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Fußspuren in winterlicher Landschaft
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„Wer sich einschneien ließe und im Schnee begraben läge und sanft verendete …“

Todesarten 3

Robert Walsers lautloses Verschwinden - „Eine Schneeflocke flog mir auf den Mund“

  • VonUlrich Rüdenauer
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Sich friedlich im Bett liegend von der Welt zu verabschieden – das ist nicht jedem vergönnt.

Es ist eine geheimnisvolle, fast mystische Szene etwa in der Mitte von Robert Walsers Roman „Geschwister Tanner“. Simon, der Held des Buches und ein Wiedergänger Walsers, macht sich zu einer Anhöhe auf. Es ist kalt. Der Schnee knirscht unter den Schritten, und unter seiner Last hängen die Äste der Tannen zur Erde hinab. Simon hat erst die Hälfte seines Wegs zurückgelegt, da sieht er einen Mann im Schnee liegen. Noch ist es hell genug im Wald, um den Umriss gut zu erkennen, den Hut, der wie bei einem Schlafenden, der sich vor der Sonne zu schützen sucht, quer über dem Gesicht liegt. „Simon zog den Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah schrecklich aus, und jetzt erkannte er auf einmal das Gesicht, es war Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das waren Sebastians Züge, das war sein Mund, sein Bart, seine etwas breite, gedrückte Nase, seine Augenbildungen, seine Stirn und seine Haare. Und er war hier erfroren, ohne Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am Wege.“

In der Rocktasche des Toten findet Simon ein dünnes Heft, es scheint Gedichte zu enthalten. „‘Ich habe keine Zeit,‘ sagte Simon still vor sich, ‚ich muß mich beeilen, daß ich die nächste Stadt noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit verspüren, noch etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von Toten zu verweilen, der ein Dichter und Schwärmer war. Wie nobel er sich sein Grab ausgesucht hat. Mitten unter herrlichen, grünen, mit Schnee bedeckten Tannen liegt er. Ich will niemanden davon Anzeige erstatten. Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die Sterne singen leise ihm zu Häupten, und die Nachtvögel schnarren, das ist die beste Musik für einen, der kein Gehör und kein Gefühl mehr hat.‘“

1907 waren die „Geschwister Tanner“ im Verlag Bruno Cassirer in Berlin erschienen. Robert Walser war damals noch keine 30 Jahre alt. Knapp ein halbes Jahrhundert später ergeht es dem Dichter so wie Sebastian im Roman: Walser verlässt am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1956 nach einem üppigen Mittagessen die Heilanstalt Herisau, um sich auf eine Schneewanderung zu begeben. Schneelandschaften hatten ihn immer angezogen, in seinen Texten hat er sie oft beschrieben oder besser heraufbeschworen – das „Kindliche“ daran, „das feine saubere Weiß“, die „süße reizvolle Unschuld“. Robert Walsers Schneeminiaturen sind von einer betörenden Leichtigkeit, ein bisschen wie seine „Mikrogramme“ – behutsam und mikroskopisch klein in eine weiße Landschaft gespurte Bleistiftskizzen. „Wer sich einschneien ließe und im Schnee begraben läge und sanft verendete …“, schrieb er einmal. Und ein andermal: „Eine Schneeflocke flog mir auf den Mund, als fliege mir ein Kuss zu.“

In Hochstimmung geht er über Herisau hinaus, lässt Wohnhäuser, die Kirche, den Bahnhof unter sich zurück. Er steigt zur Wachtenegg hinauf, der westlichen Kuppe des Rosenbergs, nimmt dann einen steil in eine Mulde führenden Fußweg. Es ist etwa halb zwei, als er von einem Herzschlag getroffen wird. Zwei Bauernjungen finden ihn im Schnee. Sie holen die Polizei, ein gewisser Dr. Schweizer und der Untersuchungsrichter Kurt Giezendanner begutachten den Leichnam. Der Hut liegt etwas oberhalb des Kopfes, der Kopf ist leicht zur Seite geneigt. Vier Fotos gibt es vom toten Walser, der sich als Lebender nur ungern und selten hat fotografieren lassen. Die Bilder stammen von der Polizei – als man eintrifft, ist ja unklar, ob der Tote vielleicht einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen ist. Der langgestreckte Walser in einer weißen Landschaft, Fußspuren, die auf ihn zuführen – es gibt in der Literaturgeschichte wenige Bilder, die ikonischer wären. Und selten scheint ein Tod auf bezeichnendere Weise mit dem Werk eines Autors zu verschmelzen. „Es ist so merkwürdig“, sagte Walsers Biograf Bernhard Echte einmal, „dass sich da sein Schicksal auf eine Art erfüllt hat, wie er es selber in seinem schriftstellerischen Werk vorweggenommen hat.“ Walser wird durch seinen Tod zu einem Romanhelden, zu einer Figur, die auf dem weißen Blatt Papier – dem Schnee – ihre Zeichen hinterlässt, die entziffert und gelesen werden wollen. In der Stille der Schneelandschaft hallt dieser Tod umso stärker nach; das Nebensächliche gewinnt im weißen Nichts Bedeutung. „Eine prachtvolle Ruhe“, heißt es in den „Geschwistern Tanner“, „dieses Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im Schnee. Das ist das beste, was du tun konntest.“

