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Ruth Weiss: Die Erfahrung, nicht erwünscht zu sein

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Von: Matthias Arning

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Ruth Weiss, Ovid-Preisträgerin.
Ruth Weiss, Ovid-Preisträgerin. © imago stock&people

Die Autorin Ruth Weiss erhält in Frankfurt den Ovid-Preis.

Am Anfang ist es Flucht. Ins Exil Südafrika. 1936, die Nationalsozialisten beherrschen zu Hause das Land. Ihr Vater lebt bereits seit drei Jahren in Johannesburg, Mutter und beide Töchter folgen. Wieder erlebt Ruth Weiss dort, was sie selbst in der fränkischen Kleinstadt nahe Fürth als Mädchen jüdischen Glauben mit ihrer Familie erfahren hat, als sie nicht länger auf ihre Schule gehen konnte. Wieder spürt die Zwölfjährige, dass es Unrecht ist, andere Menschen auszugrenzen: „Wir durften in Südafrika nicht mit schwarzen Kindern spielen.“ Seit dieser Zeit hängen Antisemitismus und Rassismus als Formen des Hasses für Ruth Weiss eng zusammen, nimmt sie nicht hin, „wenn Menschen die Erfahrung machen müssen, nicht erwünscht zu sein“.

Bei jeder Gelegenheit setzte sich Ruth Weiss später gegen Apartheid ein. Für ihr Engagement hat sie am Donnerstagabend in Frankfurt den Ovid-Preis erhalten, verliehen vom PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, der mit der Auszeichnung auch schon Herta Müller und Wolf Biermann ehrte. Überreicht wurde der Preis während der „Tage des Exils“, veranstaltet vom Deutschen Exilarchiv in der Deutschen Nationalbibliothek.

Auch für die FR unterwegs

Ruth Weiss schreibt seit jungen Jahren. Als Journalistin für die Frankfurter Rundschau, deren damaliger Chefredakteur Karl Gerold sie 1962 ausdrücklich unterstützte. Und als Autorin zahlreicher Bücher: In der zeitkritischen Reihe rororo-aktuell veröffentlichte sie Anfang der 80er den Sammelband „Frauen gegen Apartheid“.

In mehreren Bänden erzählte sie zudem die Familiensaga „Die Löws“, die Geschichte einer jüdischen Familie in Deutschland seit dem Dreißigjährigen Krieg bis in die Gegenwart. „Ein großer Wurf“, lobt Publizist Lutz Kliche, ihr Laudator beim Ovid-Preis. Er denke beim Lesen an „Aufklärung mit Gefühlen“.

Das Judentum sei für sie von großer Bedeutung, erzählt die 98-Jährige: Man müsse verstehen, dass „man einer Minderheit angehört“, hebt sie im Gespräch mit Martin Maria Schwarz hervor. Auch die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus spiele für sie „eine große Rolle“, zumal dieses Ressentiment wieder weit verbreitet sei. Nachdem man doch vor zehn Jahren dachte, mit der Generation der Alten werde auch das Vorurteil verschwinden.

Zu ihrer Zeit der Flucht sei die Zahl der Menschen, die Asyl suchten, noch überschaubar gewesen, betont Ruth Weiss. Eine halbe Million jüdischer Menschen versuchten sich damals vor den Nationalsozialisten zu retten. Oft vergebens – da falle ihr, erzählt Ruth Weiss, immer wieder der Religionslehrer in der kleinen fränkischen Ortschaft ein, in der sie damals mit ihrer Familie gelebt habe. Eigentlich hätte er Rabbiner werden wollen. Er „konnte schlachten“, machte das heimlich. Das ahndeten die Nazis und brachten ihn nach Dachau. Er überlebte das KZ nicht.

In der jetzigen Zeit sei die Zahl derer, die Exil suchten, ungleich größer als damals, und Hunderttausende seien auf der Flucht. Für sie, sagt Ruth Weiss, „müssen wir die Festungen öffnen“. Einsicht mit Gefühl.

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