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Stopp der männlichen Form?
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Stopp der männlichen Form?

Gendern

Römerberggespräche in Frankfurt zum Gendern und zur Sprache: Abrüsten und sich locker machen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Die 50. Römerberggespräche beschäftigen sich mit „Sprache. Macht. Gerechtigkeit“.

Wenn es doch nur 0,2 bis 0,45 Sekunden sind: hr-Literaturredakteur Alf Mentzer hatte seine Gendersternchen-Sprechpausen messen lassen und fand sie nicht der Rede wert – also nicht der Aufregung vieler Hörerinnen und Hörer, die sich beim Sender melden, sobald das Binnen-I oder Gendersternchen durch eine Zehntelsekunden-Pause gekennzeichnet wird. Doch Aufregung gibt es seit einigen Jahren schon – und sie ebbt noch keineswegs ab –, Aufregung und Streit um den „richtigen“ Gebrauch von Sprache, um gewisse verletzende Wörter, um Inklusion und sprachliche Sichtbarkeit. So dass die Frankfurter Römerberggespräche sich in ihrer Jubiläums-, in ihrer 50. Ausgabe in Vorträgen und Podiumsrunden im Chagallsaal des Schauspiels mit „Sprache. Macht. Gerechtigkeit“ auseinandersetzten und fragten: „Wer darf wie reden?“ Neben Alf Mentzer moderierte die Journalistin Hadija Haruna-Oelker.

Aladin El-Mafaalani, Soziologe und Autor, thematisierte als Eröffnungsredner auch gleich eine andere Form von Inklusion, die bei den folgenden Vortragenden aber eher keine Rolle mehr spielte: die Verständlichkeit, die Bildhaftigkeit zwecks einer Mitnahme der Zuhörenden. Einen Tisch bat er diese sich nämlich vorzustellen, außerdem eine Menge auf dem Boden Sitzender. Sei der Tisch lange Zeit fast ausschließlich mit älteren Männern besetzt gewesen, so schafften es in den letzten Jahren mehr und mehr Menschen, sich daran zu platzieren. Dort könne man sie nun auch meckern hören, dort würden sogar Fragen gestellt wie: ob das auf dem Tisch überhaupt der richtige Kuchen sei. Ob man ein „Leitrezept“ brauche, ob es nicht besser sei, mehrere Kuchen zu haben. Dieser Streit, so der durchaus optimistische El-Mafaalani, entstehe „aus guten Gründen“ und müsse angenommen werden. Auch wenn das, wie er zugab, für alle Stress bedeute, ganz besonders aber für jene, die auf dem Boden sitzen und zusätzlich einer Minderheit angehören.

„Wir werden noch Jahre und Jahrzehnte Spaß haben“, prophezeite El-Mafaalani mit Ironie, aber er schien den Zuhörenden doch auch zu raten, sich ein wenig locker zu machen in Sachen Sprachgebrauch. Dies tat auch die an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrende Soziologieprofessorin Paula-Irene Villa Braslavsky. Indem sie zwar einerseits eine „ethische Verpflichtung“ ausmachte, einander so gut wie möglich zuzuhören. Indem sie aber auch die Unkontrollierbarkeit von Sprache betonte, die Kluft zwischen Sprache und ihren Wirkungen, die eigene Logik jeder Auseinandersetzung. Mit einem schönen Bild riet sie zu mehr Entspanntheit: Man solle „die Sprache atmen lassen“.

Bei Villa Braslavsky tauchte dann auch schon ein anderes Reizwort dieser Debatte auf: Identität. Einen fatalen „positionalen Fundamentalismus“ machte sie bei vielen der Sprach-Streitenden aus, eine „ungeheure Aufmerksamkeit für Differenzen“, zudem eine Kulturalisierung dieser Differenzen (da betrat sie kurz einen weiteren aktuellen Kampfplatz, die sogenannte kulturelle Aneignung). „Aber Menschen sind nie nur eins.“ Auch sie plädierte für mehr Gelassenheit.

Dies noch einmal aus dem Saal anlässlich eines Podiums mit dem Politikwissenschaftler und FAZ-Autor Peter Graf von Kielmansegg, dem Journalisten Thomas Thiel sowie Henning Lobin, Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache. Da stieg erstmals der Grad der Erregung, wenn nicht Empörung, indem Thiel, bei der FAZ für den Bereich Lehre zuständig, an Universitäten bereits den Zwang zum Gendern ausgemacht haben wollte, so man nicht eine schlechtere Bewertung riskieren wollte. Auch Lobin forderte ihn auf, das zu belegen.

