1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

So werden Nationen gemacht

Erstellt:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Im September 1922 warten in Smyrna, heute Izmir, Tausende von Menschen darauf, in einem Boot fliehen zu können.
Im September 1922 warten in Smyrna, heute Izmir, Tausende von Menschen darauf, in einem Boot fliehen zu können. © Everett Collection/Imago

Heute vor 100 Jahren wurde Smyrna von den Truppen Atatürks erobert.

Smyrna, das heutige Izmir, wurde etwa 330 v.u.Z. gegründet. Es trat die Nachfolge von dem ein paar Kilometer entfernt liegenden Alt-Smyrna an, das bereits 1000 v.u.Z erbaut worden war. Smyrna war seit der Antike eine der reichsten Handelsstädte der Ägäis.

Ein Ort, an dem sich durch alle Wechsel der Regime hindurch immer Händler aus dem gesamten Mittelmeerraum und seit dem 18. Jahrhundert auch darüber hinaus niederließen. Es gab eine kosmopolitische Oberschicht, die ihre Kinder an die besten Schulen und Universitäten der westlichen Welt schickte. Sie bewegten sich in den unterschiedlichsten Ländern und Sprachen: Griechen, Türken, Juden, Franzosen, Armenier, Italiener, Engländer. Sie hatten ihre Niederlassungen in Salonica – heute Thessaloniki –, Kreta, Marseille, Alexandria. Viele verstanden sich als Smyrnioten, als Angehörige einer globalisierten Elite.

Das Osmanische Reich bot ihnen genügend Freiheit und genügend Rechtssicherheit für ihre Geschäfte. Es war schon lange der „kranke Mann am Bosporus“, auf dessen Erbe viele Großmächte zwischen Russland und Großbritannien spekulierten. Auch das deutsche Kaiserreich legte Wert auf besonders gute Beziehungen zu Istanbul. Aber es gab außer Russland kein Land in der Nähe Europas, das über ein so großes befriedetes Territorium verfügte wie das Osmanische Reich.

Das änderte sich im 19. Jahrhundert radikal. Griechenland erhob sich gegen die Türkenherrschaft. Erfolgreich im Norden und weniger erfolgreich im Süden. Kemal Pascha, Atatürk, der Vater der modernen Türkei, wurde 1881 in Salonica geboren. Von heute aus betrachtet, wurde die Türkei also in Griechenland geboren. Den Verlust seines Heimatortes hat Atatürk immer als Schmach empfunden.

Heute vor einhundert Jahren marschierten seine Truppen in Smyrna ein und vertrieben die griechischen Truppen, die es ein Jahr zuvor besetzt hatten. Es hatte eine Etappe sein sollen im Kampf für ein Großgriechenland, das anschließen sollte an die Ausdehnung der antiken griechischen Kultur. Die Griechen wollten sich die Schwäche des Osmanischen Reiches zu Nutze machen. Aber sie hatten sich verrechnet.

Die jungtürkische Rebellion hatte ihre eigenen. nicht weniger absurden Vorstellungen von einer zu schaffenden Großtürkei. Enver Pascha (1881-1922) träumte von einem „Turanischen Reich“, das die Türkei, Aserbaidschan, Usbekistan, Turkmenistan und Teile Chinas einschließen sollte. Daraus wurde nichts. Kemal Pascha, der spätere Atatürk, konzentrierte sich auf Näherliegendes. Er bildete erst einmal eine türkische Nation. Ohne Auslese geht so etwas niemals ab. Die Armenier waren in ihrem angestammten Siedlungsgebiet bereits während des Ersten Weltkrieges nahezu ausgelöscht worden. Jetzt ging es gegen die Griechen.

Die Truppen Atatürks eroberten die Stadt. In der türkischen Geschichtsschreibung heißt es: sie befreiten die Stadt. In Wahrheit machten sie ihr den Garaus. Am 12. September gab Kemal dem US-amerikanischen Journalisten John Clayton ein Interview, in dem er erklärte: „Sie können schreiben, dass die Ordnung ab heute wieder hergestellt wurde… Wir wollen keine Racheakte. Wir sind nicht hier, um Rechnungen aus der Vergangenheit zu begleichen.“ Ein paar Stunden später, „in der Nacht auf den 13. September, brachten türkische Soldaten etliche Benzinfässer in das armenische Viertel und legten mehrere Feuer“. So schreibt Lutz C. Kleveman in seinem großartigen Buch, ohne das ich diese Zeilen nie hätte schreiben können, „Smyrna in Flammen – Der Untergang der osmanischen Metropole und seine Folgen für Europa“ (Aufbau Verlag, 24 Euro). Als das Interview erschien, brannte Smyrna bereits. Die Stadt brannte nicht vollständig ab. Das türkische Viertel blieb erhalten. Die Einwohner der anderen packten ihre Habseligkeiten und flohen an die Kaimauer. Da standen sie – alt und jung, Männer, Frauen, Kinder – das Feuer, die Flammen schlugen stellenweise dreißig Meter hoch, im Rücken und vor sich das Meer. Im Meer jede Menge Schiffe, die aber nicht bereit waren, die Flüchtigen aufzunehmen.