Ich wünsche also unbeachtet zu sein“

„I bi gärn elei“ – als er dies im heimischen Bernerdeutsch notiert, ist Robert Walser Anfang 20. Es ist das einzige Mal, dass der 1878 in Biel geborene Dichter auf das heimische Idiom zurückgreift, wenngleich die Melodie der Muttersprache seine Texte beherrscht. „Do chöme eim d’Gedanke“: Das Denken Robert Walsers findet in der Poesie statt. „Ich wünsche also unbeachtet zu sein“, schreibt er in dem Prosastück „Walser über Walser“. „Sollte man mich trotzdem beachten wollen, so werde ich meinerseits die Achthabenden nicht beachten.“ Wie kaum ein anderes Werk der klassischen Moderne ist es von feinem Witz durchzogen, durchwirkt von Melancholie, Versponnenheit und Beobachtungslust. Er erträumt sich in seinen Texten ein Poetenleben – mehr wohl, als er es führt.

Seine Karriere beginnt gleich verheißungsvoll: Im Jahr 1898 druckt der einflussreiche Kritiker Joseph Widmann in der Berner Zeitung Der Bund Gedichte des Bankkaufmannlehrlings. Franz Blei wird auf das Talent aufmerksam und führt Walser ein in den Kreis um die Zeitschrift Die Insel. Er vagabundiert in den nächsten Jahren rastlos umher, lebt in Zürich und München, die angemieteten Zimmer und Wohnsitze wechseln ständig, in Thurn, Solothurn, Winterthur, Biel und an anderen Orten macht er Station, und ähnlich unstet ist auch seine berufliche Ausrichtung. In den „Geschwistern Tanner“ lässt er Simon Tanner sagen (und Walser hätte es auch über sich selbst sagen können): „Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin, bald weitergegangen, weil es mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte versauern zu lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben (…). Gejagt hat man mich bis jetzt noch nirgends, ich bin immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus Stellungen und Ämtern heraus.“ 1905 zieht er seinem Bruder Karl nach Berlin hinterher: Karl Walser ist Maler und bereits etabliert. Robert arbeitet zunächst als Sekretär der „Berliner Sezession“, dann besucht er eine Dienerschule und tritt eine Stelle auf Schloss Dambrau in Oberschlesien an. Aber der notorisch von Geldsorgen geplagte Autor reüssiert tatsächlich im Literaturbetrieb, Bruno Cassirer wird zu seinem Verleger. Es ist eine für Robert Walser höchst produktive Zeit. Ob es auch eine glückliche war? Das Glück jedenfalls sei kein guter Stoff für Dichter, vertraute Walser einmal seinem Freund und späteren Vormund Carl Seelig an. Der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer äußerte die Vermutung, dass Walsers Werk ein Strom von „Wach-Phantasien“ ist, „deren beständiger Druck für den Autor selbst eher beunruhigend als beglückend gewesen sein muß“. Denken sei für ihn ein Zwang gewesen, damit zusammenhängend das Schreiben. „Alles in allem dachte er nicht“, schreibt Widmer treffend, „sondern er wurde gedacht.“

Das Schreiben ein Strom

Das Schreiben war wie ein Strom, von dem Walser fortgetragen wurde; ein Rettungsboot gab es nicht. Überarbeitet wurde kaum eine einmal notierte Zeile. Was ihm gelungen schien, wanderte zu den Zeitungen oder in ein Buch; alles andere warf er weg. Drei Romane entstanden in dichter Folge zwischen 1906 und 1909 – „Geschwister Tanner“, „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“ – sowie viele kleine Prosastücke, die in Sammlungen veröffentlicht werden. Das bekannteste trägt den Titel „Der Spaziergang“, und darin stehen Sätze, die fast wie eine Poetik klingen: „Spazieren muß ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.“ „Höchst liebevoll und aufmerksam“ müsse der Spaziergänger „jedes kleinste lebendige Ding“ betrachten. „Die höchsten und niedrigsten, die ernstesten und lustigsten Dinge sind ihm gleicherweise lieb und schön und wert.“ Und beim Spazierengehen kommt es weniger auf das Ziel an, sondern auf die Fortbewegung selbst. „Ein Mädchen machte mich darauf aufmerksam, dass ich mich auf einem Umweg befände. Ich sagte ihm: Nicht auf der geraden Straße, sondern auf den Umwegen findet man das Leben.“

