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Klare Ansage: ein Schild am Stacheldrahtzaun des früheren Konzentrationslagers Auschwitz I.
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Klare Ansage: ein Schild am Stacheldrahtzaun des früheren Konzentrationslagers Auschwitz I.

Gedenken

Shoa und der Holocaust: Wer erbt die Autorität der Überlebenden? 

  • vonAleida Assmann
    schließen

Vor 76 Jahren wurde Auschwitz befreit. Das Gedenken verblasst. In Zeiten eines neuen Antisemitismus sind Politik und Gesellschaft gefordert. Ein Essay von Aleida Assmann.

  • Es gibt immer weniger Holocaust-Überlebende, die die Erinnerung hochhalten.
  • Das Gedenken an den Holocaust verblasst, während Antisemitismus wieder offener auftritt.
  • Im Kampf gegen den neuen Antisemitismus bekommt die Gesellschaft eine höhere Verantwortung.

Geschichte ist, wenn es plötzlich keine Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen.“ Das stellt die Ich-Erzählerin in Katja Petrowskajas Roman „Vielleicht Esther“ nach dem Tod ihrer Tante fest. Genau das erfährt gerade nicht nur die deutsche Gesellschaft: Wir verabschieden die letzten Zeitzeugen, die den Schrecken und die Gegenwart des Holocaust in unserer Zeit verkörperten. Beim Historikerstreit in den 1980er Jahren ging es im Grunde um die Frage: Wird der Holocaust allmählich Geschichte, oder bleibt er im Gedächtnis? Genau diese Frage stellt sich heute mit neuer Dringlichkeit.

Shoa: Es gibt immer weniger Überlebende, die ihre Erfahrungen vom Holocaust schildern können

Abschied von drei Zeitzeuginnen: In den letzten Monaten habe ich drei persönliche Abschiede erlebt. Ruth Klüger (geboren 1931) starb am 6. Oktober. Mit ihrem Buch „Weiter leben“ hatte sie es nicht leicht, das vom Suhrkamp-Verlag abgelehnt worden war – das Thema habe keine Aktualität mehr – und 1992 im Göttinger Wallstein-Verlag erschien, dem Ort, wo Klüger seit den 80er Jahren Gastvorlesungen hielt. In den USA, wo ihr Buch dank der „Feminist Press“ erschien, hatte diese aufmüpfige Autorin keine vergleichbare Wirkung. Als sie im Ruhestand war, kam sie oft aus Kalifornien nach Berlin und Wien; 2016 hielt sie die Gedenkrede im Bundestag. Ich habe sie öfters treffen dürfen. Ihr Buch bleibt ein persönlicher Begleiter, weil sie ihre Leserinnen so direkt anspricht und zum Selberdenken und kritischen Nachfragen anregt.

Irena Veiseite (geboren 1928) ist am 11. Dezember in Vilnius gestorben, das vor den Weltkriegen aufgrund seiner großen jüdischen Gemeinde und langen Tradition auch als „Jerusalem des Nordens“ gerühmt wurde. Ihre Mutter wurde von den Nazis ermordet, sie selbst wurde als Kind von Litauern aus dem Ghetto Kaunas herausgeschmuggelt, ihre litauische Stiefmutter wurde in den Gulag deportiert, und sie selbst hat auch noch die stalinistischen Repressionen in Moskau zu spüren bekommen. Ich stand mit ihr seit 2012 in Verbindung, als ihr in Weimar die Goethemedaille verliehen wurde. Wir haben uns in ihrer Wohnung getroffen, in der Uni und auf den Friedhöfen von Vilnius – sowie im Thomas-Mann-Haus in Nidden lange Gespräche geführt, die wir auf Skype fortsetzten. Ihre kluge, gebildete und erfahrene Stimme fehlt mir sehr.

