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Shitstorm gegen Vorstoß für eine Parlamentspoetin: „Es geht nicht darum, das Infektionsschutzgesetz zu tanzen“

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Von: Sandra Danicke

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„Literatur ist offenbar immer noch eine Zumutung“, sagt Simone Buchholz. Foto: Gerald von Foris
„Literatur ist offenbar immer noch eine Zumutung“, sagt Simone Buchholz. © Gerald von Foris

Eine Parlamentspoetin, ein Parlamentspoet? Die Idee allein löst bereits Entrüstungsstürme aus: Simone Buchholz über unerwartete Resonanz, Roboterhaftigkeit in der Politik und die Poesie des Rappers Haftbefehl.

Frau Buchholz, Anfang Januar haben Sie mit Mithu Sanyal und Dmitrij Kapitelman in der Süddeutschen Zeitung eine Parlamentspoetin gefordert, die zwischen Gesellschaft und Politik vermitteln, irritieren und emotionalisieren soll. Seitdem gab es einen regelrechten Shitstorm. Die Taz schreibt „Gefällige Auftragskunst fürs Grünen-Milieu braucht niemand“. In der SZ haben die Schriftstellerinnen Dana von Suffrin und Tijan Sila vehement protestiert, und bei Twitter geht die Post ab. Können Sie sich das erklären?

Am Anfang dachte ich, dass das überhaupt niemanden interessieren würde. Als dann die ersten Beißreflexe von konservativer Seite kamen und dann immer mehr Leute – auch Kolleginnen – auf den Zug aufgesprungen sind, habe ich angefangen mich zu fragen, was dahinter steckt. Diese Häme und diese Wut habe ich mir auch mit einer gewissen Angst erklärt, auf eine Art unangenehm berührt zu werden. Eine Angst, die ich sehr deutsch finde. Ich erkläre mir das so, dass wir über Jahrzehnte konservativ regiert wurden, in einem Regierungsstil, der ein bisschen eingeschläfert hat. Und dass jeder Versuch, das mal neu zu denken, etwa einen Dialog zu ermöglichen zwischen dem, was da im Parlament stattfindet und dem, was draußen im Leben der Leute stattfindet, enorme Beißreflexe und Angst vor Veränderung auslöst.

Irgendeinen wunden Punkt müssen Sie berührt haben. Wenn ihr Vorschlag nicht der Rede wert wäre, müsste man ihm nicht so viel Aufmerksamkeit widmen.

Literatur ist offenbar immer noch eine Zumutung und löst starke Gefühle aus – was ich als Autorin natürlich ganz schön finde.

War Ihr Wunsch, eine Parlamentspoetin möge „politische Debatten und Strömungen in Poesie oder Prosa gießen“ vielleicht ein wenig naiv formuliert? Würden Sie das noch einmal so sagen?

Wahrscheinlich nicht. Wir hätten aber auch nicht damit gerechnet, dass wir dafür so auf die Schnauze kriegen. Wir wurden dafür kritisiert, dass unser Konzept nicht zu Ende gedacht sei. Aber es war nur eine Idee, wir haben nicht von einem fertigen Konzept gesprochen. Dafür sind wir gar nicht zuständig.

Was genau erhoffen Sie sich denn von einer Parlamentsdichterin, einem Parlamentsdichter?

Dass sie oder er die Sprache und damit die Arbeit der Abgeordneten für Menschen, die keinen Zugang dorthin haben, übersetzt. Politische Journalisten berichten mir zum Beispiel von neuen Abgeordneten, die zu Beginn eine ganz lebendige Sprache sprechen und nach nur sechs Wochen einen roboterhaften Sprechstil an den Tag legen.

Wie könnte eine solche Vermittlungsarbeit aussehen?

