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Rosa Luxemburg im Jahr 1914 in Berlin.
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Rosa Luxemburg im Jahr 1914 in Berlin.

150. Geburtstag

„Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause“

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Am 5. März vor 150 Jahren wurde Rosa Luxemburg geboren.

Am Abend des 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zusammengeschlagen und schwer verletzt und anschließend nacheinander erschossen. Die Mörder, Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, die im Berliner Hotel Eden, am Kurfürstendamm, heute Budapester Straße 35, Quartier bezogen hatten, lieferten Liebknecht als von ihnen gefundene „unbekannte Leiche“ in der dem Hotel gegenüberliegenden Rettungswache ab. Danach packten sie die bewusstlose Rosa Luxemburg in ein Auto. Darin wurde sie erschossen. Der Wagen fuhr weiter. Von der Lichtensteinbrücke wurde die Leiche Rosa Luxemburgs in den Landwehrkanal geworfen.

Zehn Jahre später schrieb die „Berliner Volkszeitung“: „Es war jenes System Noske, das die Freiheit der jungen Republik mit den Landsknechten der alten Armee verteidigen wollte. Ein entsetzlicher Irrtum! Denn Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren zwar die Ersten, die von jenen Gewaltmenschen gemordet wurden, aber nicht die Einzigen.“

Der einstige Geliebte von Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, veröffentlichte am 12. Februar 1919 einen ausführlichen Artikel in der „Roten Fahne“, in der Tathergang und Täter ebenso akribisch wie die Vertuschungsversuche seitens der offiziellen Stellen beschrieben wurden. Am 10. März wurde auch Jogiches erschossen. Der Heidelberger Sozialdemokrat Julius Gumbel erforschte damals die politischen Morde in Deutschland. Er kam auf folgende Zahlen: Von 1918 bis 1922 ermordete die Linke 22 Menschen. Es kam zu 38 Verurteilungen, darunter zehn Verhaftungen. Die Rechte verübte im selben Zeitraum 354 Morde. Es kam zu 24 Verurteilungen. In 23 Fällen sprachen die Gerichte die geständigen Täter frei.

Rosa Luxemburg wurde am 5. März 1871 in Zamosc geboren. Die Stadt wurde nach Jan Zamoyski (1542–1605) benannt, einem polnischen Magnaten, der in Padua studiert hatte und sich einen Architekten aus Venedig holte, der ihm in die polnische Landschaft eine Idealstadt vom Reißbrett bauen sollte. 1576 wurde damit begonnen. Rosa Luxemburg wurde in eine der in Stein gehauenen Utopien des 16. Jahrhunderts hineingeboren. Die heutige Altstadt gehört seit 1992 zum Weltkulturerbe der Unesco.

Sie bewegte sich in den Gegensätzen von Reform und Revolution, von Massen und Partei, von Mittel und Ziel. Diese Begriffe waren die magnetischen Felder, die ihr Leben und Denken bestimmten. In ihnen entfaltete sie sich.

Arno Widmann

Was 1871 noch stand aus der Zeit um 1600, weiß ich nicht. Aber angesichts der großen Auseinandersetzungen, die Rosa Luxemburg mit der Vorstellung hatte, die Revolution sei etwas, das den Massen von einem Zentralkomitee nahegebracht werden müsse, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, daran zu erinnern, dass sie in einer Utopie aufwuchs, die den Bürgern aus dem 1400 Kilometer entfernten Padua hingestellt wurde, und in der sie sich nolens volens einzuleben hatten.

Aber das ist meinerseits ein wenig irre, denn Rosa Luxemburg wuchs nicht auf in Zamosc. Als sie kaum älter als zwei Jahre war, zog die Familie um nach Warschau. Die Renaissance-Altstadt von Zamosc wird ihr kaum als warnendes Menetekel für eine von oben aufgedrückte Utopie vor Augen gestanden haben.

Aber das war die politische Grundhaltung Rosa Luxemburgs ihr ganzes politisches Leben lang. Sie bewegte sich – wie fast alle Radikalen zwischen 1848 und 1918 – in den Gegensätzen von Reform und Revolution, von Massen und Partei, von Mittel und Ziel. Diese Begriffe, diese Realitäten waren die magnetischen Felder, die ihr Leben und Denken bestimmten. In ihnen entfaltete sie sich.

