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Die Installation. Rolf Oeser
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Die Installation.

Installation

Schauspiel Frankfurt: Ein hingedonnerter Satz

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Ein Banner am Schauspiel Frankfurt soll die Mehrheitsgesellschaft aufrütteln und löst eine Debatte über Kunst und Kunstfreiheit aus.

Deutsch mich nicht voll. Ein einziger Satz hängt an der Glasfassade des Frankfurter Schauspiels und strahlt in die Stadt hinein. Das Theater hatte das Banner des bildenden Künstlers Naneci Yurdagül zum Jahrestag des Anschlags von Hanau installieren lassen und seitdem wird gestritten. Über Identitätspolitik, die Rolle der Kunst und über ihre Grenzen. Vor allem in den sozialen Medien sah sich das Schauspiel (neben Lob und Dankbarkeit) aggressiven Angriffen ausgesetzt. Jetzt holte das Schauspiel die Debatte aus dem Netz auf die Bühne, wo die Frage „Was darf die Kunst?“ diskutiert wurde. Die analoge Debatte war freundlicher im Umgang, aber ähnlich festgefahren wie die digitale.

Mit den heftigen Reaktionen habe er nicht gerechnet, räumt Schauspiel-Intendant Anselm Weber gleich zu Beginn ein. Es sei aber auch eine positive Überraschung gewesen: „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Kunstwerk noch so eine Aufmerksamkeit erzeugen kann, wie dieses Kunstwerk es getan hat.“

Sein Urheber hatte von alldem zunächst wenig mitbekommen, weil er nicht in den sozialen Netzwerken unterwegs ist. Ohnehin, sagte Naneci Yurdagül, sei es als bildender Künstler seine Aufgabe, Möglichkeiten zu finden, dem Zeitgeist etwas anzubieten und sich dann zurückzuziehen. Also keine Erklärungen, keine Analysen, nur: ein Satz.

Und der hat es in sich. „In der Einfachheit des Satzes steckt eine komplizierte Wucht“, sagte der Regisseur Nuran David Calis. Er sei Ausdruck einer Sehnsucht nach Selbstbestimmung. „Dass der Künstler seinen Satz an einem so privilegierten Ort fast schon in Bild-schlagzeilenartigen Symphonie hingedonnert hat, hat uns tief bewegt und hat uns und mir auch ein Stück Selbstbewusstsein zurückgegeben.“

Uns, damit meint Calis all jene mit einer sichtbaren Stigmatisierung, Menschen mit Migrationsgeschichte. Der Regisseur entwickelt zur Zeit selbst ein Stück, das sich um die Mordserie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund drehen wird, um die Drohbriefe des NSU 2.0, um die rechtsterroristischen Anschläge von Halle und Hanau. Der Satz reiche aber über dieses Themengebiet hinaus, sagte Calis. Es gehe auch um verkrustete Strukturen, um überbordende Bürokratie, um gesellschaftliche Stagnation.

Als einziger Kritiker des Satzes in der fünfköpfigen Runde trat der Journalist Uwe Kammann auf. Schon vor der Diskussion hatte er den Satz als „Schwarze Pädagogik“ bezeichnet und von „latentem Binnen-Rassismus“ gesprochen. Auf dem Podium legte Kammann nach, sprach erneut von einer „umgekehrten Ausgrenzung“ und „Binnen-Rassismus“. Sein Haupteinwand sei, dass man nicht wisse, an wen die Botschaft adressiert sei. „Wer ist das Ich, wer wird angesprochen?“ Der Satz sei plakativ, kontraproduktiv und abwertend, „rechte Dumpfbacken“ werde man damit sowieso nicht überzeugen.

Der Satz könne eben wunderbar zum Nachdenken anregen, entgegnete der Dramaturg und Autor Carl Hegemann, der bis 2017 regelmäßig an der Volksbühne Berlin tätig war, wo die Installation schon 2001 gezeigt worden war. Kunst lebe davon, dass sie polarisiere und offen sei, sagte Hegemann. „Kunst erfüllt keine Zwecke – und das tut dieses Kunstwerk nicht.“ Zwischen Kammann und Hegemann entwickelte sich ein Dialog, in dem die Vokabeln Integration und Zuwanderer fielen, bis es dem gebürtigen Hessen Yurdagül entfuhr: „Ich bin ja auch deutsch.“

Der Satz solle einen Perspektivwechsel vollziehen, hatte das Schauspiel Frankfurt im Begleittext zur Installation geschrieben: Die Minderheitsgesellschaft werde umgekehrt und zu einer bedrängenden Erfahrung für die Mehrheitsgesellschaft. Im besten Fall lade das zum Hinterfragen der eigenen Rolle und Privilegien ein. Zumindest bedrängt fühlen sich Teile der Mehrheitsgesellschaft, das zeigte die Debatte, hinterfragt wird aber wenig.

Die Aufzeichnung steht weiterhin bereit auf www.schauspielfrankfurt.de

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