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Interview mit Schriftsteller Martin Pollack: „Den Ukrainern bleibt nur, sich zu wehren“

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Von: Bascha Mika

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Viele Orte wurden im Ukraine-Krieg völlig zerstört. Doch das Land leistet Widerstand.
Viele Orte wurden im Ukraine-Krieg völlig zerstört. Doch das Land leistet Widerstand. © Evgeniy Maloletka/dpa

Der Schriftsteller Martin Pollack im Interview zum Ukraine-Krieg. Über Angriffe auf die Kultur, Identität und Widerstand.

Herr Pollack, Ihr Herz schlägt seit vielen Jahrzehnten für Osteuropa. Sie haben dort als Auslandskorrespondent gearbeitet und zahlreiche Bücher über die Region geschrieben. Was ist so faszinierend an den osteuropäischen Ländern?

Es ist eine andere Welt. Das ist eigentlich absurd, denn sie liegt ja direkt vor unserer Haustür. Ich wohne im Dreiländereck Ungarn, Slowenien, Österreich. Mein Gärtner kommt aus Slowenien, meine Reinigungskraft aus Ungarn und wir treffen uns hier in Österreich. Als ich mit 16 Jahren zum ersten Mal nach Prag gefahren bin, war meine Familie entsetzt. Alle Klischees und Vorurteile über die Kommunisten und den Ostblock kamen hoch. Das ist vielleicht nicht verwunderlich, denn ich stamme aus einer Nazifamilie. Nicht zuletzt diese Herkunft hat mich veranlasst, mich mit dieser Welt, die meine Familie so radikal abgelehnt und verächtlich gemacht hat, näher auseinanderzusetzen.

Die Liebe zu Osteuropa als Gegengift zur familiären Prägung?

Auf jeden Fall. Ich wollte vor allem meiner Großmutter eins auswischen. Sie war eine große Nazisse und eine sehr apodiktische Frau. Als ich Abitur machte, befahl sie: „Du studierst Germanistik.“ Ganz sicher nicht, habe ich geantwortet und 1965 in Warschau mit Slawistik begonnen – ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Das war für mich ein Sprung ins kalte Wasser, den ich nie bereut habe.

Martin Pollack im Interview über den Ukraine-Krieg: Viele osteuropäische Literaturen sind kaum bekannt

Was war für Sie das Andere in dieser neuen Welt?

Bei uns war die osteuropäische Literatur – mit Ausnahme der russischen – damals total unbekannt. Selbst die polnische, die ja heute in Deutschland und Österreich ein ganz gutes Standing hat. Und inzwischen ist auch die ukrainische besser dran. Aber es gibt immer noch osteuropäische Literaturen, die kaum bekannt sind, wie die belarussische zum Beispiel. Das Fremde hat mich fasziniert und mich veranlasst, mich kundig zu machen. Irgendwann habe ich dann begonnen, aus dem Polnischen zu übersetzen.

Und nun herrscht, von Ex-Jugoslawien einmal abgesehen, zum ersten Mal seit Ende des Faschismus wieder Krieg in Osteuropa...

Für mich hat der Krieg bereits 2014 mit der Annexion der Krim begonnen. Dabei muss ich zu meiner Schande sagen, dass Österreich damals das erste Land war, das Putin nach der Annexion eingeladen hat. Unsere Industriellen haben ihn mit Standing Ovations begrüßt, unser damaliger Bundespräsident hat ihn förmlich mit Zärtlichkeit überschüttet und unsere Außenministerin ist vor ihm auf die Knie gefallen. Das sind Bilder, die mir heute noch Pein bereiten.

Schriftsteller Martin Pollack über den Ukraine-Krieg: Die plötzliche Invasion hat auch ihn erstaunt

Die Krim, der Donbas, dann der Angriffskrieg. Was hat Sie beim Überfall auf die Ukraine am meisten erschreckt?

Der Angriffskrieg hat mich schon überrascht. Ich habe zwar immer geglaubt, dass es mit Putin keine Verhandlungen geben kann. Insofern habe ich immer erwartet, dass er versuchen wird, die Ukraine zu annektieren. Aber diese plötzliche Invasion, die er kurz zuvor noch in Abrede gestellt hat, auch deren Intensität hat mich sehr erstaunt. Und noch mehr erstaunt hat mich der Widerstand der Ukrainer, dieser Wille, sich Putin entgegenzustellen und die ukrainische Identität zu bewahren. Das ist bewundernswert. Denn Putin will die ukrainische Identität auslöschen.

