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Begegnung mit einem anderen Lebewesen.
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Begegnung mit einem anderen Lebewesen.

Unter Tieren

Silberrücken hinter einer Scheibe

  • VonHilal Sezgin
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In der Dezember-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ erinnert sich Hilal Sezgin an eine Begegnung im Zoo.

Erinnern Sie sich noch, dass dieses verstörende Jahr bereits mit einer Katastrophe begann, nämlich dem Abbrennen des Affenhauses im Krefelder Zoo? Unter anderem starben fünf Orang-Utans, ein Schimpanse und zwei Gorillas. Doch weil wir seither alle mit einem Übermaß an schlechten Nachrichten zurande kommen mussten, habe ich beschlossen, meine letzte Kolumne im Jahr 2020 mit einer schönen Geschichte zu füllen – die sich ebenfalls in und an einem Gorillagehege abspielt.

Dafür muss ich ein paar Jahre zurückgehen, bis in den Winter 1986/1987. Tschernobyl lag ein gutes halbes Jahr hinter uns, wir waren verwirrt und voll Zukunftsangst. Ich war sechzehn, liebte einerseits das Fach Biologie, das ich später studieren wollte, und zweifelte andererseits am Sinn des Abiturs. Unsere Biologielehrerin hatte uns aufgetragen, von einem Tier unserer Wahl ein Ethogramm anzulegen, es also mehrere Stunden lang zu beobachten und jede Regung minutiös zu notieren. Ich erlaubte mir etwas Interpretationsspielraum bei dieser Aufgabe, indem ich von meinem Braunschweiger Internat schuleschwänzenderweise nach Hannover fuhr, zu den Gorillas im Zoo.

Zoogorillas haben bekanntlich nicht so viel zu tun, daher gab es wenig zu notieren. Ein Silberrücken – der Name schien mir irrelevant, weil dem Tier selbst ja unbekannt – saß ruhig und stattlich in dem Gehege. Nur eine dicke, breite Glasscheibe trennte uns hier, etwas weiter hinten begann ein Wassergraben. Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe der Scheibe und schaute den Silberrücken an – aber nicht direkt, denn so etwas wird von Gorillas als unhöflich, geradezu provokativ empfunden. Und er, der wohl an die 200 kg schwere Hüne, schaute mich unter seinen mächtigen Augenwülsten ebenso verstohlen an.

Fast unmerklich kam er näher, immer seitwärts, immer sitzend. Auch ich wagte einen und noch einen Schritt, wie zufällig in Richtung Scheibe. Und schließlich saßen wir beide Seite an Seite, getrennt nur von wenigen Zentimetern Glas. Ich werde nie vergessen, wie es sich anfühlte, im Schatten dieses großen, starken, sanften Leibes zu sitzen, wie eine Gorilla-Familie im Regenwald. In etwa drei Metern Höhe endete die Abtrennung. Als Biologin in spe war ich gut in die Gorillasprache eingearbeitet und bemerkte, dass mein Gegenüber eine bestimmte Sorte von Lauten äußerte, wie sie unter seinesgleichen üblich sind, wenn sie einander das Fell pflegen: Laute der Geselligkeit. Einmal legte er gar seine Hand flach an die Scheibe, groß und derb und ledrig, und ich legte meine dagegen – im Vergleich wie eine Kinderhand, und beide unverkennbar eng verwandt.

Beseelte Begegnungen

Als ich Stunden später ging, begleitete mich der Silberrücken nach Art seiner Spezies: Auf die Fingerknöchel abgestützt, wieder nur von der Seite guckend. Einige Tage später schwänzte ich erneut Schule und kam wieder, und das Ganze wiederholte sich.

An dieser Stelle gabelt sich der Weg, den mein Artikel nehmen kann. Ich könnte davon erzählen, wie ich später mehrmals versucht habe, den Namen und das weitere Schicksal dieses Gorillas in Erfahrung zu bringen. Ich könne Ihnen von Arti berichten, der im Jahr 2000 im Zoo Hannover im Wassergraben ertrank, von verunglückten Babys, von Verschickungen im Rahmen irgendeines Zuchtprogramms… Die Geschichte der Zoos ist eine Geschichte des Elends vor schöner Kulisse.

Doch ich sagte ja, ich habe mich heute zu etwas Schönem entschieden. Und da denke ich an einige Worte der katholischen Theologin und Veganerin Simone Horstmann, die in ihrem aktuellen Buch Bedenkenswertes über die Seelen der Menschen und die der anderen Tiere schreibt. Was wäre, fragt Horstmann nämlich, wenn die Seele nicht eine geheimnisvolle, flüchtige Substanz ist, in unsere Körper sozusagen implantiert, sondern etwas Dynamisches, das sich wie der Atem in der Bewegung und der Erfahrung entfaltet – also nicht irgendwo „tief drinnen“, sondern in der Beziehung zwischen Lebewesen?

„Wir brauchen diese anderen Wesen, werden in den Beziehungen, die wir mit ihnen pflegen, fortwährend „beseelt“ – und „beseelen“ auch die anderen Wesen“, schreibt Horstmann. – Ganz genau, lieber Arti – oder wie auch immer sie dich genannt haben mögen -, in jenen Stunden vor über 30 Jahren haben sich unsere Seelen berührt, haben wir einander beseelt – und in gewisser Weise ist jeder Text, den ich über Begegnungen mit anderen Tieren schreibe, immer noch auch von dir beseelt.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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