Wann immer es ernst wurde, bezog sie Stellung gegen die Vorstellung, eine Elite könne die Revolution machen. Die war nur zu haben als Errungenschaft der in den Auseinandersetzungen selbstbewusst gewordenen Massen.

Es gibt zwei kleine Bücher, mit denen sich Rosa Luxemburg in die Weltliteratur eingeschrieben hat. Das eine sind ihre „Briefe aus dem Gefängnis“, das andere „Entwurf zu den ‚Junius‘-Thesen“ aus dem Jahre 1916. Im Dezember 1917 schreibt sie aus dem Gefängnis in Breslau: „Wie merkwürdig das ist, dass ich ständig in einem freudigen Rausch lebe – ohne jeden besonderen Grund (...). Ich lächle im Dunkeln dem Leben zu, wie wenn ich irgendein zauberhaftes Geheimnis wüsste (...). Ich glaube, das Geheimnis ist nichts anderes, als das Leben selbst (...).“ Nicht die Revolution, nicht die Möglichkeit, Schluss zu machen mit Unterdrückung und Ausbeutung.

Am 12. Mai schreibt sie – immer noch aus dem Gefängnis: „So bin ich aus meiner Zelle nach allen Seiten durch unmittelbare, feine Fäden in tausend kleine und große Kreaturen geknüpft.“ Sie ist es durch die Zellen ihres Körpers. Das wusste sie nicht, aber sie spürte es. Dass sie sich diesem Gespür überließ, dass sie den Mut hatte, das mitzuteilen, macht ihre „Briefe aus dem Gefängnis“ zu einem Stück materialistischer Mystik, zu einem der erstaunlichsten Texte der Weltliteratur.

Die Junius-Thesen stellen fest: „Der Weltkrieg hat die Resultate der vierzigjährigen Arbeit des europäischen Sozialismus zunichte gemacht.“ Er wurde nicht von außen durch eine größere Macht zerstört, sondern hat sich selbst „gesprengt“. Die Hauptaufgabe in dieser Situation ist: „das Proletariat aller Länder zu einer lebendigen revolutionären Macht zusammenzufassen, es durch eine starke internationale Organisation mit einheitlicher Auffassung seiner Interessen und Aufgaben, mit einheitlicher Taktik und politischer Aktionsfähigkeit im Frieden wie im Kriege zu dem entscheidenden Faktor des politischen Lebens zu machen, zu dessen Rolle es durch die Geschichte berufen ist“.

Da hat man die ganze Rosa Luxemburg: ihren scharfen Blick auf die Welt, wie sie ist, und ihre Unfähigkeit, das zur Grundlage ihres politischen Handelns zu machen. Stattdessen hält sie fest, woran sie scheiterte. Nur diesmal soll es besser gemacht werden. Es hätte etwas Rührendes, wenn es nicht so selbstzerstörerisch wäre. Aber gerade darum sind die Junius-Thesen so wichtig. Sie zeigen jemanden, der tut, als hielte er etwas fest, das ihm – wie er doch gerade selbst gesagt hat – längst aus der Hand geschlagen wurde. Ein tragischer Text.

Die Massen, auf die sie setzte, verfügen heute über mehr Möglichkeiten, die Welt zu begreifen, als jemals zuvor. Sie kennen ihre Lage besser denn je, aber sie wissen damit nicht mehr anzufangen als Rosa Luxemburg mit all ihrem Wissen.

Arno Widmann

Im „Lob der Dialektik“ schrieb Bertolt Brecht 1934: „Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“ Die Antwort darauf lieferte er selbst in der nächsten Zeile: „Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen.“ Das ist der Irrtum. Jedes Heute hat seine eigenen Aufgaben und seine eigenen Protagonisten. Die Besiegten sind besiegt. Es gibt so wenig ein Morgen, in dem sie zu Siegern werden wie ein Jenseits, das sie ins Paradies führt.