Auch sie hinterlässt Quellen, ihr Buch ist auch im Wallstein-Verlag erschienen, in dem sie nicht nur ihre dramatische Verfolgungs- und Rettungsgeschichte erzählt, sondern als überzeugte Germanistin, Humanistin und Europäerin spricht. Ihrer engagierten Übersetzerin Claudia Sinnig ist es zu verdanken, dass Irena zu Beginn der Corona-Zeit noch einen virtuellen Auftritt im Literaturhaus Berlin hatte, also noch eine weitere Quelle.

Vertrocknete Rose an einem Stacheldrahtzaun des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in Polen.

Shoa-Überlebende: Technische Lösungen, um Holocaust-Erinnerung zu bewahren

Die dritte, die mir fehlt, ist Renate Lasker-Harpprecht (geboren 1924), die am 3. Januar 2021 gestorben ist. Sie war Autorin und Journalistin. Ihr Mann, Klaus Harpprecht, war ebenfalls Journalist und hat der SPD in Zeiten von Brandts mutiger Ostpolitik seine Stimme verliehen. Dessen Kniefall am Denkmal des Warschauer Ghettos vor 50 Jahren hatte auch etwas mit der persönlichen Nähe zu Harpprecht und seiner Frau Renate zu tun. Ich habe Renate Harpprecht nicht persönlich kennengelernt, bin ihr aber im unvergesslichen Erinnerungsbuch ihrer Schwester, der Musikerin Anita Lasker-Wallfisch begegnet, das 1997 erschien. Die Schwester Anita habe ich bei einer Lesung aus ihrem Buch erlebt. Ihre Gedenkrede 2018 im Deutschen Bundestag war nicht ihr letzter öffentlicher Auftritt.

2020 beteiligte sie sich an einem großen technischen Experiment der Shoah Foundation, das dauerhafte digitale Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden produziert. Es soll in einer unbegrenzten Zukunft Schulklassen die Möglichkeit geben, mit dieser Zeitzeugin in einen Dialog zu treten. Ich durfte per Video-Link mit der digitalen Erscheinung von Frau Lasker-Wallfisch im Technischen Museum Berlin ein Gespräch führen und diesen Kanal testen. Ja, ich war sehr beeindruckt, von der Leistung des technischen Teams, aber vor allem von dem großartigen Input dieser Zeitzeugin, das hier für nachkommende Generationen aufbereitet worden ist.

Holocaust-Erinnerung: Historische Spuren gibt es an vielen Orten in Deutschland

Historische Spuren – in Frankfurt und Hamburg: Es wird also noch einiges übrig bleiben, wenn es keine Überlebenden mehr gibt, die man fragen kann. Zu den Quellen kommen vor allem noch die authentischen Orte hinzu, an denen die Vergangenheit des Holocaust weiterhin sinnlich erfahrbar ist. Die Gedenkstätten zum Beispiel, wo Jugendliche weiterhin Information und Wissen über den Holocaust mit persönlicher Anschauung und Erinnerung verknüpfen können. Aber nicht nur dort, denn „das ganze Land ist ein Mahnmal“, wie die jüdische Historikerin Marianne Averbuch betont hat. Was ist davon heute noch zu sehen?

In den ersten Jahrzehnten nach 1945 wurden die Spuren jüdischen Lebens und Leidens in deutschen Städten stillschweigend beseitigt, als sich die Gesellschaft auf den Wiederaufbau einstellte und alle erwartungsvoll in die Zukunft blickten. Die Vergangenheit galt als vergangen; es gab keine Gefühle der Reue; Begriffe wie Stolz und Schande blockierten die Erinnerung. In den 1980er Jahren änderte sich das. Empathie und Verantwortung breiteten sich in der jüngeren Generation aus.