Im Interview spricht Schriftsteller Martin Pollack darüber, welche Rolle Kunstschaffende im Ukraine-Krieg spielen.
Im Interview spricht Schriftsteller Martin Pollack darüber, welche Rolle Kunstschaffende im Ukraine-Krieg spielen. © Marc Tirl/dpa

Worin besteht diese Identität?

Die Ukraine hatte lange Zeit ein großes Problem mit ihrer Identität. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Land bis vor kurzem keine staatliche Eigenständigkeit besaß. Im Osten wurde die ukrainische Identität von Russland und dann der Sowjetunion unterdrückt, ebenso die Sprache. Das findet unter Putin eine Fortsetzung, wenn er behauptet, Russen und Ukrainer seien ein Volk, die Ukraine habe nie existiert und habe kein Recht auf eine eigenständige Existenz. Doch Putins Angriffskrieg hat die ukrainische Identität bestärkt. Der Widerstand gegen die russische Aggression eint die Ukrainer im Osten und Westen. Was die Sprache angeht: die Ukraine war immer schon gemischtsprachig, ukrainisch und russisch. Es ist völliger Unsinn zu sagen, dass russischsprachige Ukrainer Russen sind...

...da würde Ihnen der Schriftsteller Andrej Kurkow, der auf Russisch schreibt, sich aber uneingeschränkt als Ukrainer versteht, sicher zustimmen...

...genau wie Swetlana Alexijewitsch, die Belarussin und keine Russin ist. Insofern ist die Ukraine ein zerrissenes Land und die Besetzung des Donbas verschärft die Situation, weil ein Teil der Bevölkerung ja auf Seiten der Separatisten ist.

Zur Person:

Martin Pollack , geboren 1944 in Bad Hall, Oberösterreich, ist Schriftsteller und Übersetzer. Er studierte Slawistik und osteuropäische Geschichte und arbeitete von 1987 bis 1998 als Korrespondent des „Spiegel“ in Wien und Warschau. Gleichzeitig begann er mit der Übersetzung polnischer Texte. Seit 1998 lebt Martin Pollack als freier Autor und Übersetzer in Wien und im Burgenland. Martin Pollack ist Sohn des Gestapo-Chefs von Linz und Stiefsohn des österreichischen Malers und Grafikers Hans Pollack.

Buchveröffentlichungen sind u.a.: „Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann“; „Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater“; „Die Frau ohne Grab: Bericht über meine Tante“. Der Deutsch-landfunk nennt ihn einen „Archäologen des Völkermords. Seine Bücher sind Dokumentation und Literatur.“

Pollack wurde vielfach ausgezeichnet , u.a. mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung und dem Österreichischen Staatspreis für Kultur-publizistik. Mik

Martin Pollack im Interview: Putin will mit dem Ukraine-Krieg die Ukraine als kulturell selbstständiges Land wegwischen

Wieviel hat die ukrainische Identität mit Nationalismus zu tun?

Natürlich gibt’s in der Ukraine Nationalismus, na klar, den gibt’s überall. Es gibt auch rechte Strömungen, aber die Wahlen haben gezeigt, dass die ein marginaler Faktor sind. Allerdings besteht jetzt die fast unausweichliche Gefahr, dass sich der Nationalismus in der Konfrontation mit Russland verstärkt.

Putins Angriffskrieg ist auch ein Krieg gegen die Kultur. Theater, Konzerthäuser, Bibliotheken und Gedenkstätten werden gezielt angegriffen. Welche Strategie verfolgt Russland damit?

Putin will die Ukraine als kulturell selbstständiges Land mit seiner reichen Tradition wegwischen und russifizieren. Ganz so wie früher die Zaren. Putin scheint geradezu einen atavistischen Hass gegen die Ukraine zu hegen, denn ohne die Ukraine kann ein großrussisches Reich nicht funktionieren. Die russische Tradition ist mit der Ukraine untrennbar verbunden. Wenn Putin wieder ein großrussisches Reich errichten will, ist er quasi gezwungen, sich die Ukraine einzuverleiben. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass er daran scheitern wird – das wäre dann auch sein politisches Ende.

Werden Kulturschaffende und Journalist:innen in der Ukraine von den russischen Truppen deshalb gezielt ins Visier genommen?

