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„Roads Not Taken“ im Deutschen Historischen Museum: Was wäre wenn

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Von: Harry Nutt

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Ein „Rosinenbomber“ im Anflug auf Tempelhof, fotografiert von Henry Ries am 17. Oktober 1948. Foto: DHM
Ein „Rosinenbomber“ im Anflug auf Tempelhof, fotografiert von Henry Ries am 17. Oktober 1948. Foto: DHM © DHM

Geschichte, die nicht stattgefunden hat: Das Deutsche Historische Museum untersucht historische Kipppunktsituationen

In seinem 1995 erschienenen düster-poetischen Roman „Morbus Kitahara“ beschreibt der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr am Beispiel des alpinen Kurortes Moor den Alltag eines besiegten Landes kurz nach einem verheerenden Krieg. Der idyllische Flecken wird nacheinander von vier Besatzungsmächten beherrscht, ehe schließlich amerikanische Soldaten das Kommando übernehmen und beschließen, die vorangegangenen Kriegsverbrechen mit einer weitreichenden Deindustrialisierung zu bestrafen.

Christoph Ransmayr holt mit sprachlichem Feingespür den sogenannten Morgenthau-Plan zurück ins Bewusstsein, der das, was wenig später als Wirtschaftswunder bezeichnet wurde, kategorisch ausgeschlossen hatte. Über die erzählerische Umkehrung der ökonomischen Vorzeichen hinaus befasst sich der Roman auch mit einer inzwischen immer skurrilere Ausmaße annehmenden Ritualisierung von Erinnerungspolitik. So werden im nahen Granitbruch des Ortes etwa von Fotografien nachempfundene Lagerszenen als Sühnemaßnahme nachgespielt.

Gegen die Zwangsläufigkeit

„Roads Not Taken“ heißt eine von dem Historiker Dan Diner konzipierte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM), die die Assoziation zu Ransmayrs Dystopie hervorruft, ihr aber sogleich widerspricht. In 14 Bildern werden historische Kipppunkte aufgerufen, Zäsuren der Geschichte zwischen 1848 und 1989, in denen entlang eines absichtsvoll umgekehrten Zeitstrahls und gegen eine mutmaßliche Zwangsläufigkeit der Ereignisgeschichte nach anderen Abzweigungen gefragt wird. Im Gegensatz zur romanhaften Ausformulierung besteht die Ausstellung darauf, sich gerade nicht dem Spekulativen zu überlassen, sondern nach Konkretionen des nicht Stattgefundenen zu suchen.

Das erschütterndste, hierzulande weitgehend verdrängte Beispiel ist der Abwurf einer Atombombe im Jahre 1945 über Deutschland. Was seither mit dem mahnenden Geschichtszeichen Hiroshima verknüpft ist, war ursprünglich gegen das nationalsozialistische Regime geplant. Das Ende des Kriegs im Mai machte einen Abwurf überflüssig, die gescheiterte Sprengung der strategisch wichtigen Rheinbrücke bei Remagen durch die deutsche Heeresleitung hätte den Krieg mutmaßlich um Wochen oder Monate verlängert. Die später so zitierte German Angst hat ihre Quelle nicht zuletzt in der unterbliebenen Katstrophe.

Ziel der Ausstellung, so Dan Diner, sei die Wiedergewinnung von Kontingenz, und so schwingt hier ganz absichtsvoll das Pendel zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Zwar gehe es, ergänzt DHM-Chef Raphael Gross, um eine permanente Herausforderung der Fantasie, zugleich sei es bei der vom Berliner Szenografie-Büro Chezweitz gestalteten Schau darum gegangen, den Versuchungen des Abschweifens zu widerstehen.

Gegen die Gefahr indes, illustrierte Thesen zu besichtigen, werden zahlreiche Objekte aus der Sammlung des DHM aufgeboten, die als materialisierte Vorstellungen historischer Alternativen dienen. Eindrucksvoll wird dies am Beispiel eines bereits geprägten Reichstalers von 1848 deutlich, der dann aufgrund der gescheiterten Revolution doch nicht zur Marktreife gelangte.

Ein signifikantes Datum bildet das Jahr 1972, in dem es als unwahrscheinlich galt, dass Bundeskanzler Willy Brandt das gegen ihn anberaumte Misstrauensvotum politisch übersteht. Völlig konsterniert sieht man den CDU-Abgeordneten Rainer Barzel im Moment der Auszählung im Bundestag, der ihm die sicher geglaubte Kanzlerschaft verweigerte. Es wäre das Ende der Brandt’schen Ost- und Entspannungspolitik gewesen, der sozial-liberalen Ära, und der bis heute als charismatisch beschriebenen Erscheinung Brandts wären nur kurze Laufzeiten vergönnt geblieben.

„Roads Not Taken“, so Dan Diner, sei bereits vollständig konzipiert gewesen, als am 24. Februar 2022 der russische Krieg gegen die Ukraine begann. Womöglich hätte das Wissen um diesen Krieg die Ausstellung nicht einmal verändert. Nun aber nimmt man ihn als Folie wahr, auf der sich das Spannungsfeld zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit von Geschichte entfaltet. Die Zeitenwende der Gegenwart, so Dan Diner, erzeuge so etwas wie einen Zeitsog in eine längst für überwunden erachtete Vergangenheit. Es gehe dabei nicht um Wiederholung, aber doch um die Rückkehr von Deutungszusammenhängen aus dem 19. Jahrhundert, die in Militärgeografie und Ethnopolitik wurzeln.

Deutsches Historisches Museum , Berlin: bis 24. November 2024. www.dhm.de

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