Das Proletariat von dem Rosa Luxemburg sprach und auf das sie setzte zur Erlösung der Menschheit, hat es nie gegeben. Sie war dem Marxismus in die Falle gegangen, der auf eine Revanche für 1848 gesetzt hatte. Wie schon die Bauern 1525 – ein halbes Jahrhundert vor dem Bau von Zamosc – gesungen hatten: „Geschlagen ziehen wir nach Haus, heia oho!/ Unsre Enkel fechtens besser aus. Heia oho!“

Rozalia Luxenburg nannte sich später Rosa Luxemburg. Ihre Familie war Ende des 18. Jahrhunderts aus Frankfurt am Main nach Polen gegangen. Es gibt eine lange Reihe jüdischer Gelehrter unter ihren Vorfahren. Sie erwähnte sie niemals. Sie hasste Antisemitismus, aber sie schrieb auch: „Was willst Du mit den speziellen Judenschmerzen? Mir sind die armen Opfer der Gummiplantagen in Putumayo, die Neger in Afrika, mit deren Körper die Europäer Fangball spielen, ebenso nahe.“ Oder: „Ich habe keinen Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto. Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.“

Vielleicht gehört es zum Unglück der Rosa Luxemburg, dass sie, statt das ernst zu nehmen, sich stürzte auf den Revisionismusstreit und die Massenstreikdebatte. Auf jeden Fall ist es unser Unglück. Ihre verführerische Intelligenz, die Schärfe ihres Verstandes, lockt immer wieder neue Generationen in immer entferntere Jagdgründe der Vergangenheit.

Die Massen, auf die sie setzte, ohne deren bewusste Beteiligung sie sich keine Revolution vorstellen mochte, verfügen heute über so viele Möglichkeiten, die Welt zu begreifen, wie niemals zuvor, sie kennen ihre Lage besser denn je, aber sie wissen damit nicht mehr anzufangen als Rosa Luxemburg mit all ihrem Wissen. Ein wohlhabender Freund vermachte Rosa Luxemburg in seinem Testament 50 000 Mark. „Allerdings mit der Maßgabe, dass der Betrag ihr nicht ausgezahlt, sondern für sie angelegt werden sollte, ‚da meine ausgezeichnete Freundin in der Privatökonomie vielleicht keine ganz so geniale Meisterin ist wie in der Nationalökonomie.‘“ Dieses Zitat habe ich, wie so vieles in diesem Text, aus Ernst Pipers großartigem Buch „Rosa Luxemburg – Ein Leben“, erschienen 2018 im Karl Blessing Verlag (832 Seiten, 32 Euro).

Die harten Auseinandersetzungen, die Rosa Luxemburg ihr Leben lang führte, fanden unter Freunden statt. Sie hatte – ich bin versucht zu sagen: außerhalb des Gefängnisses – keinen Rückzugsort. Mit den besten Freunden, dem Ehepaar Kautsky, zerstritt sie sich in der Auseinandersetzung über die Rolle der Massenstreiks und mit dem einstigen Lebenspartner Leo Jogiches musste sie – musste sie wirklich? – auch in den schlimmsten privaten Situationen weiter politisch zusammenarbeiten. Jogiches weigerte sich, „ihr seine Schlüssel auszuhändigen, tauchte tags wie nachts unvermittelt in der Wohnung auf, verabredete sich dort mit anderen Leuten, öffnete ihre Post, verbot ihr zu verreisen und drohte immer wieder damit, sie totzuschlagen oder zu erschießen, wahlweise auch, erst ihren Liebhaber und dann sich selbst zu erschießen. Zeitweise kam es zu der grotesken Situation, dass er einen Revolver bei sich führte und Luxemburg, um sich gegebenenfalls wehren zu können, ebenfalls eine Schusswaffe mitnahm ... .”

So sah das Leben aus, während auf dem Papier über „Sozialismus oder Barbarei“, über „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ nachgedacht wurde. Sie fühlte sich in der ganzen Welt zu Hause. Also nirgends. Die Utopie war eine. Es gab keinen Ort für sie im Leben der Rosa Luxemburg.

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