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„Russischsprachige Juden in der deutschen Einwanderungsgesellschaft“: Das neue deutsche Judentum

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Von: Micha Brumlik

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Im Gemeinde- und Begegnungszentrum der orthodoxen Chabad-Gemeinschaft, Hannover.
Im Gemeinde- und Begegnungszentrum der orthodoxen Chabad-Gemeinschaft, Hannover. © Jens Schulze

Karen Körbers und Andreas Gotzmanns umfassende Studie „Lebenswirklichkeiten“.

Das Jahr 2021 war dem Thema „1700 JAHRE jüdisches Leben in Deutschland“ gewidmet. Über diese historische Vergewisserung ist freilich die Gegenwart jüdischen Lebens in Deutschland ins Hintertreffen geraten. Wie war, wie ist es um die heute lebenden Juden und Jüdinnen in Deutschland bestellt? Sind Jüdinnen und Juden noch immer gleichsam lebende Denkmäler des Holocaust?

Indes: bereits 2005, zum Zeitpunkt der Einweihung des Mahnmals an die ermordeten Juden Europas, hatte sich die jüdische Gemeinschaft im inzwischen wiedervereinigten Deutschland stark verändert. Bestand sie in den ersten Jahren der Bundesrepublik zu keiner Zeit aus mehr als 30 000 Personen – zum überwiegenden Teil aus Osteuropa stammenden Holocaustüberlebenden, denen es nicht mehr möglich war, nach dem Krieg das deutsche Territorium zu verlassen, so zählt sie derzeit etwa 250 000 Menschen.

Etwas anders stellt sich im Rückblick die noch kleinere (aus etwa 3000 Personen bestehende) jüdische Gemeinschaft der DDR dar, die zum Teil aus zurückgekehrten jüdischen Kommunisten, aber eben auch aus Überlebenden bestand. Seit dem Ende der DDR und dem Zerfall der Sowjetunion – spätestens seit den frühen 1990er Jahren – vergrößerte und veränderte sich diese jüdische Gemeinschaft Deutschlands durch die Immigration sogenannter „Kontingentflüchtlinge“ erheblich: sie verfünffachte sich und veränderte das Gemeindeleben in vielen Fällen konflikthaft.

Diesem Thema hat die Historikerin Karen Körber – sie forscht am Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden – gemeinsam mit dem Judaisten Andreas Gotzmann nun eine Studie gewidmet, die den Titel „Lebenswirklichkeiten. Russischsprachige Juden in der deutschen Einwanderungsgesellschaft“ trägt und sich im ersten, von Körber verfassten Teil mit unterschiedlichsten Aspekten der Thematik auseinandersetzt. Im zweiten, von Gotzmann verfassten Teil geht es um die Frage, wie es um die religiöse Identität der jüdischen Gemeinden Deutschlands vor und nach der Zuwanderung bestellt ist.

Körber behandelt das Thema in sechs Kapiteln, das erste heißt „Schwierige Heimat Deutschland – Israel, gelobtes Land?“, das zweite geht der Frage jüdischer Selbstbehauptung zwischen Diskriminierung und Antisemitismus nach. Jüdische Identität ist immer auch an kollektive Erinnerungen gebunden, weshalb es um „Umkämpfte Narrative“ beziehungsweise um „plurale Erinnerungsgemeinschaften“ geht. Waren die Juden nur Opfer der Nazis oder – als Mitglieder der Roten Armee – auch Sieger über den Nationalsozialismus?

Das Buch:

Karen Körber, Andreas Gotzmann: Lebenswirklichkeiten. Russischsprachige Juden in der deutschen Einwanderungsgesellschaft. V & R, Göttingen 2022. 278 S., 50 Euro.

Wer zählt dazu?

Da in der ehemaligen Sowjetunion die ethnische Zugehörigkeit „Jude“ – anders als in der religiösen jüdischen Tradition – über den Vater, nicht über die Mutter weitergegeben wurde, verstehen sich viele dieser jüdischen Immigranten als jüdisch, werden aber als solche nicht von den Gemeinden akzeptiert. Das Kapitel „Jüdisch sein – jüdisch werden“ widmet sich der Zugehörigkeitsfrage zwischen ethnischer Herkunft, Kultur und Religion.

Doch ist dies nicht die einzige, unklar gebliebene Identitätsfrage. Zunehmend stellt sich die Problematik nicht nur „vaterjüdischer“ Personen im Allgemeinen, sondern speziell auch die Problematik „vaterjüdischer“ Frauen, der Körber unter der Überschrift „In and out“ ein eigenes Kapitel gewidmet hat. Abschließend behandelt Körber die vor diesem Hintergrund heikle Frage der orthodoxen Einheitsgemeinden – auch unter dem Blick auf globale orthodoxe Gemeinschaften.

Karen Körber erweist sich in allen aufgeführten Punkten als eine allerbestens informierte Beobachterin. Für den Band wurden zudem zahlreiche Gespräche geführt, und nicht nur 267 Personen online befragt, sondern zudem 31 Interviews mit jungen jüdischen Frauen und Männern im ganzen Bundesgebiet geführt. Die Ergebnisse werden im Kapitel „Fazit“ luzide dargestellt. Körber resümiert, dass die „Ankunft der russischsprachigen Jüdinnen und Juden insgesamt zu einer Entwicklung beigetragen [hat], in der die Säkularisierung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gewachsen ist und sich zugleich, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß, ein pluralisiert jüdisch religiöses Feld abzeichnet.“

Vergewisserung und Öffnung

Was nicht zuletzt dazu geführt hat, dass junge Erwachsene aus dieser Immigrantengruppe häufig zusammenkommen, um sich ihres Judentums zu vergewissern sowie Kontakte zu anderen religiösen oder kulturellen Minderheiten zu knüpfen. Eine Tendenz, die sogar dazu geführt hat, dass sich an manchen Orten die orthodoxen Einheitsgemeinden dem geöffnet haben.

Daher: wer sich auch immer – sei es aus theologischen Dialogperspektiven oder immigrationspolitischen Interessen – mit dem in Deutschland existierenden Judentum vertraut machen will, kommt um diese umfassende und erhellende Studie nicht herum.

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