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Humor in der Kritik

Satire: Böhmermann, Sonneborn, Somuncu - Der gute Witz steht unter Verdacht

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Ob Jan Böhmermann, Martin Sonneborn oder Serdar Somuncu. Immer mehr Satiriker ernten Shitstorms. Das zeigt: Humor verliert seine soziale Entlastungsfunktion.

  • Immer häufiger gerät die Satire in gesellschaftliche Konflikte.
  • Satiriker:innen wie Lisa Eckhart, Serdar Somuncu, Martin Sonneborn und Jan Böhmermann provozieren gezielt.
  • Debatten um Kabarettisten, Comedy-Künstler, Kolumnisten und ihren Hervorbringungen bestimmen den Diskurs.

Frankfurt - Humor ist, wenn man trotzdem lacht, lautet ein Sprichwort, und in einer Kulturgeschichte des Witzes müsste dabei der Verletzung von Gefühlen ein großes Kapitel vorbehalten sein. Es gibt sie wirklich, die heilende Wirkung des Lachens, aber vielfach scheinen der Witz und seine Gattungsvarianten von gezielter Kränkung angetrieben zu werden. Ein Witz, der nicht trifft, ist keiner. Und dass Humor wehtun kann und muss, gehört zu den trivialen Aussagen über die am weitesten verbreitete Volkskunst.

Eckhart, Somuncu, Sonneborn und Böhmermann: Satire darf nicht mehr alles

Seit einiger Zeit wird aber gerade das vehement bestritten. Der von der Kabarettistin Lisa Eckhart entworfenen Kunstfigur wird nachgesagt, antisemitisch, sexistisch und rassistisch zu sein. Der Kollege Dieter Nuhr muss sich den Vorwurf gefallen lassen, rechte Klischees im Öffentlich-Rechtlichen zu bedienen. Und weder der Moderator Serdar Somuncu noch der Gründer der Satirepartei Die Partei“, Martin Sonneborn, waren zuletzt dagegen gefeit, unter mehrfachen „Ismusverdacht“ zu geraten, obwohl sie zuvor doch für ganz andere Werte eingetreten waren. Überhaupt: Erinnert sich jemand noch an Jan Böhmermanns Schmähgedicht in Richtung von Recep Tayyip Erdogan und die Staatsaffäre zwischen Deutschland und der Türkei?

Die Probleme eines Witzes beginnen dann, wenn man ihn erklären muss. Obwohl jeder weiß, wie schnell man mit einer umständlichen Erläuterung Gefahr läuft, sich lächerlich zu machen, ist die Erklärungsbedürftigkeit angewandten Humors zuletzt zu einem Dauerbrenner von Kulturdebatten geworden, die kaum noch ohne Fußnoten auskommen. Satire darf längst nicht mehr alles. Tucholskys berühmter Satz jedenfalls ist in jüngerer Zeit mindestens so oft infrage gestellt wie herbeizitiert worden. Wo verlaufen die Grenzen des Witzes? Wer zieht sie, und wer überschreitet sie aus welchen Motiven?

Gedichte als Ventil, der Kleinbürgerlichkeit zu entweichen

Zu meiner frühen Lieblingslektüre gehörte in den 1960er Jahren „Das große Heinz-Erhardt-Buch“, ein Band mit meist kurzen Gedichten, in denen der Komiker, der auch als Filmheld populär war, seinen ausgeprägten Wortwitz zu entfalten versuchte. Während Erhardt in Filmen wie „Der Haustyrann“, „Immer die Radfahrer“ und „Natürlich die Autofahrer“ den typischen Spießer gab, der mit der urbanen Modernisierung nicht Schritt halten konnte, zeugen die Gedichte von einer unbändigen Lust am Wortspiel, in dem er mühelos zwischen Feinsinn und infantiler Pointe changierte.

Auf der Leinwand gab Heinz Erhardt den mit der Welt hadernden Biedermann, mit seinen Gedichten schuf er ein Ventil, dem Kleinbürgerlichen zu entweichen.

Auf der Leinwand gab Heinz Erhardt den mit der Welt hadernden Biedermann, mit seinen Gedichten schuf er ein Ventil, dem Kleinbürgerlichen zu entweichen. Alles in allem sprach aus seinem Humor ein Einverständnis mit der ihn umgebenden Welt. Der Ausruf „Noch ’n Gedicht“ verriet indes eine überschüssige Energie, mit der er der Unbill des Alltags ein Schnippchen zu schlagen versuchte.

