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22. August 2021: Ein Junge verkauft in Kabul Taliban-Fahnen.
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22. August 2021: Ein Junge verkauft in Kabul Taliban-Fahnen.

Taliban

Slavoj Zizek: Die Verklärung der Taliban

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Slavoj Zizek sieht die Stärke der afghanischen Kämpfer in ihrer Glaubenskraft. Aber ist das ein Grund, sie zu romantisieren?

Der Fotograf Thomas Dworzak war 2002 beim Vormarsch der sogenannten Nordallianz in Afghanistan dabei und dokumentierte das Geschehen im Auftrag der Fotoagentur Magnum. Dabei entdeckte er in Kandahar in einem damals gerade wiedereröffneten Fotogeschäft Porträts junger Kämpfer, die aufwendig koloriert und vor absurd kitschigen Landschaften aufgenommen worden waren. Ein wenig wirkte es, als seien es Aufnahmen des Fotografen David Hamilton, aus denen Frauen wegretuschiert worden waren, um die Schönheit wilder junger Männer hervorzuheben.

Schon immer, schrieb Dworzak damals in dem Band, in dem er seinen Fund veröffentlichte, hätten die Männer in dieser Region sich die Augen geschminkt und Blumen in die Läufe ihrer Waffen gesteckt. „Nehmen Sie sie mit“, habe der Besitzer des Geschäfts gesagt, „sie sind eh alle tot.“

Afghanistan: Taliban-Kämpfern ist „das eigene Überleben egal“

Die Taliban, die uns nun täglich in den Fernsehbildern begegnen, sind in die Jahre gekommen, viele ein wenig dicklich, aber wie besoffen von der Macht, die sie errungen haben. Ihr Erscheinungsbild hat den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek jedoch nicht davon abgehalten, weiter an dem verklärten Bild junger Revolutionäre festzuhalten. Geradezu fasziniert hat er nun in einem Beitrag für die „Berliner Zeitung“ am Wochenende den Befund herausgearbeitet, „dass den Taliban-Kämpfern das eigene Überleben egal ist. Es geht um ihre Bereitschaft, den ,Märtyrertod‘ auf sich zu nehmen. Nicht nur in einer Schlacht, sondern sogar in selbstmörderischen Handlungen.“

Angesichts der Strahlkraft des in Kauf genommenen Todes scheint Zizek bereit, die Unterstellung von materiellen und politischen Interessen, die womöglich auch der gewöhnlichen Taliban-Existenz nicht ganz fremd sind, zu vernachlässigen. Er beharrt jedenfalls auf einer grundsätzlichen Unterscheidung zur religiösen Praxis in der säkularisierten Welt. „Die Erklärung, dass die Taliban als Fundamentalisten ,wirklich glauben‘, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie als Märtyrer sterben, reicht aber nicht aus: Diese Erklärung verkennt den Unterschied zwischen dem gewöhnlichen, alltäglichen Glauben im Sinne einer intellektuellen Einsicht (,Ich weiß, dass ich in den Himmel komme, das ist eine Tatsache‘) und dem Glauben als einer engagierten subjektiven Haltung. Mit anderen Worten: Man muss die materielle Macht einer Ideologie berücksichtigen – in diesem Fall die Macht des Glaubens –, die nicht einfach in der Stärke unserer Überzeugung begründet ist, sondern in der Art und Weise, wie wir unserem Glauben unmittelbar existenziell verpflichtet sind. Wir sind keine Subjekte, die sich für diesen oder jenen Glauben entscheiden, wir ,sind‘ unser Glaube in dem Sinne, dass dieser Glaube unser Leben durchdringt.“

Talibanisierung der westlichen Kultur

Der Gedanke ist in Zizeks Textuniversum nicht ganz neu. Bereits um 2000 herum, also noch vor dem 11. September 2001, hatte er ihn in einem Beitrag für die FR artikuliert, der damals zwar einige Irritationen auslöste, in seiner Brisanz, die ihm insbesondere nach der Zerstörung des New Yorker WTC 2001 hätte zukommen müssen, aber nicht vollends erkannt wurde. Die wild-mutige Erscheinung der Taliban wird hier einem verweichlichten Westen gegenübergestellt, dessen Selbstanspruch an Demokratie und Aufklärung, so Zizeks Lesart, rettungslos ermattet daherkommt.

Die Wiederaufbereitung seines Textbausteins versucht er nun mit Verweis auf die sich zuspitzende Situation der weltweiten Klimakatastrophen zu politisieren. Das Klima ist unser Djihad. Es „verlangt nach groß angelegten kollektiven Aktionen, die ihre eigenen Formen des Martyriums erfordern und danach, dass wir viele Annehmlichkeiten, an die wir uns gewöhnt haben, werden opfern müssen.“

Es geht Zizek, so könnte man zuspitzen, um eine Talibanisierung der westlichen Kultur, zu der er in seinem Essay den französischen Philosophen Michel Foucault bemüht, der seinerzeit mit theoretischer Neugier und abgeklärter Faszination auf die iranische Revolution von 1979 blickte und dabei von einer die wissenschaftliche Vernunft überragenden Glaubenskraft fasziniert war.

Theorie und Plausibilität

Mit Blick auf die Herausforderungen des Klimawandels liest sich Rilkes Diktum „Du musst dein Leben ändern“ in der mit Foucault amalgamierten Version von Zizek dann so: „Wenn wir wirklich unsere gesamte Lebensweise ändern wollen, muss die individualistische ,Selbstfürsorge‘, die sich auf Vergnügungen konzentriert, abgelöst werden. Expertenwissenschaft allein wird die Aufgabe nicht erfüllen. Es muss eine Wissenschaft sein, die im tiefsten kollektiven Engagement verwurzelt ist. DIES sollte unsere Antwort auf die Taliban sein.“

Angesichts der Bedeutung, die die junge Klimabewegung beansprucht und gewonnen hat, ist gegen die Mobilisierung eines kollektiven Engagements grundsätzlich nichts einzuwenden. Es spricht auch nichts gegen den rauschartig in Bewegung gesetzten Theorieüberschuss eines Slavoj Zizek. Man wird aber wohl einmal darüber reden müssen, ob es der Romantisierung der Taliban tatsächlich bedarf, um eine plausible Antwort auf die Rückkehr ihres Gewaltregimes zu geben. (Harry Nutt)

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