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Schriftstellerin Tanja Maljartschuk: „Die Menschen in der Ukraine haben die Opferrolle abgelegt“

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Von: Cornelia Geißler

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Frauen fertigen Tarnelemente und Tarnnetze in der Westukraine.
Frauen fertigen Tarnelemente und Tarnnetze in der Westukraine. © dpa

Die Schriftstellerin Tanja Maljartschuk spricht im Interview über ihre Angst und die Situation von Kollegen, die das Land bereits als Soldaten verteidigen.

Tanja Maljartschuk, können Sie die Frage, wie es Ihnen geht, überhaupt beantworten?

Nein, nicht mehr. Das Ich existiert nicht mehr für mich. Es sind nur wir, die ukrainischen Bürger, ob sie im Land oder außerhalb des Landes leben. Alle sind wir gleichermaßen schockiert und gleichermaßen bereit zu kämpfen. Der Krieg hat auch meinen Körper erreicht, ich muss das so sagen.

Ihren Körper?

Am ersten Tag des Krieges konnte ich mich nicht bewegen. Meine Beine, Füße waren steif. Die Wut, vor allem die Angst lähmten mich. Wie ist das, wenn man eine Schriftstellerin ist und einer in dein Haus kommt und will dich töten, was machst du? Nimmst du die Waffe in die Hand? Wirst du diesen Mann erschießen können oder selbst sterben?

Sie wohnen seit 2011 in Wien, erleben das aber so unmittelbar?

Ja, es ist diese Auseinandersetzung mit dem Tod, mit der Sorge um die Familie, um alle meine Freunde. Und wenn ich jetzt an Sumy denke, wo meine Freunde leben, an Charkiw, an Kiew, dann überlege ich, wem habe ich noch nicht geschrieben? Sie sollen alle wissen, dass sie nicht vergessen sind. Das ist emotional sehr schwer.

Denken Sie gleichzeitig an das Land und an die Freunde und die Verwandten? Ist es ein Komplex?

Das ist diese neue Realität. Auf der ersten Ebene ist mein Körper, auf der zweiten mein Alltag. Die dritte Ebene füllt meine Familie aus. Wer jetzt in den Krieg zieht, wer geschützt ist oder nicht. Meine Eltern sind nicht in Sicherheit. Meine Schwester ist in Sicherheit. Mein Cousin ist in den Krieg gegangen. Aber es sind noch mehr Ebenen: alle meine Freunde, mein Land, ja meine ganze Welt.

Wo sind Ihre Eltern?

In der Westukraine. Es gibt keinen sicheren Ort im Moment. Einerseits beruhige ich mich damit, dass das Kalkül des Kreml gescheitert ist, die Kapazitäten begrenzt sind. Sie können nicht einmal Kiew oder Charkiw erobern. Andererseits habe ich Angst vor Diversanten, vor Bomben, Raketen. Gestern gab es Gerüchte, in Iwano-Frankiwsk läge Kinderspielzeug mit Sprengstoff auf der Straße. Das ist beklemmend.

Aus Charkiw kommen Nachrichten von Serhij Zhadan, in Iwano-Frankiwsk lebt der in Deutschland auch sehr bekannte Juri Andruchowytsch. Bilden die ukrainischen Autoren jetzt auch eine Art Gemeinschaft?

Die ukrainischen Autoren greifen jetzt auch zur Waffe. Ich kenne mehrere, die bereits in den Krieg gegangen sind: Artem Tschech, Artem Tschapaj, Mychajlo Brynych, Ilarion Pavliuk. Sie sind brillante Schriftsteller, brillante Intellektuelle, die jetzt nicht mehr mit dem Wort kämpfen, sondern tatsächlich mit einer Waffe. Ich bin in Kontakt mit vielen ukrainischen Schriftstellern. Die meisten bleiben in der Ukraine.

Ich hänge ständig auf Nachrichtenwebseiten herum, deutschen, aber auch dem englischsprachigen kyivindependent.com. Wie informieren Sie sich?

Viele Informationen habe ich über Telegram, ich verfolge Twitter, Facebook, aber auch pravda.com.ua und andere ukrainische Webseiten. Auf Social Media ist es heute so, wie man das von früher aus den Karpaten kennt, wo man sich von Gipfel zu Gipfel mit einer langen Holztrompete Signale sendete. Einer schreibt: Meldet euch, seid ihr noch da? Ja, wir leben noch.

Die ukrainische Sektion der Schriftstellervereinigung PEN fordert dazu auf, russische Autoren vom internationalen Buchmarkt auszuschließen. Was halten Sie davon?

