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Fernsehkritik

Von Kurt Tucholsky bis Jan Böhmermann: Was darf Satire?

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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Und wer sind die „Mächtigen“, von denen Satiriker sprechen? Ein Blick zurück auf Tucholsky und ein Blick nach vorne auf Jan Böhmermann und die „Anstalt“.

  • Die Frage, was Satire darf, beschäftigt die Menschen seit über hundert Jahren.
  • Jan Böhmermann und die „Anstalt“ wollen in Satire-Sendungen gesellschaftliche Machtverhältnisse aufklären.
  • Aber wer sind die „Mächtigen“, an die sich Satire richtet?

Vielleicht ist es zur Abwechslung ganz gut, wenn ein Text über Satire mal nicht direkt mit Kurt Tucholsky beginnt, sondern mit einem seiner Interpreten. Deniz Yücel war es, der in der „Welt“ vor gut einem halben Jahr ein paar entscheidende Hinweise zu den aktuellen Debatten über den Gebrauch des Humors in der politischen Auseinandersetzung gab. Er konnte sich dabei auf denselben Artikel Tucholskys berufen, dessen Schlussbemerkung zum täglich genutzten Schlag-Wort gegen jede differenzierte Auseinandersetzung mit Satire geworden ist: „Was darf die Satire? Alles.“

Yücel stellte diese Aussage aus dem Text, der am 27. Januar 1919 im „Berliner Tageblatt“ erschien, natürlich nicht in Frage. Wie käme er auch dazu. Aber, so der „Welt“-Kolumnist: „Ehe Tucholsky am Ende seines Manifests der Satire bescheinigt, alles zu dürfen, definiert er in wenigen Zeilen, was das ist. Wer sich explizit oder implizit auf ihn beruft, sollte diese Definition kennen. Und wer sie kennt, der ahnt, dass zwar manche, aber eben nicht jede Unflätigkeit als Satire durchgehen kann.“

„Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine“, auch dieser Satz stammt aus Tucholskys Text, der ja unter dem Eindruck des gerade erst beendeten Ersten Weltkriegs stand. Und Deniz Yücel interpretierte treffend: „Satire richtet sich nicht gegen Einzelne, sondern gegen Institutionen, nicht gegen die Schwachen, sondern gegen die Mächtigen.“

Jan Böhmermann an seinem Arbeitsplatz.

Satire von Jan Böhmermann und die „Anstalt“: Wer sind die „Mächtigen“?

Was kann das aktuell bedeuten? Es gibt derzeit im Zweiten Deutschen Fernsehen zwei Formate, die darauf eine Antwort zu geben versuchen: Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“, das an diesem Freitag nach der Winterpause wieder startet, und die „Anstalt“, deren nächste Folge für kommenden Dienstag angekündigt ist. Beide betreiben etwas, das sich als „investigatives Kabarett“ beschreiben ließe: ein Modell, bei dem das Tun und Lassen der „Mächtigen“ durch intensive Recherche beleuchtet wird. Und das ist vielleicht wichtiger als die ebenfalls nicht unerhebliche Frage nach der „Identitätspolitik“.

Wenn heute über Satire und politischen Humor gestritten wird, steht meistens der Umgang mit religiösen und kulturellen Werten, mit Identität und Ideologie, im Zentrum. Und vor lauter „Satire darf alles“ geht die Frage, was sie sei und was sie soll, leicht in Vergessenheit. Wer etwa nach der Angemessenheit von Karikaturen fragt, die eine Religion pauschal mit Terrorismus kurzschließen, muss sich schon mal des Verdachts der Sympathie für islamistischen Terror erwehren. Satire darf alles, Ende der Debatte. Oder, aktuell besonders in Mode: Bei der Frage, wer eigentlich „die Mächtigen“ seien, denen sich eine gute Satire widmet, kommen die Kriterien gewaltig ins Rutschen.

Satire im Fernsehen: Kritik im richtigen Maß

In erstaunlicher Übereinstimmung argumentieren zum Beispiel konservativ-bürgerliche Autorinnen und Autoren sowie Teile der Linken (oder solche, die sich dafür halten) gegen die angebliche Vorherrschaft einer „identitätspolitischen“ Strömung, also zum Beispiel der Bewegungen gegen geschlechtliche oder rassistische Diskriminierung. Da wird zwar mit Recht darauf hingewiesen, dass die Emanzipationsbewegungen gesellschaftlicher Minderheiten nicht ihrerseits in eine „Wir gegen die“-Rhetorik und damit in eine Hierarchisierung – sprich auch: Abwertung – unterschiedlicher Lebensentwürfe verfallen dürften. Aber diese Kritik übersteigert sich dann oft ihrerseits zur Maßlosigkeit, wenn Gleichberechtigungs-Ansprüche als „Partikularinteresse“ abgeheftet oder als eine Art verlogene Spielerei privilegierter Schichten abgetan werden.