Wolfgang Neuss: Die Pauke gab den Ton an, das Draufhauen wurde zur Kunstform

Etwa zur gleichen Zeit zog ein Kollege es vor, auf die Pauke zu hauen. Die Nachkriegsjahre waren die große Zeit des deutschen Kabaretts – in dem sich die politischen Systeme wechselseitig beobachteten –, und Wolfgang Neuss reüssierte bald als dessen ungezogener Junge. Er galt als viel mutiger und frecher als viele seiner Kollegen, und er war auch der Erste, der damit spielte, aus der Rolle zu fallen.

Spätestens seit den Kinoerfolgen von „Das Wirtshaus im Spessart“ und „Wir Kellerkinder“ – in dem die Verdrängung der NS-Verbrechen thematisiert wurde – galt Wolfgang Neuss (anfangs gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Müller) als Volkskünstler mit ausgeprägter Neigung zum Rebellischen. Die Pauke gab den Ton an, das Draufhauen wurde durch Wolfgang Neuss zu einer Kunstform, die sich nicht damit zufriedengab, sich auf den ihr zugewiesenen Bühnenraum zu beschränken.

Darstellerische Drastik statt eloquenten Feinsinns

Das markanteste Beispiel dafür ist ein früher Medienskandal aus dem Jahr 1962, der Neuss den Ruf eines Spielverderbers einbrachte. Kurz vor der letzten Folge hatte er den Täter der mehrteiligen Krimiserie „Das Halstuch“ verraten. Die Durbridge-Krimis waren die Straßenfeger des Fernsehens, heute gelten sie als abschreckende Beispiele schlechten Geschmacks. Neuss hatte dem TV-Publikum geraten, da der Mörder ja nun enttarnt sei, lieber seinen Film „Genosse Münchhausen“ im Kino anzusehen.

Jan Böhmermann und Co.: Darf Satire nicht mehr alles?

Mit seinem Hang zum Anarchischen nahm Wolfgang Neuss, der mit einem gemeinsamen, später auch auf Schallplatte veröffentlichten Programm Wolf Biermann auch im Westen bekanntgemacht hatte, eine kabarettistische Radikalität vorweg, die in den 70er Jahren erst wieder von den Vertretern eines politisierten Kabaretts aufgegriffen wurde, wie es etwa die „Drei Tornados“ in Westberlin auf die Bühne brachten. Darstellerische Drastik trat an die Stelle eloquenten Feinsinns. Und da die „Tornados“ nahezu ausschließlich in Spielstätten des linken Alternativmilieus auftraten, schienen hier neben einem Hang zur Milieukritik auch die politischen Feindbilder klar konturiert zu sein.

Martin Seel: „Man muss eine Position haben, um sie zur Disposition stellen zu können“

In Comic-Form war diese Art von Humorproduktion damals am verlässlichsten von dem Zeichner Gerhard Seyfried zu haben, der 1979 über die Abbildung der Berliner Alternativkultur und ihrer Straßenkämpfe in seinem Band „Freakadellen und Bulletten“ einen Bestseller landete.

Trotz einer klar erkennbaren Zugehörigkeit zu der Szene, die Seyfried karikierte, rührte der Erfolg der Comics wohl auch daher, dass Seyfried einen liebevollen Blick für den Typus des Berliner Kontaktbereichsbeamten (Kob) übrig hatte – einem Polizisten aus der Nachbarschaft, mit dem die Berliner Polizei zur Deeskalation der gesellschaftlichen Spannungen beizutragen versuchte, die sich in Mai-Demonstrationen und Hausbesetzungen entluden. Innerhalb der sozialen Kämpfe, die Seyfried auf seine Weise bebilderte, war der Kob ein bemitleidenswertes Opfer jener Verhältnisse, die ihn hervorgebracht hatten.

In einem dem Lachen gewidmeten Themenheft der Zeitschrift „Merkur“ hat der Philosoph Martin Seel Humor als Praxis definiert, die es sich leistet, ihre Position hartnäckig zur Disposition zu stellen. Möge sie nun ein sprachlicher Stil sein, eine Figur der Argumentation oder auch eine Einstellung im Handeln. „Im humoristischen Verfahren wird sie nicht durchgehalten, sondern von gegenläufigen Positionen unterbrochen und auf diese Weise ohne höherstufige Ambition pluralisiert.“ Humor ist eine Abweichung von entschlossener Zielstrebigkeit und heiligem Ernst. Aber, so Seel: „Man muss eine Position haben, um sie zur Disposition stellen zu können.“ Der Humor indes sei Beleg dafür, dass wir es uns leisten können, das eine und das andere zu haben: ein Vertrauen in die Stärke der eigenen Position und zugleich das Wissen um ihre Schwäche.

