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John Keats’ Totenmaske. „Glut thy sorrow on a morning rose“, heißt es ermutigend in der „Ode an die Melancholie“, „nähre deine Trauer mit einer Morgenrose“, denn Traurigkeit gehört zum Leben.
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John Keats’ Totenmaske. „Glut thy sorrow on a morning rose“, heißt es ermutigend in der „Ode an die Melancholie“, „nähre deine Trauer mit einer Morgenrose“, denn Traurigkeit gehört zum Leben.

Großbritannien

Schwellenworte zum Brexit

  • vonRüdiger Görner
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(Jahres-)Übergangsgedanken eines kritisch-deutschen Britophilen.

Im kommenden Jahr begeht am 23. Februar die literarische Welt den 200. Todestag des 26-jährig verstorbenen romantischen Dichters John Keats, eines der bedeutendsten anglophonen Sprachkünstler; im Deutschen hat er zwar wenige, von Rilke bis Piontek aber markante Spuren hinterlassen. In jedem Fall haben wir Anlass genug, seine „Ode an die Melancholie“ aus- und inwendig zu lernen.

Ein wohl nicht nur aus britischer Sicht problematischer Fall ist dagegen ein anderer 200. Todestag im neuen Jahr, jener Napoleons nämlich, am 5. Mai, zugleich der Tag, an dem anno 1949 in London (!) der Europarat gegründet wurde, dem Britannien auch nach dem Brexit weiterhin angehört.

Werden wir nun im Faktum gewordenen Brexitanien, wie weiland Winston Smith in Orwells Roman „1984“ die Uhren um zwölf Uhr 13 Mal schlagen hören? Oder werden sie fortan fünf nach zwölf einfach stehen bleiben, weil sich hierorts zu spät die Einsicht eingestellt hat, dass die britische Politik einen verhängnisvollen Fehler begangen haben könnte?

Am Jahresende möchte man es meist persönlicher. So sei gesagt: Ich stehe vor meinem 40. englischen Jahr, auf einer Schwelle also, von der Gemütslage her anhaltend fassungslos über den nun vollzogenen Brexit, von Berufswegen jedoch zum kritischen Verstehen, Erklären verpflichtet. Als EU-Bürger in Britannien fortan ausgestattet mit einem sogenannten Daueraufenthaltsrecht wurde unsereinem der Gaststatus verbrieft. Über den Wert dieses „Rechts“ gehen die Expertenmeinungen freilich nach wie vor auseinander.

In den Wechselbädern der Gefühle und Vernunftgründe mit ihrem Heiß und Kalt im Verhältnis zu dem, was man landläufig seine „Wahlheimat“ nennt, bedarf es, was hierzulande nebst zugfreien Fenstern noch immer Mangelware ist: Mischarmaturen.

Man lebt im heutigen Britannien fortwährend im Einerseits, Andererseits, schwankt in seinen Einschätzungen der Folgen dessen, was dieses „Brexit Trauma“ (Lord Heseltine) wirklich bedeutet: die gravierendste Fehlentscheidung in der britischen Nachkriegsgeschichte oder einen Neuanfang für Britannien – und sei es auf der Grundlage definitiv veralteter Vorstellungen von der Art verwaschener Weltmachtphantasien? Rückfall in eine wenig „splendid isolation“ oder konstruktive Selbstbesinnung, die damit beginnen müsste, die Föderalisierung der britischen Inseln, verbrämend noch immer „devolution“ genannt, endlich ernst zu nehmen. Labour unter Keith Starmer, als Oppositionspartei noch selbst in einer Selbstneu(-er-)findung begriffen, hat den letzteren Punkt dieser Tage unter dem Eindruck der Auswirkungen der Pandemie auf die unzureichenden innerbritischen Verwaltungs- und Versorgungsstrukturen zu Recht betont.