Dazu habe ich eine klare Position. Man sollte Russland auf allen Ebenen boykottieren, mit allen möglichen Mitteln Druck machen. Es hat offenbar keinen Erfolg, den Präsidenten zu erreichen. Aber seine Umgebung, die Elite, zu der auch leider Künstler gehören, muss man boykottieren. Ich habe im Moment kein Mitleid mit ihnen. Meine Landsleute sterben in unglaublichen Massen. Mein Land wird zerstört. Die russische Propagandamaschinerie hat die russischen Künstler jahrelang ausgenutzt, um ihre Ideen und Prinzipien im Westen zu lancieren. Sie können jetzt nicht die großen Demokraten spielen und sagen, sie seien schon ewig regimekritisch gewesen. Das stimmt nicht.

Autorin Gusel Jachina wandte sich kurz nach Kriegsbeginn bedauernd an ihre Leserinnen und Leser im Ausland und fragte sich, was aus der Friedenserziehung der Sowjetunion geworden ist. So etwas können Sie nicht akzeptieren?

Ich verstehe, dass es schwer ist, einem Aggressor zu widersprechen. Aber der Westen hat schon längst verstanden, worum es geht. Die Russen sollten mit ihren eigenen Landsleuten sprechen und denen erklären, was die Wahrheit ist, nicht dem Westen. Sie sollen sich dort zu Wort zu melden, wo es am schwierigsten ist. Wenn die Russen jetzt nicht aufstehen, sind wir bald alle verloren. Es geht um die Existenz nicht nur der Ukraine. Offenbar haben wir noch nicht kapiert, welche Konsequenzen dieser Krieg für Europa mit sich bringt. Wenn die Ukraine aufhört zu existieren, ist es nur der Anfang.

Weil weitere Gebiete annektiert werden würden, weil dann Moldau fällt und das Baltikum bedroht ist – oder was meinen Sie?

Zur Person:

Tanja Maljartschuk , 1983 in Iwano-Frankiwsk geboren, studierte dort Philologie und arbeitete nach dem Studium als Journalistin in Kiew.

Ihr Erzählband „Neunprozentiger Haushaltsessig“ erschien 2009 auf Deutsch, es folgten die Romane „Biografie eines zufälligen Wunders“ und „Von Hasen und anderen Europäern“. 2018 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Der Roman „Blauwal der Erinnerung“ erschien 2019 auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch. Er erhielt den Preis als Buch des Jahres von BBC Ukrainian. Am Freitag wurde bekannt, dass Tanja Maljartschuk den diesjährigen Usedomer Literaturpreis erhält. Stellvertretend für ihr gesamtes Werk werde ihr Roman „Blauwal der Erinnerung“ ausgezeichnet, teilten die Veranstalter mit.

Das steht zu befürchten. Wenn andere Länder angegriffen werden, wird es viel schwieriger, gemeinsam gegen den Aggressor aufzustehen. Die Welt darf nicht live zuschauen, wie die Ukraine zerstückelt wird.

Sie sagten eben, wie Ihr eigener Körper auf den Krieg reagiert. In Ihrem Roman „Blauwal der Erinnerung“ gibt es auf der einen Ebene eine Ich-Erzählerin, die nach körperlichen Schmerzen damit beginnt, sich mit dem Historiker und Philosophen Wjatscheslaw Lypynskyi zu beschäftigen. Von ihm erzählen Sie auf der zweiten Ebene, wie er vor hundert Jahren auch schon um die freie Ukraine gerungen hat. War das Buch für Sie ein Versuch, Ihre Verbindung zur Heimat zu halten, auch als Vergewisserung Ihrer Position?

Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass die Ukraine in ihrer ganzen Geschichte um ihre Existenz gekämpft hat, um die Unabhängigkeit. Es ging immer darum, dass wir endlich frei werden sollen. Alle unsere Lieder sind so traurig. Unsere Hymne fängt damit an: Noch ist die Ukraine nicht gestorben. Dagegen habe ich mich gewehrt. Ich wollte diese Opferrolle nicht. Nicht nur dieses Buch ist ein Versuch von mir, kritisch auf die eigene Geschichte zu blicken. Ein paar Leute begingen Heldentaten, aber die Mehrheit gehorchte nur. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts läuft der Befreiungskampf der Ukraine gegen die Russen. Stets hat die Ukraine verloren, auch 1920, als es die erste ukrainische Befreiungsbewegung gab. Die ukrainische Republik hielt nur ein paar Monate, bis sie von der Roten Armee besiegt wurde. Europa hat in der Zeit nur zugeschaut.

Lypynskyi sagt in Ihrem Buch 1922 – genau vor hundert Jahren! –, den Ukrainern fehle eine alle verbindende Vision.