Ja. Gerade in Osteuropa waren Autoren immer Träger der Identität. In Polen zeigt sich das ganz stark. Ohne die polnische Literatur – natürlich spielt auch noch die Kirche eine große Rolle – wäre die polnische Identität viel schwächer ausgeprägt. Es war die Literatur, die über Jahre der Unterdrückung die Identität weitergetragen hat. Das ist auch in der Ukraine so. Wenn die Okkupation gelänge, würden die Russen ganz sicher als erstes die ukrainische Intelligenz liquidieren. Nach altem stalinistischen Vorbild wäre sie die erste, die drankommt, da wird nicht lange gefackelt.

Martin Pollack im Interview: Ukrainischen Kulturschaffenden sind wichtige Botschafter im Ukraine-Krieg

Wie nehmen Sie die Rolle der ukrainischen Kulturschaffenden seit dem Angriffskrieg wahr?

Für mich sind Leute wie Serhij Zhadan, Juri Andruchowytsch oder Oksana Sabuschko wichtige Botschafter ihres Landes. Auch, weil sie im Westen einigermaßen bekannt sind und dort den Dialog suchen. Es war Serhij Zhadan, der auf den offenen Brief der deutschen Intellektuellen mit einem offenen Brief geantwortet hat. Wir stehen in engem Kontakt mit ihnen, sie schicken uns Nachrichten und Videos. Das sind ganz wichtige Anknüpfungspunkte, um zu erfahren, was in der Ukraine passiert, wie der Alltag abläuft. Wir können uns das ja gar nicht vorstellen...

Wer ist hier mit „wir“ gemeint?

Einen Kreis von Freunden, Intellektuellen und Mitautoren. Zum Beispiel die Suhrkamp-Lektorin Katharina Rabe, die sich unglaubliche Verdienste um die ukrainische Literatur erworben hat. Ich habe kurz nach Beginn des Krieges einen Abend im Wiener Volkstheater veranstaltet, wo österreichische Autoren ukrainische Autoren gelesen haben. Alle Kollegen sind gekommen, mehr als ich für einen Abend gebrauchen konnte. Von Elfriede Jelinek über Christoph Ransmayr bis zu Franz Schuh. Das fand ich sehr ermutigend.

Interview mit Martin Pollack über den Ukraine-Krieg: „Den Ukrainern bleibt nur, sich zu wehren.“

Es gibt aber auch unter Österreichs Intellektuellen andere Positionen...

Ja, der Autor Franzobel zum Beispiel. Er ist der Meinung, dass die Ukraine von Anfang an hätte kapitulieren sollen, dann wäre das Blutvergießen ausgeblieben. Wenn man Leuten wie Zhadan zuhört, weiß man, dass das nicht stimmt. Genau das Gegenteil wäre eingetreten, weil die Russen begonnen hätten, die Intelligenzia und jeden Widerstand zu liquidieren. Den Ukrainern bleibt nur, sich zu wehren.

Was erzählen die ukrainischen Kulturschaffenden von ihrem Alltag?

Sie berichten vor allem über die fundamentalen Veränderungen, die sie mitgemacht haben. Viele dieser Menschen hatten ein Haus, einen Garten, dann mussten sie flüchten und leben jetzt in Lemberg in fremden Wohnungen, aufgenommen von Freunden oder Bekannten. Ihr Leben hat sich total verändert. Trotzdem haben sie die Überzeugung: Wir dürfen nicht klein beigeben, wir müssen uns wehren und standhalten, sonst sind wir vernichtet. Unsere Identität steht auf dem Spiel. Diese Menschen haben keinen Ausweg, es gibt keine zweite Ukraine, in die sie auswandern könnten.

Nach Ausbruch des Krieges haben sich einige ukrainische Literaten in den verbalen Schützengraben begeben. Juri Andruchowytsch spricht pauschal vom russischen „Antimenschentum“. Und Andrej Kurkow ruft als Präsident des ukrainischen Pen zum Boykott russischer Literatur auf. Haben Sie Verständnis für diese Haltung?

Ich will mir kein Urteil anmaßen, Sie und ich sind ja in einer unglaublich bequemen Position. Aber ich bin traurig darüber und glaube auch nicht, dass es richtig ist. Ich habe Bekannte, die jetzt jede russische Kultur strikt ablehnen. Das finde ich bedenklich. Bei dem Abend im Wiener Theater haben wir mit Absicht auch einige russische Autoren lesen lassen – regimekritische, versteht sich. Wir wollten zeigen, dass es nicht angeht, die russische Kultur total abzulehnen.

