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Roberto Saviano: Mafia-Gegner versus Regierungschefin

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Von: Arno Widmann

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Autor Roberto Saviano verlässt das Gericht.
Autor Roberto Saviano verlässt das Gericht. © afp

Saviano steht wegen Meloni vor Gericht.

Seit Dienstag steht der italienische Schriftsteller und Mafia-Kritiker Roberto Saviano (43) in Rom vor Gericht. Den Prozess angestrengt hatte vor knapp zwei Jahren – die Mühlen der Justiz! – die jetzige Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (Fratelli d’Italia), nachdem Saviano sie und den früheren Innenminister Matteo Salvini (Lega), in einer Talkshow mehrmals als Bastarde bezeichnet hatte. Es ging um deren Haltung zu den Flüchtlingen. Sie setzte auf deren Tod im Mittelmeer.

Beide waren 2020 in der Opposition. Heute ist es der Prozess der Regierungschefin gegen einen oppositionellen Schriftsteller.

„Bastardo“ ist ein in Italien sehr häufiges Schimpfwort. Ein Ausdruck der Verachtung. Es gibt kaum eine Auseinandersetzung, in der es nicht einmal fällt. So gesehen wäre die korrekte deutsche Übersetzung vielleicht „Arschloch“. Ich bin sicher, dass auch die beiden, die Saviano so bezeichnete, das inkriminierte Wort schon öfter benutzt haben. Vielleicht nicht in einer Talkshow. Aber auch nicht nur heimlich geflüstert. Italienische Kollegen und Kolleginnen sollten sich mal die Wahlveranstaltungen von Giorgia Meloni ansehen. Sicher würden sie fündig. Aber wo kein Kläger, ist kein Richter.

Im Falle eines Schuldspruchs drohen Saviano sechs Monate bis drei Jahre Haft.

Noch ein Wort für die Fratelli

Zwei Dinge sollte man auf jeden Fall beachten. Der erste Prozess, den die neue Ministerpräsidentin führt, richtet sich gegen einen der wichtigsten Kämpfer gegen die Mafia, gegen das organisierte Verbrechen. Als „postfaschistisch“ werden die „Fratelli d’Italia“ – so heißt übrigens die italienische Nationalhymne – oft bezeichnet. Sie werden gerne auch „rechtsradikal“, „rechtsextrem“ oder „rechtspopulistisch“ genannt. Diese Bezeichnungen scheinen mir sinnvoller. Das „postfaschistisch“ füttert die völlig falsche Vorstellung, man habe es mit etwas zu tun, das im Kern der Vergangenheit angehört. Der von Meloni betriebene Prozess fügt diesen Bezeichnungen die der Mafia-Komplizen (und -Komplizinnen) hinzu.

Man darf nämlich eines nicht vergessen. Die Mafia – ich bediene mich dieses im Deutschen üblichen Sammelbegriffs für das organisierte Verbrechen – hat vor vielen Jahren einen Todesbefehl gegen Saviano herausgegeben. Vergleichbar mit der Fatwa gegen Salman Rushdie. So wie niemals jemand den Todesbefehl gegen den Schriftsteller widerrufen hat, so ist auch die Todesdrohung gegen Saviano niemals zurückgezogen worden.

Er ist Freiwild. Die Einheit und die Liebe, von denen die Hymne spricht, umschließt nicht Saviano. Er wird ausgestoßen. Die italienische Ministerpräsidentin, die Mafia-Komplizin, hat mit diesem scheinbar harmlosen Beleidigungsprozess die Jagdsaison gegen Roberto Saviano eröffnet.

Für den September 2023 kündigt der Cross Cult Verlag Savianos neuestes Buch an (an dem auch der Zeichner Asaf Hanuka mitarbeitet), eine Graphic Novel bzw. Autobiografie in Bildern mit dem Titel: „I’m still alive: Im Fadenkreuz der Mafia“. Mir macht das Angst.

In seinem jüngsten Buch, „Aufschrei“ (Hanser, 412 S., 27 Euro), erzählt Saviano 30 Geschichten über die Macht von Zivilcourage, u. a. geht es um Edward Snowden und Jamal Khashoggi.

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