So geschieht es immer wieder bei jenem vulgär-materialistischen Teil der Linken, der jenseits der klassischen Klassendefinitionen keine relevanten Konflikte kennen will. So geschieht es leider auch bei Deniz Yücel, wenn er zu den „Mächtigen“ ausdrücklich auch jene zählt, die angeblich „nicht halb so ausgegrenzt und schwach sind, wie sie gerne für das Gedeihen ihrer individuellen Karrieren behaupten“.

Das ist erschreckend nahe bei einem Kabarettisten (den Tucholsky sicher nicht „Satiriker“ genannt hätte) wie Dieter Nuhr: Auch dessen Masche besteht ja darin, diejenigen zu kritisieren, die den Mächtigen Versagen vorwerfen, indem er ihnen eine gesellschaftliche Hegemonie andichtet. Er tut das besonders gern beim Thema Klimaschutz – so als werde das Weltgeschehen von Greta Thunberg beherrscht und nicht von einem fossilen Wirtschaften, aus dem die Mächtigen (und große Teile ihrer Gefolgschaft) so schwer herauszufinden scheinen.

Jan Böhmermann: Satire in irrwitzig rasanten Tempo

Jan Böhmermann und die „Anstalt“ tun etwas anderes – Böhmermann in seinem irrwitzig rasanten Tempo, die „Anstalt“-Insassen Max Uthoff und Claus von Wagner intensiver, belehrender und manchmal etwas schleppend. Mit den je eigenen Mitteln des Kabaretts versuchen beide, über gesellschaftliche Machtverhältnisse und Entwicklungen an konkreten, intensiv recherchierten Beispielen aufzuklären. Und wenn es sehr gut geht, kann es ihnen sogar gelingen, etwas zu verändern.

In Böhmermanns „Magazin Royale“ ging es in der letzten Sendung vor dem Jahreswechsel um den Anführer der selbst ernannten „Querdenker“, Michael Ballweg, und sein Geschäftsgebaren. Gemeinsam mit dem Portal netzpolitik.org hatte die Redaktion reihenweise Indizien für eine aufschlussreiche Erkenntnis gesammelt: Die Selbststilisierung des Verschwörungsmythikers als Systemkritiker scheint genau dort zu enden, wo er aus seiner Agitation ein durch und durch kapitalistisches Geschäftsmodell gemacht hat.

Die „Anstalt“: Satire sorgt für bessere Löhne

Die „Anstalt“ konnte fast zur gleichen Zeit sogar von einem konkreten Erfolg berichten, wie ihn recherchierende Medien nicht allzu oft verzeichnen können. Im Mai 2017 hatten sich Uthoff und von Wagner mit der deutschen Gesetzgebung zur Leiharbeit beschäftigt. Und sie hatten Betroffene, für die die Gleichbehandlung mit Stammbelegschaften wegen der vielen Lücken im Gesetz faktisch nicht gilt, zu juristischen Schritten ermuntert. Eingeblendet war damals eine Mailadresse des Juristen Wolfgang Däubler, und 500 Menschen, berichtet die Redaktion, meldeten sich.

Das Ergebnis: Eine Leiharbeitnehmerin erreichte, unterstützt durch Spenden, jetzt einen vorentscheidenden Erfolg. Das Bundesarbeitsgericht legte die Frage, ob die Ungleichbehandlung den Vorschriften des EU-Rechts entspricht, dem Europäischen Gerichtshof vor. Das war zuvor schon deshalb nicht gelungen, weil die Unternehmen viele Fälle durch nachträgliche Zahlungen erledigt hatten. Jetzt wird Europas Justiz mitentscheiden, und bei der „Anstalt“ haben sie die Hoffnung, dass sich das Prinzip der Gleichbehandlung durchsetzt.

Kurt Tucholsky begann seinen Artikel „Was darf Satire?“ 1919 mit dem Satz: „Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“ „Anstalt“-Autor Dietrich Krauss sagt im Jahr 2021, „dass Satire manchmal nicht nur für schlechte Laune sorgen kann, sondern manchmal vielleicht sogar für bessere Löhne“. Das wäre doch mal ein Fortschritt, wie er sicher auch Tucholsky gefallen hätte. (Stephan Hebel)

Rubriklistenbild: © ZDF und Jens Koch

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