Türkische Soldaten schossen auf die Menge. Sie verschleppten Männer ins Hinterland, vergewaltigten und massakrierten. Griechen und Armenier waren ihre bevorzugten Opfer. Eine Chance, ihnen zu entkommen, hatten die Besitzer und Besitzerinnen europäischer Pässe. Es war ein geordnetes Massaker. Mitten in diesem Chaos gelang es einem jungen Griechen, die richtigen Leute zu bestechen. So entkam Aristoteles Onassis (1906-1975) der Vernichtung seiner Heimatstadt und konnte zu einem der reichsten Reeder Europas werden.

Ein paar Tage später war es dem Einsatz einiger Privatleute geglückt, Schiffe zu organisieren, die bereit waren, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Verhandlungen mit den türkischen Siegern führten dazu, dass von ihnen kontrollierte Personen, also in erster Linie Frauen und Kinder, nach mehreren scharfen Kontrollen, bei denen ihnen immer wieder Geld und Wertsachen abgeknöpft wurden, die rettenden Schiffe betreten konnten. Die brachten sie zu nahe gelegenen Inseln. Nach Chios zum Beispiel, wo es einhundert Jahre zuvor bereits ein türkisches Massaker gegen die griechische Bevölkerung gegeben hatte.

Smyrna bereitete den Bevölkerungstausch vor. Wie Österreich-Ungarn als „Völkergefängnis“ betrachtet worden war und also nach dem Krieg zerschlagen wurde, so ging der Völkerbund nach der Konferenz von Lausanne im Januar 1923 davon aus, das Heil der Welt läge in der Apartheid. Die Völker brauchten ihre eigenen Staaten. Was die Türkei betraf, so sollte eine möglichst homogene Bevölkerung für Frieden auf dem Territorium sorgen. Das hieß: Ein Bevölkerungstausch musste stattfinden. Die Türken, die in europäischen Staaten lebten, mussten in die Türkei und Griechen, Bulgaren, Albaner usw., die in der Türkei lebten, mussten in die entsprechenden Länder. 1,2 Millionen Griechen verließen die Türkei und 500 000 Türken verließen Griechenland.

Niemandem stand es frei, sich für eine Nation zu entscheiden. Muslime waren Türken, Christen waren Griechen. Für diese Aktion wurde die Nation religiös definiert.

Wer in den 70er Jahren an griechischen Stränden Urlaub machte, dem wurde manchmal lachend erzählt, dass die Hotelbesitzer Nachkommen der aus der Türkei umgesiedelten Griechen waren. Man hatte ihnen natürlich kein fruchtbares Ackerland zur Verfügung gestellt, sondern Grundstücke am Meer, von denen aus man allenfalls mit kleinen Booten ein wenig Fischfang betreiben konnte. Dann kam der Massentourismus. In kürzester Zeit waren die Strandstücke die teuersten.

Aus Smyrna wurde Izmir. Ein fast rein türkischer Ort. Aber, was heißt „rein türkisch“? Kleveman weist in seinem Buch darauf hin, dass die aus Griechenland kommenden Türken über Jahrhunderte Griechen gewesen waren wie die aus der Türkei kommenden Griechen Jahrhunderte lang Untertanen der Osmanen gewesen waren. Sie brachten viele ihrer Gewohnheiten, ihrer Haltungen zu Leben und Tod mit in ihre neuen Heimaten. Sie veränderten sie. Sie mögen keine Kosmopoliten gewesen sein, aber sie hatten doch die Erfahrung hinter sich, dass Gut und Böse nicht säuberlich nach Nationalstaaten aus einander gehalten werden kann.

Die Zerstörung Smyrnas und die Vernichtung der Armenier gehören in die Gründungsgeschichte der Türkei, in den Versuch aus einem Vielvölker- einen Nationalstaat zu machen. Kemal Pascha vertrieb danach den letzten Sultan, beseitigte Monarchie und Kalifat und gründete im anatolischen Ankara am 9. Oktober 1923 die türkische, säkulare Republik, deren erster Präsident er bis zu seinem Tode 1938 war. 1925 verbot er den Männern den Fez und den Frauen das Kopftuch.

Auch interessant

Kommentare