Eigentlich ging es bei diesem Podium aber um das sogenannte Framing und „Wie mit Sprache Politik gemacht wird“. Es war Kielmansegg, der als Grund für die Heftigkeit der Sprach-Auseinandersetzungen der letzten Jahre, für eine insgesamt gestiegene Empfindlichkeit eine „politisch gesteuerte Sprachveränderung“ ausmachte – oder jedenfalls den Eindruck bei Bürgerinnen und Bürgern, dass die Politik einzugreifen, Sprache mehr und mehr zu instrumentalisieren versuche. Dabei sei „Sprache das Fundament eines demkoratischen Gemeinwesens“, sei „das miteinander Sprechen das Gegenteil von Gewalt“. Aus seinem Mund fiel dann noch einer der großen Reizsätze auf dem Kampfplatz: Jeder sei heute „unsicher, was er sagen kann“.

Das wollte unter anderen Gudrun Perko nicht so stehen lassen, Professorin für Sozialwissenschaften an der FH Potsdam mit den Schwerpunkten Gender und Diversity. Ja, Sprache habe immer eine Wirkung, sei eine Form von Handlung, doch sei nicht alles, was verletzend ist, auch diskriminierend (sie brachte das Beispiel von Affenlauten gegenüber einem Schwarzen oder Weißen; bei ersterem rufe man alte rassistische Diskriminierungen wieder auf). Sie betonte, dass eigentlich alle in diesem Sprachenstreit viel mehr wüssten, als sie eingestehen würden. Dass den meisten klar sei, dass sie ganz viel sagen dürften, es aber auf den Kontext ankomme.

Und, könnte man hinzufügen, auf die Bereitschaft, den anderen oder die andere zu Wort kommen zu lassen. Es war der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, der sich so vehement fürs konsequente Gendern in die Bresche warf, dass weder seine Kontrahentin Nele Pollatschek, noch das Publikum einen fairen Sprech-Anteil erhielten. Dabei hätte jedenfalls die Berichterstatterin gern mehr gehört zu Pollatscheks Einwänden, zum einen in Hinblick auf die literarische Handhabbarkeit des Genderns, zum andern auf die Notwendigkeit neutraler Bezeichnungen, die eben das Geschlecht einer Person nicht enthüllen, so lange es die Person nicht möchte. Pollatschek schwärmte von den Möglichkeiten des Englischen und möchte sich lieber als Schriftsteller bezeichnen lassen.

Es war an Sasha Marianna Salzmann (non-binär), die Erregungstemperatur wieder zu senken mit einem berührenden Text, der von eigener russisch-deutscher Spracherlernung und -erfahrung erzählte, vom Problem, das Gendern ästhetisch hinzubekommen – „eine Generationsfrage, by the way“. Eine Publikums-Meldung zielte auf die etwas unerklärliche Vehemenz des Streits um Sprache; Salzmann versuchte sie so zu erklären, dass ältere Menschen, die zum Beispiel schon sechzig Jahre anders sprächen, nun das Gefühl hätten, man werfe „ihnen ihr Leben vor“.

„Der Ton macht die Musik“ war außerdem ein Salzmann-Satz in diesem Zusammenhang. Das klingt banal, trifft aber im Sprachen-Streit gleichsam doppelt zu, der zwar im Umfeld einer Veranstaltung wie den Römerberggesprächen zum weitgehend freundlichen Austausch werden kann, „draußen“ aber nicht. Wörter wie „Genderwahn“ oder „Sprachdiktatur“ wurden im Chagallsaal nur zitiert, anderswo sind sie Waffen, die verletzen sollen.

Mit historisch verankerter Gelassenheit fasste schließlich der an der Goethe-Uni lehrende Philosoph Martin Seel den Tag zusammen, mahnte auch sprachliche „Gewaltenteilung“ an, erinnerte mit Herder: „der Sprachgebrauch herrscht und ist schwer zu bändigen“, fand, Sprache müsse in Bewegung bleiben und „die Gemeinten (sollen) sich als gemeint erfahren können“. Es schloss sich hier auch der Kreis zu Aladin El-Mafaalani, wie dieser wollte Seel die „Dynamik“ der Diskussion nicht gebremst und domestiziert sehen, vielmehr „Prägungen“ mit der Zeit durchaus umgeprägt.

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