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So gerne wurde damals die Erinnerung abgeschafft

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Von: Arno Widmann

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Gunter Demnig verlegte Anfang Mai 1996 im Rahmen der NGBK-Ausstellung Künstler forschen nach Auschwitz die ersten 42 Sto
Mai 1996: Gunter Demnig verlegt erste Stolpersteine in der Oranienstraße in Kreuzberg, hier noch im Rahmen einer Berliner Schau, „Künstler forschen nach Auschwitz“. © Matthias Reichelt via www.imago-images.de

Vor 25 Jahren verlegte Gunter Demnig die ersten legalen Stolpersteine – bis heute ist daraus eine riesige Soziale Plastik geworden, das wohl größte Kunstprojekt der Welt.

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal nach Israel flog, bat meine Mutter, geboren 1920, mich doch nach ihrer jüdischen Freundin zu erkundigen. Sie und ihre Eltern hätten in den 30er Jahren Frankfurt verlassen. „Es waren reiche Juden. Denen ist nichts passiert“, sagte sie. In Israel durchsuchte ich Telefonbücher und fand sie nicht.

Ein wenig später entdeckte ich von Beate und Serge Klarsfeld „Endstation Auschwitz: Die Deportation deutscher und österreichischer jüdischer Kinder aus Frankreich. Ein Erinnerungsbuch“, erschienen 2008. Darin fand ich den Namen der Jugendfreundin. Sie war mit ihren Eltern nach Frankreich emigriert. Die Familie wurde in Auschwitz vergast. Als ich meiner Mutter den Eintrag im Buch der Klarsfelds zeigte, blickte sie darauf und fragte, ob die Klarsfelds mit Carla Brunis Freund Arno verwandt seien. „Es sind die Eltern“, erklärte ich. Meine Mutter klappte das Buch zu und sprach mit mir über ich weiß nicht mehr was. Nie wieder erwähnte sie ihre Jugendfreundin.

Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass ich den Namen der Frau nicht genannt habe. Die Wahrheit ist: Ich habe ihn vergessen. Jedenfalls bin ich mir nicht mehr sicher. Ich glaubte mich an den Namen Kerschenbaum zu erinnern. Aber als ich jetzt auf der Website der Stadt Frankfurt in der Liste der hiesigen Stolpersteine nachschlug, stand zwischen Kelsen und Kersten niemand. In der Liste werden alle bis 2020 verlegten Stolpersteine erfasst. Ich fühle mich schuldig. Ich habe den Namen der Jugendfreundin meiner Mutter vergessen. Ihrer jüdischen Freundin.

Gegen dieses Vergessen hat der 1947 in Berlin geborene Kölner Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine erfunden, denn wie es im von ihm zitierten Talmud heißt „Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Am 16. Dezember 1992, dem 50. Jahrestag des Befehls Heinrich Himmlers zur Deportation der „Zigeuner“, ließ Demnig einen ersten mit einer Messingplatte versehenen und beschrifteten Stein vor dem Historischen Kölner Rathaus in das Pflaster ein. Er wurde 2010 von Unbekannten herausgebrochen und entwendet. Drei Jahre später wurde er ersetzt.

Inzwischen liegen Stolpersteine in 1265 Kommunen in Deutschland und in 21 anderen Ländern. Die Marke Stolpersteine ist von Demnig seit 2006 beim Deutschen Patent- und Markenamt und seit 2013 auf europäischer Ebene geschützt.

Die ersten offiziellen Stolpersteine – also mit ordentlicher amtlicher Genehmigung – wurden am 19. Juli 1997 in Sankt Georgen bei Salzburg verlegt. Friedrich Amerhauser war der erste Bürgermeister, der Gunter Demnig die Zustimmung zur Verlegung von Stolpersteinen gab. Das war der Schritt aus der Illegalität in die Legalität.

Auf der Stolpersteine-Website erfährt man, wie man einen Antrag bei seiner Kommune stellt und wie man einen Stolperstein erhält. Die Stolpersteine sind wahrscheinlich das größte Kunstprojekt der Welt. Wahrscheinlich das größte, das es jemals gegeben hat.

Was ist ein Stolperstein? Die Stadt Frankfurt erklärt: „Stolpersteine sind 10 x 10 x 10 cm große Betonquader, auf deren Oberseite eine Messingplatte verankert ist. Auf den Messingplatten sind die Namen und Daten von Menschen eingeschlagen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, verhaftet, gequält, entrechtet, zur Flucht oder zum Suizid getrieben oder ermordet wurden. An ihrem letzten frei gewählten Wohnort erinnern die Steine an alle Opfer des Nationalsozialismus: an Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Zwangsarbeiter, an als ,asozial‘ oder ,Berufsverbrecher‘ gebrandmarkte Menschen und an die Opfer der sogenannten ,Euthanasie‘-Morde an Kranken und Behinderten.“

Auf einem Stolperstein steht zum Beispiel: „Hier wohnte Erna Cohn, geb. Weichmann, JG. 1893, deportiert 1943, ermordet in Auschwitz“. Zu den Stolpersteinen gehören Gruppen, die sich um sie kümmern. Sie pflegen nicht nur die Steine, sondern auch die Erinnerung an die Ermordeten.

