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Der Historiker Saul Friedländer, 1932 in Prag geboren.
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Der Historiker Saul Friedländer, 1932 in Prag geboren.

Frankfurt

Saul Friedländer: „Demokratie muss auch verteidigt werden, nicht nur erklärt“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Der Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer erhält den ersten Ludwig-Landmann-Preis, in Frankfurt entgegengenommen von seiner Tochter Michal.

Im Videointerview sagte Saul Friedländer in Los Angeles, gefragt, ob man sich gegen den aktuellen politischen Rechtsextremismus in Deutschland und den USA abgrenzen oder das Gespräch auch mit Rechten suchen solle: Beides, auch wenn das paradox klinge. Aber: Es könne dahin kommen, dass man sich nicht nur abgrenzen, sondern seine Sache auch verteidigen müsse. „Demokratie muss auch verteidigt werden, nicht nur erklärt.“

Es habe ihn überrascht, als ihm der erste Ludwig-Landmann-Preis zugesprochen geworden sei, sagte Friedländer. Die neue Auszeichnung soll „für Mut und Haltung“ vergeben werden, er sei jedoch „keine sehr mutige Person“. Dies mag aber eher damit zusammenhängen, dass der Historiker um das erhebliche Gewicht von Worten weiß. Joschka Fischer sagte in seiner Laudatio (und der frühere Bundesaußenminister wird seine durchaus harten Worte gegen unsere Corona-Klagen nicht zufällig gewählt haben): „In unserer alles in allem behaglichen Gegenwart“ könne man sich nicht vorstellen, was es bedeute, über Jahre auf der Flucht und in der Angst vor der Deportation zu leben.

Friedländer, 1932 in Prag geboren, habe eine „Kindheit im Völkermord“ verbracht, so Fischer, weitergereicht von Versteck zu Versteck, mit neuen Namen und neuen Identitäten. „Als der Krieg endete, wartete ich auf meine Eltern“, zitierte ihn Fischer, die aber waren, vermutlich 1941 in Auschwitz, ermordet worden.

Friedländer wurde in Frankfurt also als Zeitzeuge und als bedeutender Historiker geehrt, für sein Lebenswerk, namentlich für das bahnbrechende, in zwei Bänden 1998 und 2006 erschienene Buch „Das Dritte Reich und die Juden“ („Nazi Germany and the Jews“). Das sei, so Fischer, ein Geschichtsbuch, „das untrennbar zu unserer Geschichte gehört“. Ein Buch über die Opfer, wie bei der Feierstunde immer wieder betont wurde, aber, das hob wiederum Fischer hervor, eben auch über die Täter – die Friedländer mit ihren Geschichten und Namen nicht „in die Anonymität entkommen“ lasse.

Antisemitismus wiege in Deutschland schwerer als anderswo, sagte Fischer. Die deutsche Demokratie und die Rückkehr des Landes in den Kreis der geachteten Staaten habe nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Bekenntnis zum „Nie wieder“ gefußt. Das sei ein „Bruch ohne Schlussstrich“ gewesen. Wer sich davon abwende, füge dem Land schweren Schaden zu. Denn nun wurde es wirklich grundsätzlich, aber auf eine Art grundsätzlich, dass man sich fast wunderte, wie selten es geschieht.

Die Initiative zum Ludwig-Landmann-Preis, lobte Fischer noch, komme angesichts eines sich wieder brüstenden und lauter werdenden Antisemitismus im Land exakt zum richtigen Zeitpunkt. Auch wegen der Corona-Pandemie war es am Ende natürlich eine längere Geschichte der Absagen und Umplanungen. Initiiert und vergeben wird die mit 10 000 dotierte Auszeichnung von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums in Frankfurt – gestiftet zur Wiedereröffnung des Hauses nach ausführlichem Umbau und Neueinrichtung der Dauerausstellung. Künftig soll der Preis alle zwei Jahre vergeben werden.

Immerhin war die Verleihung nun fast an Ort und Stelle, im benachbarten Schauspielhaus, in das am Sonntagvormittag etwa 140 Gäste durften. Friedländer konnte nicht aus den USA anreisen, aber seine in Berlin lebende Tochter Michal Friedländer nahm Urkunde und Statue entgegen, eine Miniaturnachbildung von Ariel Schlesingers Baum-Kunstwerk vor dem Museumsneubau (alles sehr liebevoll und aufwendig erdacht und gemacht nämlich). „Entgegennehmen“ stimmt im Übrigen auch nicht ganz. Andreas von Schoeler, Vorsitzender der Freunde und Förderer (und Freundinnen und Förderinnen, wie Direktorin Mirjam Wenzel beiläufig ergänzte), durfte ihr beides nur entgegenhalten. Erstmals aber war es wieder erlaubt, am Platz ohne Mund-Nasen-Schutz zu sitzen, sehr angenehm.

Von Schoeler, ehemaliger Frankfurter OB, erinnerte eindrücklich an den Namensgeber der Auszeichnung, den Juden Ludwig Landmann, Frankfurter Oberbürgermeister von 1924 bis 1933. Der politische Ermöglicher des Neuen Frankfurt, 1868 in Mannheim geboren, 1945 krank und missachtet im niederländischen Exil gestorben, wurde nach 1933 von seinen Landsleuten aus dem Amt gedrängt. In der Emigration lebte er prekär und nach der Besetzung der Niederlande unter steter Lebensgefahr. Landmanns Schicksal, das Schicksal eines aufrechten, eigenwilligen, ganz und gar für die Stadt und die Demokratie engagierten Menschen, ist zutiefst erschütternd. Erschütternd ist aber auch, wie zäh sich nach dem Krieg seine Rehabilitierung und Ehrung gestalteten. Von Schoeler sprach davon, wie sich die nationalsozialistische Verfolgung nach 1945 fortgesetzt habe.

Auch das ist ein Vorzug des Preises. Seit 48 Stunden (und inzwischen schon länger), konnte der aktuelle OB Peter Feldmann zudem berichten, heißt der Magistratssitzungssaal im Römer Ludwig-Landmann-Saal. Die Wendung, dass man ihm das schuldig sei, wird gerne überstrapaziert, hier aber nicht.

Im Zuge einer geplanten und wieder abgesagten Preis-Gala, verbunden mit Spendenaufrufen und einer Spendenverdopplungsspende, ist eine Summe von 200 000 Euro zusammengekommen. Direktorin Wenzel teile mit, sie habe für den Ankauf des Briefe-, Erinnerungs- und Zeichnungskonvoluts einer heute in Israel ansässigen, aus Deutschland stammenden Familie genutzt werden können – eines Konvoluts, auf das just Saul Friedländer sie vor Jahren aufmerksam gemacht habe. Und einer Familie, die verwandtschaftlich mit der Großmutter von Anne Frank verbunden war. So hängt vieles mit vielem zusammen. Mehr dazu gewiss in Kürze.

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