„Titanic“ und Co.: Zeit der Rücksichtnahme spätestens seit den frühen 80er Jahren vorbei

Aus diesem Vertrauen und Wissen ging in den 80er Jahren wohl auch jene Respektlosigkeit hervor, mit der vor allem die Satirezeitschrift Titanic“ die bisherige Humortradition radikalisierte und so ein junges Publikum erschloss. Die Dynamik einer gesellschaftlichen Informalisierung, die weniger soziologisch ausgedrückt als Lockerung der Sitten beschrieben werden kann, fand ihre Entsprechung auch in der Witzkultur. Die Zeit der Rücksichtnahme war spätestens seit den frühen 80er Jahren vorbei.

Anstand und Respekt erschienen nun als überkommene Gebote einer gehemmten Gesellschaft. In den neoliberalen Selbstbehauptungskämpfen galt unbedingte Tabulosigkeit als Haltung derer, die wissen, wo es langgeht. In diesem Sinne war „Titanicblasphemisch, frauenfeindlich, rassistisch – immer versehen mit einem Augenzwinkern und dem Einverständnis darüber, dass Konsens, Harmonie und Rücksicht gerade nicht gefragt waren und eher verdächtig erschienen.

Erwächst aus der Sprecherposition der Autorin dem Gesagten eine andere Legitimation?

Von derlei Gewissheit kann angesichts jüngerer Debatten um Kabarettisten, Comedy-Künstler, Kolumnisten und ihren Hervorbringungen kaum mehr die Rede sein. Seyfrieds liebevoller Blick auf den Kollegen aus der Nachbarschaft scheint in der umstrittenen „taz“-Kolumne der Autorin Hengameh Yaghoobifarah einer starren Feindbildfixierung gewichen. Die Polizei gehört auf den Müll, lautet unmissverständlich die Schlussfolgerung des kurzen Textes, der gar nicht erst beanspruchte, lustig zu sein.

Volkskünstler mit Neigung zum Rebellischen: Wolfgang Neuss 1962 in „Genosse Münchhausen“.

Ging es in der Auseinandersetzung um die Kolumne zunächst darum, ob die in dem Text spürbare Verachtung gegen Angehörige der Berufsgruppe noch durch die Meinungs- und Pressefreiheit gedeckt sei, so konzentrierte sich die Debatte im weiteren Verlauf auf die Frage, ob aus der Sprecherposition der Autorin dem Gesagten eine andere Legitimation zuwachse. Als Angehörige gleich mehrerer Opfergruppen, die unter struktureller Diskriminierung durch die Polizei zu leiden habe, so das Argument, sei Yaghoobifarah mehr als berechtigt, die Szene einer vermeintlich besseren Gesellschaft zu imaginieren, in der Polizisten kurzerhand auf der Müllkippe entsorgt werden.

Der Witz verliert seine Entlastungsfunktion innerhalb der sozialen Kommunikation immer mehr

Agierten die Humoristen, für die hier exemplarisch an Heinz Erhardt, Wolfgang Neuss, Die Drei Tornados und Gerhard Seyfried erinnert wurde, bei aller Widerspruchslust vor dem Hintergrund eines humanistischen Universalismus, so scheint nun auch der parodistische Blick von „höherstufigen Ambitionen“ im Sinne Martin Seels bestimmt, die sich zuletzt vor allem an partikularen, identitätspolitischen Interessen orientierten. Im Kampf um symbolische Territorialgewinne, für die zuletzt Gedichte von Hauswänden entfernt und Straßen umbenannt wurden, gilt Humor als zwiespältige Kulturtechnik, an der sich die Finger verbrennen kann, wer sich der unkontrollierbaren Kräfte des Witzes nicht bewusst ist.

Angesichts des eingangs erwähnten und nicht nachlassenden sozialen Konfliktpotenzials verschiedener Formen von Comedy und Satire scheint der Witz seine Entlastungsfunktion innerhalb der sozialen Kommunikation immer mehr zu verlieren. Der Rückzug aus einer angestrengten Vernunft auf die Inseln des Humors wird weitgehend verwehrt. Selbst wenn sich der Streit zwischen Nico Semsrott und Martin Sonneborn von der Satirepartei „Die Partei“ schließlich als durchtriebene Parodie auf die Spaltung der handelsüblichen politischen Parteien erweisen sollte, bleibt der Witz als Kunst- und Unterhaltungsform bis auf weiteres eine Gattung unter Verdacht. (Harry Nutt)

Rubriklistenbild: © Holger John via www.imago-images.de

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