Martin Pollack über den Ukraine-Krieg: Nur beim Kreml-Fernsehen schauen die Menschen noch hin

Warum hört man von russischen Künstlern und Literatinnen so wenig zum Krieg?

Es ist interessant, was die belarussische Autorin Swetlana Alexijewitsch dazu sagt. Sie hat sich Gedanken gemacht, warum die große russische Kultur momentan völlig versagt. Warum sie keine Antworten auf die Entmenschlichung im Zuge des Krieges findet. Swetlana Alexijewitsch ist überzeugt, dass die Kultur in Russland völlig machtlos ist und im Gegensatz zur Propaganda überhaupt keine Rolle mehr spielt. Nur beim Kreml-Fernsehen hören und schauen die Menschen noch hin. Das ist erschütternd. Doch eine Hoffnung habe ich: Selbst das 3. Reich konnte die deutsche Kultur nicht zerstören; das Wort hat sich als stärker erwiesen als der Terror. Das muss auch in Russland passieren.

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan, diesjähriger Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, ist ein Freund von Ihnen. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Serhij geht auf die Menschen zu, er ist sehr offen. Zurzeit ist sein Optimismus verständlicherweise gedämpft, aber eigentlich ist er immer sehr zuversichtlich. Gleichzeitig ist er unglaublich bescheiden, einer der uneitelsten Autoren, die ich kenne. Er ist keiner, der in der Kammer sitzt und schreibt, sondern er geht hinaus und bringt die Literatur und Musik zu den Menschen. Er ist ja auch Musiker. Serhij lebt in Charkiw und will von dort auch nicht weg, obwohl die Stadt von der russischen Armee beschossen wurde und sehr viele Menschen geflohen sind. In seinen Augen wäre das so etwas wie Verrat.

Zhadan ist im Donbass geboren, russisch sozialisiert, schreibt aber inzwischen auf Ukrainisch. In seinen Roman erzählt er auf besondere Weise vom Krieg, aber auch vom ukrainischen Widerstandswillen.

Da drin steckt viel Optimismus. Serhij weiß genau, wie grauenhaft die Situation ist, das spürt man auch in dem, was er schreibt. Aber trotzdem ist er überzeugt, dass man sich engagieren muss. Allein durch seine Präsenz in Charkiw beweist er das jeden Tag. Er macht Konzerte in U-Bahn-Schächten, spielt mit seiner Band für Soldaten. Serhij zeigt den Menschen, man darf nicht aufgeben, man darf sich nicht fallen lassen. Jemand sagte zu ihm: „Ich lese Dich ja lieber als dass ich erfahre, dass Du irgendwo Hilfsgüter hinbringst oder Leute aus Kampfzonen rausholst. Dazu braucht es doch keinen großen Schriftsteller.“ Aber gewisse Autoren haben verstanden, dass man jetzt nicht beiseite stehen darf.

Interview mit Schriftsteller Martin Pollack: Kunst ist für die Zeit nach dem Ukraine-Krieg elementar

Dennoch hört man von Zhadan nicht so aggressive und unversöhnliche Töne wie von Adruchowytsch oder Kurkow...

Serhij ist überhaupt nicht militaristisch und kommt auch äußerlich nicht so daher. Viele Ukrainer treten zurzeit ja gern im Tarnanzug mit hundert praktischen Taschen auf. Dass er nicht auf dieser militaristischen Welle mitschwimmt und weder mit einer Kalaschnikow noch einem deutschen Sturmgewehr posiert, macht ihn sympathisch. Und auch glaubwürdig.

Irgendwann wird auch dieser Krieg zu Ende gehen. Welche Funktion können Kunst und Kultur in einer Nachkriegsordnung spielen?

Eine unglaublich wichtige! Weil sie die Ukrainer noch einmal in ihrer Identität bestätigen kann. Dabei sind gerade Leute wie Serhij sehr wertvoll, weil sie an dieser Kultur festhalten. Weil sie mit dem Wort kämpfen und nicht mit der Waffe in der Hand. Gerade die ukrainischen Autoren zeigen, dass sie Verantwortung für ihr Land übernehmen. (Interview: Bascha Mika)

Alle neuen Entwicklungen im Ukraine-Krieg im News-Ticker.

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