Wenn ich mich zum Beispiel frage wie man es schafft, dass Jugendliche in Offenbach, die in ein paar Jahren an die Wahlurne dürfen, sich dafür interessieren, was im Parlament und in ihrem Land passiert, dann wäre eine Möglichkeit, dass ich jemandem wie dem Rapper Haftbefehl für ein Jahr die Zugangsberechtigungen fürs Parlament und ein Stipendium gebe. Das heißt, innerhalb einer Legislaturperiode könnten vier verschiedene Leute dieses Amt ausüben und nicht nur Dichter:innen, sondern auch Musiker:innen, Dramatiker:innen, Prosaschriftsteller:innen. Ich stelle mir vor, jemand wie Haftbefehl hätte die Möglichkeit, eine Perspektive auf dieses Haus zu werfen, die wir bisher nicht hatten, und nicht etwa Werbung für das Parlament zu machen, sondern auf seine Art davon zu erzählen, was dort passiert und vielleicht auch dem Parlament auf eine andere Art zu erzählen, was der Gesellschaft widerfährt.

Ich habe mal gegoogelt: Texte wie „Ich tick weiter Abiat und mach Massari“ versteht jemand wie ich leider gar nicht. Das wäre also eine Übersetzung für ein spezielles Publikum.

Genau. Aber diese Sprache – vor allem die auf seinen letzten zwei Alben -, das ist Kunst. Da beschreibt er migrantisches Leben auf eine sehr berührende Art. Aber Kunst spricht nie alle gleichzeitig an. Im Jahr darauf hätten wir da vielleicht Carolin Emcke sitzen, die würde Sie sicher mehr ansprechen. Oder die Schriftstellerin Mariana Lecky oder die jüdische Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann. Und auch wenn jemand wie Haftbefehl bei einigen Menschen Wut provoziert, ist ja immerhin ein Dialog da. Darum geht es.

Zur Person

Simone Buchholz ,geboren 1972 in Hanau, wurde auf der Henri-Nannen-Schule zur Journalistin ausgebildet und schreibt seit 2008 Kriminalromane. Sie lebt in Hamburg
Für ihre Chastity-Riley-Reihe wurde sie mit dem Radio-Bremen-Krimipreis, dem Crime Cologne Award, dem Deutschen Krimipreis und dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet. „River Clyde“ heißt ihr aktuelles Buch, das 2021 bei Suhrkamp erschienen ist.

Es geht also nicht darum, neue Corona-Regeln in Poesie zu übersetzen.

Davon haben wir nie gesprochen. Es geht nicht darum, das Infektionsschutzgesetz zu tanzen und auch nicht darum, Pressestatements zu übersetzen, sondern darum, dass man eine Zutrittsberechtigung für gewisse Institutionen im Bundestag hätte, zu Ausschüssen zum Beispiel, da wo die Diskussionen stattfinden. Darum, an die Bürotüren klopfen zu können, in der Kantine zu sitzen. Es kann auch sein, dass jemand ein Jahr lang nur über die Geräusche oder die Gerüche in dem Haus schreibt.

Interessante Idee.

Es geht darum, das, was da an Rototerhaftigkeit in der Politiker-Sprache ist, einfach mal in gelebte, lebendige Sprache zu übersetzen und den Leuten zu erzählen, was darin passiert. Und da finde ich das Beispiel Hip-Hop stimmig.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) sagte „Künstler sollen eigentlich der Stachel im Fleisch der Herrschenden sein, nicht deren Angestellte“. Wie frei wäre eine Parlamentspoetin?

Wie frei sind all jene, die Kunst machen, die subventioniert ist? Allein die bildende Kunst wird mit unfassbar viel Geld subventioniert. Das Argument ist zu kurz gedacht. Wenn ich ein Stipendium bekomme, von der Stadt Hamburg zum Beispiel, dann bin ich ja nicht bei denen angestellt.

Das würde bedeuten, dass eine Parlamentspoetin nicht notwendigerweise im Sinne des Parlaments spricht.

Natürlich nicht. Es geht uns nicht um eine Art Regierungs-Troubadour.

Ist Deutschland für so eine Position besonders prädestiniert?

Deutschland ist vielleicht nicht prädestiniert dafür, hätte es aber mit am Nötigsten.

„Wir wollen als Künstlerin keine Verantwortung in einem Staat tragen“, haben Dana von Suffrin und Tijan Sila in der SZ postuliert. Sie schon, oder?

Natürlich. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir alle Verantwortung für die Demokratie in unserem Land tragen, nicht nur die, die dafür bezahlt werden.

Interview: Sandra Danicke

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