Wundervoller Spiegel des Lebens“

Etliche Bewunderer hatte Walser, von Franz Kafka über Hermann Hesse bis zu Robert Musil. Christian Morgenstern, der sein Lektor und Förderer war, schrieb im Tagebuch: „Rob. Walser. Dieser Mann wird sein ganzes Leben lang so weiter reden u. er wird immer schön u. schöner u. immer bedeutender u. bedeutender reden, seine Bücher werden ein eigentümlicher u. wundervoller Spiegel des Lebens werden, des Lebens, das er, heute mehr fast eine Pflanze noch als ein Mensch, durchwächst u. durchwachsen wird.“ Und Oskar Loerke bescheinigte dem Autor in der Neuen Rundschau, er habe „das Erzählen an sich, ohne Gegenstand“ erfunden. „Mit Dingen, die niemand sonst des Berichtens für würdig hielte, fesselt, bezaubert, ergreift er.“

Allerdings ist der Einzelgänger Walser mit seinem Eigensinn zuweilen selbst der Extravaganzen aufgeschlossenen Kulturszene zu skurril. Zu dem ihm wohlgesinnten Hugo von Hofmannsthal soll er gesagt haben: „Könnten Sie nicht ein wenig vergessen, berühmt zu sein.“ Und bei einer Feier im Hause Samuel Fischers hat Walser einmal mit großer Hingabe die Schellackplatten des Verlegers zerbrochen. „Ist ein Leben ohne Sonderbarkeiten, ohne sogenannte Verrücktheiten überhaupt ein Leben?“ Nein, wohl nicht.

Literaturhinweise

  • Sämtliche Werke von Robert Walser sind im Suhrkamp Verlag erschienen und lieferbar.
  • Robert Walser: Der Spaziergang. Ausgewählte Geschichten. Mit einem Nachwort von Urs Widmer. Diogenes Verlag. Zürich 1973.
  • Bernhard Echte (Hrsg.): Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2008.
  • Robert Mächler: Robert Walser. Biographie. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main 2003.
  • Carl Seelig: Wanderungen mit Robert Walser. Hrsg. von Lukas Gloor, Reto Sorg und Peter Utz. Suhrkamp Verlag. Berlin 2021.

Seine Idee vom Da- und Dichtersein verträgt sich nicht ganz mit den konventionellen Vorstellungen. Ab 1909 zieht sich Walser zurück, sein Misstrauen gegen die „dumme Erfolgsfabrik“ und die geschwätzige Moderne wird immer größer, und es findet einer der rätselhaftesten Abschiede der Literaturgeschichte statt. Er kehrt heim in die Schweiz. Zwar beliefert er weiter regelmäßig Zeitungen mit seinen Feuilletons – „Prosastücklifabrik“ nennt er das –, aber die Existenz als freier Schriftsteller ist bedroht. Walser trinkt, macht Frauen zwielichtige Avancen, mit 50 gerät er in eine psychische Krise, die zu seiner Einweisung in eine Klinik führt. Er befürchtet von Anfang an, dass er diese nicht mehr verlassen werde – und er sollte recht behalten. Die Klinik wird zu einem Ort, der dem Unentwirrbaren und der Fragwürdigkeit des Schriftstellerlebens eine Struktur entgegensetzt. Walser scheint sich danach zu sehnen; er passt sich den Routinen des Klinikalltags geradezu eilfertig an. Man notiert, Walser höre Stimmen, es wird Schizophrenie diagnostiziert. Zu Anfang schreibt er weiter seine sogenannten Mikrogramme: winzige, fast unleserliche Bleistiftnotizen in Sütterlin, die Werner Morlang und Bernhard Echte in über 20-jähriger Arbeit entziffert und in sechs Bänden herausgegeben haben. Der Roman „Der Räuber“ ist Teil dieser Bleistiftlandschaft. Irgendwann versiegt auch die Freude am Schreiben, und Walser lebt 23 Jahre lang fast sprachlos vor sich hin. „Ich bin überzeugt, dass Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen“, hat er einmal, fast prophetisch auf sich selbst gemünzt, geschrieben. „In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium.“

Bei zu seinem Tod 1956 ist er ein fast ungelesener Autor; das ändert sich so richtig erst wieder in den 60er Jahren, als der Suhrkamp Verlag das Werk Walsers vollständig herausbringt und prominente Autoren zu Fürsprechern des Schweizers werden. Heute gilt er als Klassiker, dessen Literatur und Leben noch immer Rätsel aufgeben. „Ich mache meinen Gang / Der führt ein Stückchen weit / und heim: ohne Klang / und Wort bin ich beiseit“, steht auf einer Gedenktafel auf dem Herisauer Friedhof – ein Gedicht Walsers, das 1899 in der Wiener Rundschau erschienen war, seine erste namentliche Publikation. Langsam und leise hat sich der Beiseiteseher Walser aus der Welt entfernt – fast hat es den Anschein, als habe er sich seinen Tod im Schnee bewusst gewählt. (Ulrich Rüdenauer)

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