Dass gerade dem britisch-deutschen Verhältnis in dieser bevorstehenden kritischen Phase nach vollzogenem Brexit eine – nicht nur ökonomische – Schlüsselrolle zukommt, steht außer Frage. Vielleicht ist ja das wertvollste britische Kapital im sogenannten Ausland die im Grunde unerschütterliche deutsche Britophilie. Ein Beispiel für eine diesbezügliche symbolische Praxis bot wie dieser Tage der Umstand, dass die Lufthansa mit einem Frachtjet achtzig Tonnen Lebensmittel und Versorgungsgüter nach Mittelengland geflogen hat – eine unvermutete „Luftbrücke“. Weitere Brücken werden von Nöten sein, um nicht das zu gefährden, was in mühsamer Kleinarbeit in den letzten Jahrzehnten an Partnerschaft aufgebaut worden ist.

Nein, es gibt einstweilen kein Umkehren in dieser Schwellenphase im britisch-deutschen Verhältnis, wohl wissend, dass nichts, was Politiker je zuwege gebracht haben, von wirklicher Dauer gewesen ist (Golo Mann). Dass wir aber als unmittelbare Folge des Brexit überhaupt wieder verstärkt in „Allianzen“ werden denken müssen, die dazu tendieren, notorisch wechselvoll zu sein, wie aus der Geschichte nur allzu leidvoll bekannt, ist problematisch genug. Deswegen ist vor allem darauf zu achten, dass alle notwendig werdenden bilateralen Vereinbarungen zwischen Britannien und der Bundesrepublik Deutschland sowie den anderen EU-Mitgliedsstaaten nicht zu Spaltpilzen für die Europäische Union werden. Konstruktive, dem Bewusstseinswandel dienende Kulturarbeit bleibt daher mehr denn je gefragt. Wie aber kann sich eine solche unter diesen drastisch veränderten Bedingungen entwickeln?

Im britisch-deutschen Verhältnis bedarf es fortan eines neuen konzertierten Vorgehens der individuellen und kollektiven Handlungsträger; konkret plädiere ich für die Gründung eines britischen-deutschen Kulturrats, in dem sich akademische Einrichtungen sowie Stiftungen auf beiden Seiten projektbezogen engagieren; angesagt ist zudem eine regionendeckende Neubelebung der britisch-deutschen Städtepartnerschaften, wobei Einrichtungen wie etwa der Dresden Trust Modellcharakter haben könnte für vergleichbare städtebezogene Handlungsforen. In einer Zeit, in der Whitehall entgegen früherer Beteuerungen eine weitere Mitwirkung am Erasmus-Programm aufgekündigt hat – der bislang wohl größten Bedrohung der europäisch ausgerichteten Neuphilologien in Britannien –, bedarf es Gegensteuerungen, wie sie bilateral ein entsprechend ausgestatteter solcher Kulturrat vornehmen könnte.

Wir stehen in der Pflicht, in allen Kernbereichen der Kulturarbeit für eine tragfähige Förderung des Nachwuchses zu sorgen und „Brücken“ zwischen unseren Ländern zu sichern, die nicht zu Luftschlössern führen, sondern zu solider Ausbildung im wechselseitigen Verstehen. Denn die Lage bleibt zu ernst, als dass wir uns konkreter Gemeinschaftsverantwortung entziehen könnten.

Britannien steht derzeit keineswegs vor einer neuen Weltgeltung, aber auch nicht allein, sondern weiterhin vor einer inneren Zerreißprobe. Die an zermürbender Mühsamkeit singulären Austrittsverhandlungen mit der EU zeigten immerhin eines: im Zwischenbereich der Schwellen bleibt das Wesentliche verhandelbar. Und – vergessen wir nicht: die entsprechenden, dazu gehörenden Fakten haben ein Ablaufdatum.

Der Autor, Jg. 1957 ist Literaturwissenschaftler und Autor. Er ist Gründungsdirektor des Zentrums für Britisch- Deutsche Kulturbeziehungen und lebt seit 1981 in London.

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