Konstrukt Jugoslawien in ihrer kroatischen Familie und auch die Erinnerung an die rassistischen Anschläge und Morde der 1990er Jahre in Deutschland.

Semeret Micael hat den Teilnehmer:innen mit deutscher Familiengeschichte aufmerksam zugehört und mit Erstaunen erfahren, dass es – wenn auch mit großen Mühen – möglich ist, über das Schweigen in den Familien zu sprechen, das traumatischen Erfahrungen fast immer folgt. Dieses Schweigen gibt es auch in der eritreischen Community, wenn es um die Erinnerung an den Krieg und die Flucht geht. Sie hat zusammen mit Freundinnen ein Hörstück über das Schweigen erarbeitet.

Familie: Persönliche Spurensuche

Frank Paulun hat im Nachlass seines Vaters zwei Schuhkartons voller Dokumente und Fotografien gefunden. Er hat sie genau angeschaut und dann seine Recherche begonnen. Die Geschichte seines Großvaters hat er weitgehend recherchiert – und festgestellt, dass er mit dem Polizeibataillon 310 an zentralen Verbrechen des Holocaust beteiligt war.

Judy Rosenthal erzählt ebenfalls eine Familiengeschichte: Sie zeichnet ihre persönliche Spurensuche nach, eine über mehrere Jahre dauernde Recherche nach Personen, die im NS als Juden verfolgt und zum Teil auch ermordet worden sind. Dabei besteht sie darauf, dass sie ihre Familie nicht auf die Position der Opfer reduziert wissen will.

Kontinuitäten: Historisches Misstrauen

In der Gegenwart erfahren Frankfurter:innen Rassismus, „völkische“ Konzeptionen von Deutschsein. Sie haben ein historisch begründetes Misstrauen gegenüber Behörden, speziell gegenüber der Polizei. Diese Perspektive gibt es bei Nachkommen von Verfolgten, bei Sinti und Roma, aber auch auf der Seite von Menschen mit Beeinträchtigung. In ihren Beiträgen geht es auch immer wieder um die Erfahrung, dass die Sicherheitsversprechen des Staates nicht uneingeschränkt für alle gelten.

Adrian Schiller fragt am Beispiel von Eintracht Frankfurt konkret: Was heißt es heute, als Jude im Stadion zu sein? Wie ernst ist es dem Verein mit dem Aufstehen gegen Rassismus und Judenhass ? Darüber hat er Gespräche mit Fans und Expert:innen aufgezeichnet.

Text von Angelika Jannelli und Gottfried Kößler

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