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Ein Bagger schaufelt Sand am Ufer des Suezkanal nachdem in der Nacht zum 24. März das Containerschiff „Ever Given“ auf Grund gelaufen ist. Foto: Suez Canal Authority/dpa
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Im Suezkanal lief in der Nacht zum 24. März das Containerschiff „Ever Given“ auf Grund. Dadurch kamen andere Schiffe nicht weiter. Auch Tiertransporte waren betroffen.

Unter Tieren

Schon beim Lesen schrecklich

  • VonHilal Sezgin
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Vergangene Woche habe ich eine bezaubernde Grußkarte von einer älteren Leserin und ihrem Mann erhalten. Sie schrieb: „Wir freuen uns über ihre Einfühlsamkeit und die Liebe zu den Tieren, die wir teilen.“ Doch komplett lesen könnten sie die Texte nicht, denn die Grausamkeiten gegenüber Tieren seien oft „schon beim Lesen unerträglich“. Wir telefonierten kurz, und das Gespräch wärmte, so hoffe ich, beiden Seiten das Herz.

Die Scheu, von Grausamkeiten zu lesen, kann ich gut verstehen, zumal ja diejenigen, die sensibel gegenüber dem Unrecht an den Tieren sind, ohnehin mehr als genug darüber wissen. Und ich habe den Eindruck, in den letzten Wochen bekamen aufgrund mehrerer regelrechter Katastrophen auch weniger tieraffine Menschen viel von diesem Unrecht mit. Erinnern Sie sich an den Skandal in Nordrhein-Westfalen, bei dem aufgedeckt wurde, dass ein „deutscher Familienbetrieb“ offenbar immer wieder Rinder und Schafe „schächtete“, in diesem Fall: betäubungslos dahinmetzelte, während sie bei vollem Bewusstsein zum Beispiel an einer Fußkette baumelten? (Ich setze das Wort Schächten in Anführungsstriche, weil ritualles Schlachten erfordert, dass die Tötung möglichst schmerzfrei, mit einem einzigen Schnitt und ohne eine angsteinflößende Umgebung geschieht. Dies war kein Schächten! Ich will aber das Schächten auch nicht verteidigen – ich lehne jedes Form von gewaltsamem Töten von Tieren ab.)

Oder gibt es irgendjemanden, der nicht gehört hat, dass ein Frachter tagelang den Suezkanal blockierte – und dadurch auch zehntausende von Schafen, die zu ihrer Schlachtung befördert werden sollten, auf Schiffen festsaßen? Diese Tiertransporte sind ohnehin eine wochenlange Quälerei für die Tiere, nie haben sie genug Wasser, Futter und Platz, ständig stehen sie im Kot und haben Sozialstress, viele werden zudem seekrank. (Denn nicht nur Menschen, auch andere Landwirbeltiere leiden unter dem ungewohnten Auf und Ab.)

Hat irgendjemand nicht die Meldungen von dem Großbrand in Mecklenburg-Vorpommern gelesen, bei dem zehntausende von Muttersauen und Ferkeln in einer umstrittenen Großanlage verbrannt sind? „Verendet“, schreiben die Zeitungen, „umgekommen“… Ich weiß nicht, was das korrekte Wort ist. Sie waren eingesperrt, jeder Fluchtmöglichkeit beraubt, sie sind „bei lebendigem Leibe verbrannt“ oder „in den Flammen gestorben“, so heißt das bei Menschen.

So, und jetzt habe ich es wieder getan: Ich habe den wertvollen Platz, den mir diese Zeitung zum Schreiben über Tiere monatlich zur Verfügung stellt, mit Berichten von Schrecklichkeiten gefüllt.

Blind, aber vergnügt

Doch glauben Sie mir, ich würde ja so viel lieber von all dem Schönen erzählen, das wir mit Tieren erleben können – wenn wir sie denn in Ruhe und am Leben lassen! Dann würde ich ausführlich von dem alten kleinen Schaf Christopher erzählen, halb blind, und dennoch so vergnügt, aber leider seit Jahren von einer Hautkrankheit heimgesucht, wegen der er oft ein Jäckchen tragen muss und an warmen Tagen wie diesen mit Sonnencreme regelrecht zugeschmiert wird… Dann aber steht der, nun weiß glänzende, Christopher in der Sonne und lässt sich die wärmende Sonne auf den (arg löchrigen) Pelz scheinen… Während ich nachher die Nähmaschine raushole und mich an einem leichten Sommermäntelchen aus Leinen und T-Shirtstoff versuche.

Ich würde von den beiden orange-getigerten Streunerkatern erzählen, die seit anderthalb Jahren in mein Haus eingezogen sind, und von denen der Jüngere dem Älteren folgt wie ein Schatten. Ständig purzeln sie hier durch die Räume, über die Terrasse, durch die Hecken; sie spielen komische Spiele, bei der sie einander vermeintlich beißen, und fallen dann erschöpft auf einem Sofa darnieder und schlafen, Löffelchen liegend.

Ich würde auch von den beiden Coburger Fuchsschafen erzählen, die vor zwei Tagen hier eingezogen sind (also: im Stall, nicht im Haus) und deren Gesichtshaut so wunderschön cremefarben und samtig ist wie von irgendwelchen preisgekrönten Kamelen.

Aber dann muss ich an Ostern denken, das für viele Menschen ja mit „Lammbraten“ assoziiert ist, und mir gefriert das Lächeln im Gesichte. Das Problem ist: Ja, die Nähe von Tieren hält so viele Freude und Schönheit für uns bereit; aber so lange wir Menschen es für unser gottgegebenes Recht halten, Angst und Schrecken unter den anderen Tieren zu verbreiten, ist es notwendig, sich und andere an diese Schrecken zu erinnern.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

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