Holocaust-Erinnerung in Deutschland: Spurensicherung und Erinnerung ist erst spät in Gang gekommen

In Frankfurt zum Beispiel sollte 1985 auf dem leeren Börneplatz, wo bis zum 9. November 1938 die Synagoge gestanden hatte, ein Kundenzentrum der Stadtwerke entstehen. Beim Aushub für das neue Gebäude traten 1987 die Reste des historischen jüdischen Ghettos zutage. Das Kundenzentrum wurde zwar gebaut, aber durch Besetzung des Ortes und den Druck der Demonstranten wurden die alten Mauerreste geschützt und die Umrisse der zerstörten Börneplatz-Synagoge mit Metallschienen im Boden markiert. Seit 1996 hält der Gedenkort „Neuer Börneplatz“ auch die Erinnerung an die Namen der jüdischen Frankfurter fest, die deportiert und ermordet worden sind.

Auch auf dem Hamburger Bornplatz, dem Ort der zerstörten Synagoge, kam die Spurensicherung und Erinnerung an das Verbrechen erst spät in Gang. 1974 wurde dieser Platz in „Allendeplatz“ umbenannt. Erst 1988, am 50. Jahrestag der Pogromnacht, wurde die historische Spur gesichert und ein Teil des historischen Ortes auf Betreiben der Jüdischen Gemeinde nach dem 1942 ermordeten Hamburger Rabbiner Joseph Carlebach benannt. Zur Kennzeichnung der traumatischen Leerstelle wurde auch hier der Grundriss der zerstörten Synagoge im Pflaster markiert. Eine neue Hamburger Synagoge wurde 1960 an anderer Stelle erbaut.

Shoa: Neues Kapitel des Gedenkens

Jetzt besteht der Plan in der jüdischen Gemeinde, auf dem Bornplatz eine Rekonstruktion der ehemaligen Synagoge zu errichten. Damit beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Gedenkens. Rekonstruktionen sind seit der Wende beliebt, man denke an die Christ-Erlöserkirche in Moskau, das Schwarzhäupterhaus in Riga, die Frauenkirche in Dresden oder das Schloss in Berlin. Die Grundlage für die Rekonstruktion war jeweils ein politischer Systemwechsel, der es ermöglichte, eine nicht mehr normative Vergangenheit mit der Rückeroberung einer zerstörten Trophäe hinter sich zu lassen. Die Situation auf dem Bornplatz ist eine ganz andere. Hier stehen sich zwei jüdische Anliegen gegenüber: der aktuelle Wunsch nach einer Wiederherstellung der Geschichte vor 1938, und der Wunsch der Überlebenden und ihrer Gemeinde, die Spuren der Vernichtung und des Holocaust in der deutschen Erinnerungslandschaft zu erhalten. Im Zuge dieser Debatte hat der Bornplatz seine Bedeutung radikal verändert. Was für die einen eine Leerstelle war, also das Symbol einer traumatischen Abwesenheit und eines unwiederbringlichen Verlusts, ist für die anderen eine Baulücke und ein Möglichkeitsraum für eine Wiederherstellung der Vergangenheit unter Auslöschung der Auslöschung.

Die Devise, mit der für das Neubauprojekt geworben wird, lautet: „Nein zu Antisemitismus, Ja zur Bornplatzsynagoge!“ Wer könnte sich dem widersetzen? Die Frage ist nur: Wie kann man, wenn die Spuren des Verbrechens gelöscht sind, noch an die Nazizeit und den Antisemitismus in der Stadt Hamburg erinnern? Ohne solche Spuren entleert sich auch in diesem Land allmählich die Bedeutung des Wortes Holocaust und wird zu einer globalen und abstrakten Chiffre des absoluten Bösen, das mit der eigenen Stadt, dem eigenen Land und seiner Geschichte keine konkrete Verbindung mehr hat. Für das, wofür es bald keine Zeitzeugen mehr gibt, können aber weiterhin gerade die historischen Orte zeugen. Wie aber kann man den aktuellen Antisemitismus effektiv bekämpfen, wenn die Spuren dieses alten Antisemitismus gerade gelöscht werden?

