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Sahra Wagenknecht, die über „Die Selbstgerechten“ schreibt.
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Sahra Wagenknecht, die über „Die Selbstgerechten“ schreibt.

Neues Buch von Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht wendet sich in neuem Buch gegen „Lifestyle-Linke“

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Auf der Jagd nach Twitter-Triumphen würden die großen sozialen Fragen verloren gehen, so Wagenknecht in ihrem Buch „Die Selbstgerechten“. Sie wendet sich auch gegen die Fridays-for-Future-Bewegung.

Berlin - Als vor einigen Wochen der gestandene Sozialdemokrat Wolfgang Thierse in die Schusslinie seiner eigenen Parteiführung geriet, weil er es gewagt hatte, nicht nur ihn irritierende kulturelle Positionen und Praktiken, etwa die Verwendung von Gendersternchen in Schriftstücken, infrage zu stellen, wurde deutlich, wie sehr die altehrwürdige SPD ihren inneren Kompass verloren hat. Während Thierse im besten Sinne diskussionsfreudig die Relevanz aktueller gesellschaftlicher Debatten im Sinn hatte, wurde er von Kevin Kühnert und Saskia Esken, ohne ihn eigens zu adressieren, als rückwärtsgewandter Zeitgenosse disqualifiziert, der der Partei bei der dringend benötigten Erschließung neuer Wählergruppen nur im Weg steht.

Thierse hatte an eine gesellschaftliche Vernunft und einen gesunden Menschenverstand appelliert, die in den partikularistisch geführten Debatten um Sprachpolitik, Diversität und Cancel Culture immer öfter unter die Räder kommen, während es den Kombattanten primär darum zu gehen scheint, symbolische Etappensiege davonzutragen.

Sahra Wagenknecht rechnet mit Linken ab

In mancherlei Hinsicht könnte Thierse die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht an seiner Seite wissen, die gerade zu einer Attacke ausgeholt hat gegen immer dominanter werdende Kräfte, die sich als Angehörige einer gesellschaftlichen Linken verstehen, dabei aber doch in Hunderte sektiererische Gruppierungen zerfallen. Auf der Jagd nach schnellen Twitter-Triumphen gehen, so Wagenknechts These, die großen sozialen Fragen verloren. „Auch der einstigen CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer“, schreibt Sahra Wagenknecht, „wurde nichts mehr verübelt als ein misslungener Karnevalsscherz über Unisex-Toiletten.“

Dabei geht es Wagenknecht natürlich kaum darum, Annegret Kramp-Karrenbauer in weiblicher Solidarität auf der Suche nach einem besseren Humor beizustehen. Vielmehr moniert sie, dass die pazifistische Kritik an einer Verteidigungsministerin, die steigende Rüstungsausgaben zu verantworten hat, arglos in der Unisex-Toilette hinuntergespült wird.

Die „Selbstgerechten“, die Sahra Wagenknecht in ihrem locker geschlagenen Essay ins Visier nimmt, entstammen einer sogenannten Lifestyle-Linken, die die soziale Frage aus den Augen verloren hat. „Der typische Lifestyle-Linke wohnt in einer Großstadt oder zumindest einer schicken Unistadt und selten in Orten wie Bitterfeld und Gelsenkirchen. Er studiert oder hat ein abgeschlossenes Universitätsstudium und gute Fremdsprachenkenntnisse, plädiert für eine Post-Wachstums-Ökonomie und achtet auf biologisch einwandfreie Ernährung.“

Das Buch:

Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt. Campus, Frankfurt a. M. 2021. 345 S., 24,95 Euro.

Sahra Wagenknecht skizziert den Typus des Lifestyle-Linken mit groben Strichen, und sie verschmäht kein Klischee, um die Akteure einer neuen politischen Arglosigkeit mit ihren Widersprüchen auf frischer Tat zu ertappen. „Was den Lifestyle-Linken in den Augen vieler Menschen so unsympathisch macht, ist seine offensichtliche Neigung, seine Privilegien für persönliche Tugenden zu halten und seine Weltsicht und Lebensweise zum Inbegriff von Progressivität und Verantwortung zu verklären.“

Sahra Wagenknecht sieht Fridays-for-Future-Bewegung zu weit entfernt von Klassenfragen

Sehr zum Kummer vieler in ihrer Partei rechnet Wagenknecht auch die Fridays-for-Future-Bewegung der Lifestyle-Bewegung zu, da deren moralischer Rigorismus sich im Namen des Klimaschutzes meilenweit von Klassenfragen entfernt hat. Gelebter Klimaschutz ist aus dieser Perspektive etwas, das man sich zunächst einmal leisten können muss.

Sahra Wagenknechts Anliegen, die Verfallsprozesse politischer Orientierung zu benennen und diese auch an engagiert vorgetragenen Haltungen festzumachen, die sich oft auf den Schutz von Minderheiten berufen, verdient andere Reaktionen als nur die der empörten Zurückweisung. Aber leider vermögen ihre Überlegungen nicht jene Klarheit herzustellen wie unlängst die französische Journalistin und Filmemacherin Caroline Fourest in ihrem Buch „Generation Beleidigt“. Ganz zu schweigen von der soziologischen Durchdringung, mit der etwa Andreas Reckwitz in seiner Studie „Das Ende der Illusionen“ die verschiedenen Regime der Kulturalisierung beschreibt, die auch für die Entstehung einer Lifestyle-Linken verantwortlich sein dürften.

Sahra Wagenknecht verkennt Dynamik sozialer Stimmungen

Zweifellos kann man Wagenknecht darin zustimmen, dass es ein langer Weg war von einer traditionellen Linken, die vom Stolz auf ihre proletarische Herkunft geprägt war, zu einem Linksliberalismus, der in Wagenknechts Wahrnehmung vor allem ein Linksillliberalismus ist, dessen Akteure sich auf die Seite der Gewinnerinnen und Gewinner zu schlagen versuchen. In ihrer Fixierung auf eine neoliberale Wirtschaftspolitik, in der sie die Wurzel allen Übels ausmacht, verkennt sie die Dynamik sozialer Stimmungen, die oft auch irrationale Absetzbewegungen aus dem eigenen Milieu hervorruft. Wenn Wagenknecht auf die französische Gelbwestenbewegung nicht ohne eine gewisse Sympathie für deren rebellische Kraft schaut, dann scheint sie auch hier eher auf Kabale in ihrem politischen Umfeld aus zu sein als auf den Erkenntnisgewinn, der aus der Neuformatierung gesellschaftlicher Konstellationen zu gewinnen wäre. Für die Langstrecke ist der Begriff der Lifestyle-Linken nicht wirklich geeignet.

Sahra Wagenknechts Versuch, die akuten demokratischen Gefährdungen nicht allein der neuen Rechten anzulasten, sondern diese auch als einen Ausdruck liberaler Selbstgefährdung zu betrachten, verdient Beachtung insbesondere dort, wo sie darum bemüht ist, die persönlichen Lebensstile als Privatsache zu verteidigen und vor gefräßiger Politisierung zu bewahren. Als Politikerin, die um die Bedeutung rhetorischer Zuspitzungen weiß, steht sie einer gesellschaftspolitischen Analyse im Weg, die einen Begriff von Gemeinsinn, auf den sie zustrebt, auch auszufüllen vermag. (Harry Nutt)

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