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Russischer Seriendreh „DDR“ – Der Held ist ein junger KGB-Offizier

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Von: Stefan Scholl

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„Fatale Folgen“: Michail Gorbatschow (l.), Erich Honecker.
„Fatale Folgen“: Michail Gorbatschow (l.), Erich Honecker. © dpa

Das russische Staatsfernsehen dreht mit der Serie „DDR“ einen Agentenfilm über das Ende des Sozialismus in Deutschland.

Die Menge war bedrohlich. „Die Wachgruppe musste sogar ihre Waffen demonstrieren.“ Aber Wladimir Putin beruhigte die hitzigen Gemüter. „Ich ging zu den Leuten hinaus, fragte sie, was sie wollten. Sie sagten, sie wollten das Gebäude durchsuchen. Ich antwortete, das Haus gehöre der Sowjetarmee und dürfe gemäß den internationalen Verträgen nicht durchsucht werden.“ So schilderte der spätere russische Präsident dem Moskauer Staatsfernsehen eine dramatische Szene aus seiner Zeit in Dresden, wo Putin während des Mauerfalls als KGB-Offizier diente. Seine glänzenden Deutschkenntnisse erklärte er den Ostdeutschen damit, dass er der Übersetzer der KGB-Vertretung sei.

Wie dramatisch die Situation am 5. Dezember 1989 vor der KGB-Residenz in der Dresdener Angelikastraße wirklich war, dazu gibt es verschiedene Aussagen. Ein Reporter der „Sächsischen Zeitung“ bezweifelte im Gespräch mit dem TV-Kanal Current Time, dass es dort überhaupt einen Menschenauflauf gegeben hat, ein Demonstrant von damals aber sagte der FAZ, ein junger Mann in Zivil, angeblich Putin, habe aus dem Hintergrund gedroht, er werde schießen lassen.

Das Übel der Perestroika

Russlands patriotische Drehbuchautoren scheint die Szene auf jeden Fall inspiriert zu haben. Dort drehen die „Russischen Weltstudios“ im Auftrag des staatlichen Fernsehsenders NTW zurzeit die Fernsehserie „DDR“: Ihr Held ist der junge KGB-Offizier Alexander Netschajew. Er dient 1989 im schon brodelnden Ostberlin, während das SED-Regime ins Wackeln gerät und die westlichen Geheimdienste eine Großoperation starten, um an das Archiv des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, kurz Stasi, zu gelangen. „Ihr Ziel sind die Stasi-Dokumente mit Dossiers über internationale Staatsmänner, Daten über das Agentennetz und anderen Geheimnissen, die entscheidenden Einfluss auf Europa und die Weltpolitik insgesamt haben und das Schicksal von Hunderttausenden Leuten zerstören können“, heißt es in einer Presseerklärung.

Es klingt nach einem Projekt mit monumentalem Anspruch. Unter den handelnden Figuren sind außer Agenten der Stasi, des KGB und der westlichen Geheimdienste sowie allerlei Bühnenkünstlern auch führende Politiker der DDR und der Sowjetunion, etwa der letzte Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow. In seinem Ehrgeiz, zum politischen Weltstar zu werden, ist er bereit, dem Westen jedes Zugeständnis zu machen. Doch die Perestroika, die er sich ausgedacht hat, zieht fatale und endgültige Folgen nach sich ...

Das Sujet erinnert an den berühmten sowjetischen Agentenfilm „17 Momente des Frühlings“, der ebenfalls in Berlin spielt. Auch in dem Kultstreifen von 1973 treffen fiktive auf historische Figuren. Der Held, der sowjetische Superagent Maxim Issajew, ist als Standartenführer Max von Stierlitz ins Reichssicherheitshauptamt vorgedrungen und spielt dort im Frühjahr 1945 die auf einen Separatfrieden mit den Westmächten spekulierenden Nazigrößen gegeneinander aus. Sein Erbe Netschajew gerät 1989/90 in offenbar noch wildere Intrigen. Im Gegensatz zu Stierlitz weiß er am Ende nicht einmal mehr, wer Freund und wer Verräter ist, aber auch er verteidigt weiter unerschrocken die Ehre und die Interessen des Vaterlandes. Und man kann davon ausgehen, dass er dabei nicht schlechter Deutsch spricht als Stierlitz oder Putin.

Die antiwestliche Perspektive

„Wir wollen, dass dieser Film dem heutigen Zuschauer die Möglichkeit gibt, die Ereignisse neu zu betrachten, die nicht nur das Schicksal der DDR, sondern ganz Europas verändert haben“, erklärt der Regisseur Sergei Popow. Selbst jetzt, viele Jahre später, wirke sich der Fall der Mauer weiter auf jeden Bürger Russlands aus. „Für mich ist das nicht einfach ein Agentenkrimi, es ist der Blick in die Zukunft durch unsere Vergangenheit.“ Es dürfte auch ein Blick aus Putins antiwestlicher Perspektive sein.

Die Premiere ist für den kommenden Herbst geplant, die Dreharbeiten begannen am 7. Oktober. An diesem Tag wurde 1949 die DDR offiziell gegründet. Und zufällig kam am gleichen Tag drei Jahre später Wladimir Putin zur Welt. Die Macher der TV-Serie lassen von Anfang an keinen Zweifel daran, welche historischen Daten ihnen wichtig sind.

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