Der Holocaust gehört den Überlebenden, nicht den Politiker:innen

Alter und neuer Antisemitismus: Wem gehört der Holocaust? Auf diese Frage gab es am 27. Januar 2015 in der Gedenkstätte Auschwitz noch eine klare Antwort: den Überlebenden. Sie haben die fraglose Autorität. Nur sie sollten reden, die Politiker sollten schweigen und zuhören. Damit war Putin nicht einverstanden. Er blieb der Feierstunde fern, und das, wo es doch die Rote Armee war, die an diesem Tag Auschwitz befreit hat! Putins Siegesfeier findet jährlich am 9. Mai statt mit einer großen Militärparade und inzwischen auch großer Beteiligung der Angehörigen des „Unsterblichen Regiments“ der Roten Armee. Der 27. Januar dagegen spielt in Russland keine Rolle, weil der Tag fremd besetzt ist durch die Stockholm-Konferenz der IHRA (International Holocaust Remembrance Alliance), die das Datum im Januar 2000 zu einem transnationalen Holocaust-Gedenktag erklärt hat und seit 2005 in der EU wie in den UN als einen jährlichen Gedenktag begeht.

Putin hat am 27. Januar 2015 dann doch noch eine Rede gehalten. Diese fand in seinem eigenen Holocaust-Museum in Moskau statt. Mit seiner Formel „Gegen Antisemitismus und Russophobie!“ bekräftigte er eine neue politische Allianz zwischen Russland und Israel, bei der er sich mit dem anwesenden Oberrabbiner als Vertreter der Juden solidarisieren und sich ihm dabei zugleich als ebenbürtiges Opfer der Geschichte an die Seite stellen konnte.

Antisemitismus tritt auch in Deutschland wieder offener auf

Der Antisemitismus, der sich in Deutschland längere Zeit verstecken musste, hat inzwischen im globalen Internet wieder Auftrieb erhalten und mobilisiert gewaltbereite Gruppen und Einzeltäter. Allein im Jahr 2019 ist die Zahl der antisemitischen Straftaten um 13 Prozent gestiegen. Es wurden 2000 Anschläge verübt von Hakenkreuzschmierereien bis zum Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober. 93 Prozent dieser Anschläge kamen aus dem rechtsradikalen Spektrum.

Unterstützt wird diese Entwicklung nicht nur von einer Polarisierung der Gesellschaft, sondern auch von einem schleichenden Eindringen von Rechtsradikalen in Polizei und Bundeswehr. Umso wichtiger ist es, hier genauer hinzuschauen und Zeichen zu setzen, damit der Rechtsstaat und seine Bürgerinnen und Bürger alle Formen von Antisemitismus bekämpfen und sich mit den Angegriffenen solidarisieren.

Der Kampf gegen Antisemitismus ist eine gemeinsame Aufgabe

Wenn die Zeitzeugen nicht mehr sind, wer erbt dann ihre Autorität? Wenn sie nicht mehr mit- und widersprechen können, wem gehört dann der Holocaust, wer übernimmt die Verantwortung und Deutungshoheit? Die Politiker? Sicher nicht allein, denn die Verantwortung tragen wir alle. Als eine problematische Form der Politisierung erfahre ich zurzeit eine neue Antisemitismusdefinition, die sich vom klassischen Antisemitismus zunehmend auf den sogenannten modernen Antisemitismus verlagert, womit Kritik an der israelischen Regierung gemeint ist.

Problematisch ist diese Verschiebung des Begriffs vor allem deshalb, weil denen, die ihn forcieren, das Schmieden rechter politischer Allianzen offensichtlich mehr bedeutet als der gerade jetzt so wichtige gemeinsame Kampf gegen Antisemitismus.

Aleida Assmann hat Standardwerke zum kulturellen Gedächtnis und zur Erinnerung an den Holocaust veröffentlicht. 2018 erhielten sie und Jan Assmann den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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