Es haben so viele Völker auf dem Gebiet gelebt, es wurden so viele Sprachen gesprochen. Lypynskyi hat versucht, eine Idee zu entwickeln, die die ganze Bevölkerung zusammenhält, um zwischen Polen und Russland einen eigenen Staat aufzubauen. Für ihn war das eine Frage der Gerechtigkeit, eine logische Folge aus der Geschichte. Davon wollte ich erzählen, von dem Streben nach Freiheit und dem ewigen Scheitern. Doch seit 2004 und viel mehr seit dem Euromaidan war die Ukraine auf dem guten Weg. Aber dann begann schon 2014 der neue Krieg. Nach dem 24. Februar haben die Experten angenommen, dass die Ukraine in zwei Tagen fällt. Das ist nicht geschehen. Die Ukrainer haben die Opferrolle abgelegt und wissen ganz genau, was sie verbindet.

Kurz nachdem der „Blauwal der Erinnerung“ auf Deutsch erschienen ist, wurde Wolodymyr Selenskyj zum Präsidenten gewählt. Damals wunderte man sich sehr, was der Komiker auf diesem Posten will. Nun habe ich angefangen, diese Serie zu sehen, „Diener des Volkes“, die mich mit dem satirischen Blick auf die Politik begeistert. Wie sehen Sie Selenskyj? Wächst er mit dem Krieg an seiner Aufgabe?

Mit seiner Rolle als Präsident ist er schon in die Geschichte der Ukraine eingegangen. Auf jeden Fall. So viel Mut und so viel Standhaftigkeit hat eigentlich keiner von ihm erwartet. Er ist wirklich ein Komiker, der die Menschen zum Lachen gebracht hat. Jetzt widersteht er dem Diktator. Aber glauben Sie mir, dass dieses Volk sich diesen Komiker zum Präsidenten gewählt hat, war so ein gutes Zeichen.

Weil er kein Polit-Profi war?

Vor allem, weil so viel Schlechtes über diesen Präsidenten geschrieben wurde und er das zugelassen hat. Es ist ein Zeichen einer Zivilgesellschaft, einer wachsenden Demokratie.

In Russland wäre das nicht möglich.

Genau, dort nicht. Aber die Ukraine ist keine Diktatur. Auch deshalb hat dieses Massaker begonnen und nimmt jeden Tag zu. Wir stehen vor ungeheuerlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wenn wir nichts tun.

Sehen Sie Anzeichen, etwa in der internationalen Politik, dass es friedlich zu Ende gehen kann?

Wissen Sie, die Hälfte der Ukraine ist schon fast zerstört. Ich habe Bilder kleinerer Städte gesehen, wo es nur noch Ruinen gibt. Ich weiß nicht, wie viele Zivilisten gestorben sind und wie die anderen überleben können im Schutt. Selbst wenn der Krieg morgen aufhört, woran ich nicht glaube, wird es eine Aufgabe von vielen Jahren, das Land zu retten. Ich weiß nicht, ob die Ukraine sich davon erholt. Ihre Demokratie haben die Ukrainer 2014 mit dem Euromaidan erkämpft. Damals ist der unabhängige Staat geboren worden. Und jetzt kämpft die Ukraine für uns alle im Westen. Soll die Ukraine für die Freiheit der Welt sterben?

Kann der Westen Putin stoppen? Oder muss die Veränderung aus Russland selbst kommen?

Man spricht jetzt darüber, dass das Regime nur von innen gestürzt werden kann. Doch in der russischen Gesellschaft hat man wenig Ahnung davon. Die Propagandamaschinerie beherrscht nicht nur die Medien, es sind auch die Influencer, viele Blogger, alle diese Instagram-Diven mit ihren Botox-Lippen sind Soldaten dieser Propaganda. Sie erklären ihren Millionen Followern, warum Russland noch nicht Kiew erobert hat. Man erzählt, der Westen würde die Russen so hassen, weil sie den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Und Sie wissen doch, wie es in Deutschland war, wie wenig die Bevölkerung gegen den Diktator im Zweiten Weltkrieg tun konnte. Auch wenn man das natürlich nicht eins zu eins vergleichen kann.

Vielleicht können die russischen Intellektuellen etwas erreichen, die sich mehr und mehr zu Wort melden?

Ich bekomme gerade einige Anfragen, mit irgendwelchen russischen Künstlern zu einem Gespräch zu kommen. Das lehne ich alles ab. Ich brauche ihre Scham, ihr Weinen nicht. Sie sollen mit ihren Landsleuten sprechen und die Wahrheit erzählen.

Machen Ihnen die Menschen, die in Russland demonstrieren, keine Hoffnung?

Es stimmt, es werden täglich Tausende Menschen verhaftet, aber dieses Land ist ein Polizeistaat und hat genug Kapazitäten, noch monatelang Kritiker einzusperren und nach Sibirien zu schicken. Ich hoffe, dass Putins enge Umgebung versteht, dass es um die Existenz der Welt geht.

Interview: Cornelia Geißler

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