Seit 2003 gibt es zum Beispiel die Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V.. Sie schreibt auf ihrer Website, sie habe bis 2021 die Verlegung von rund 1700 Stolpersteinen veranlasst. „Die Initiative recherchiert und dokumentiert die Schicksale der Opfer, koordiniert die Verlegungen und informiert die Öffentlichkeit.“ Dazu gehöre es auch, mit Nachkommen und Verwandten der Opfer in Kontakt zu kommen. Nach „größeren Verlegungen“ gebe es darum „Abende der Begegnung“ mit Angehörigen und Paten, außerdem Reisen nach Israel.

Zuletzt wurden am 22. Juni vor dem Haus Oberweg 44 acht Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an die Familie Landsberg. Im Netz werden auf vielen Seiten die Lebensgeschichten der acht Personen, soweit sie den Rechercheuren bekannt wurden, vorgestellt. Ich will sie hier wenigstens kurz präsentieren – auch als beschämter Ersatz für die Kerschenbaums, deren Namen ich wahrscheinlich noch nicht einmal richtig erinnert habe: Leopold Landsberg, geboren 1875, ermordet 1943 in Theresienstadt. Bertha Landsberg, geborene Rothschild, ermordet 1943 in Theresienstadt. Hedwig Landsberg, geboren 1905, gestorben 1941 in Shanghai (?). Paul Landsberg, geboren 1904, ermordet 1942 in Auschwitz.

Käthe Landsberg, geboren 1907, gestorben 1941 (?) in Litzmannstadt/Lodz.

Jacob Landsberg 1913, Flucht Juni 1939 nach Palästina. Lieselotte Landsberg, geboren 1917, Flucht Juli 1937 in die USA. Bernard Landsberg, geboren 1933, Schicksal unbekannt.

Auf der Website erfährt man wesentlich mehr. Der Vater war in Leipzig geboren. Die Mutter in Eisenach. Der Vater war Kürschnermeister. Die ganze Familie war staatenlos. Im Juli 1933 war ein Antrag auf Einbürgerung abgelehnt worden. Die bei der Lektüre in mir aufsteigende Wut ist auch diesmal ein Ausdruck der Hilflosigkeit. Sicher: Die Erinnerung schürt sie. Aber das Bemühen um sie hilft gegen das Gefühl der Ohnmacht. Die Wut wird umfunktioniert in Energie. Das Wissen um die Unmöglichkeit, die Vergangenheit zu ändern, bringt uns dazu, uns der Gegenwart und ihre Bewältigung zuwenden. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Wir haben vielleicht nicht viel Hoffnung, aber wir nutzen sie.

Joseph Beuys prägte den Begriff der Sozialen Plastik. Für ihn war sein Kasseler 7000-Eichen-Projekt genau das. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung, das war seine Parole. Er half damit nicht nur bei der Begrünung der Stadt, sondern es entstand auch eine Organisation, die sich darum kümmerte: eine Soziale Plastik. Gunter Demnigs Soziale Plastik ist ungleich größer. Sie bezieht mehr Menschen ein. Und die haben auch sehr viel mehr zu tun.

Joseph Beuys’ Soziale Plastik bezog die Natur mit ein. Das macht Demnigs Soziale Plastik nicht. Aber sie umfasst die Lebenden und die Toten. Sie schafft zwar keinen Dialog zwischen den beiden Gruppen, was ja unmöglich ist. Aber aus bloßen Namen oder namenlosen vagen Erinnerungen werden wie hier in Frankfurt – zum Beispiel Kassenboten und Lehrerinnen. Mädchen die auf die Elisabeth- und Jungen, die in die Musterschule gingen. Die ich ein Vierteljahrhundert später besuchte, ohne darüber aufgeklärt zu werden, wer alles vor mir und womöglich vor seiner Vergasung in diesen Gängen fangen gespielt hatte.

Wenn ich mich recht erinnere – aber ich weiß, auf meine Erinnerung ist kein Verlass –, gab es eine Tafel, die an die ehemaligen Musterschüler erinnerte, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. In meiner Zeit sang unser Klassenlehrer den Mackie Messer Song uns am Klavier auf Latein vor. Ein Riesenspaß. „Die Großen“ brachten „Die Wanze“ von Wladimir Majakowski auf die Bühne. Die Prügelstrafe war abgeschafft. Aber abgeschafft wurde doch immer wieder gerne die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Dagegen wehrt sich jeder der Stolpersteine.

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