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Andre Wolf. Foto: Lukas Beck
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Andre Wolf.

Interview

Andre Wolf von „Mimikama“: „Rechtsextreme Fake News sind menschenfeindlicher“

  • Sophie Vorgrimler
    VonSophie Vorgrimler
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Internetexperte Andre Wolf über die Spielformen von Falschmeldungen im Internet, Medienkompetenz und den aktuellen Wahlkampf.

Herr Wolf, Sie entlarven für den Verein „Mimikama“ Fake News – und in der Ankündigung zu Ihrem Buch „Angriff auf die Demokratie. Wie Rechtsextremisten soziale Medien unterwandern“ heißt es: „Fake News verbreiten sich nicht nur auf Social Media rasant, sie gelangen auch immer öfter in seriöse Medien“. Auch die Redaktion der Frankfurter Rundschau ist nicht frei von Fehlern – ist Ihnen bei Ihrer Recherche ein grober Schnitzer in der FR begegnet?

Natürlich sind auch seriöse Medien nicht frei von im Rahmen gehaltenen tendenziösen Darstellungen und Narrativen, das heißt hinter jedem Bericht steht immer die Frage: Was soll erreicht werden? Das verhält sich je nach Ausrichtung anders. Auch seriöse Medien wie die Frankfurter Rundschau verarbeiten Informationen – zum Beispiel die des Wahlkampfs – unterschiedlich und vertreten dazu unterschiedliche Meinungen. Leserinnen und Leser lernen, die spezifische tendenziöse Berichterstattung zu erkennen und einzuordnen. Wichtig ist, dass Meinungen als solche gekennzeichnet sind und eine seriöse Fehlerkultur herrscht, Zeitungsenten also berichtigt werden. Fakten gezielt überspitzt einzusetzen, das haben seriöse Medien nicht nötig. Und Fehler sind keine Fake News.

Sondern?

Die Definition für mein Buch habe ich von der Stiftung „Neue Verantwortung“ übernommen. Fake News sind bewusst falsche Inhalte: bewusste Manipulation, bewusste Missinterpretation, bewusst falsche Kontextualisierung und bewusst erfundene Geschichten.

Mit dem Verein „Mimikama“ haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, Fake News aufzudecken. Es gibt einen Faktenchecker. Warum ist das nötig?

Angefangen hat das 2011 mit einer Abofalle. Damals waren die Behörden noch weit entfernt, sich damit zu beschäftigen. Dann kamen viele rechtsextreme Narrative: Falschberichte zu Flüchtlingen, ausgetauschte Bilder als Pseudobeweise dafür, dass Deutsche ihre Traditionen verlieren, im Land ersetzt werden. Bilder von Müllbergen in Ungarn, an denen die Geflüchteten gar nicht waren, so etwas.

Oft werden echte Geschichten als Anhaltspunkte genommen und verdreht. Manchmal gehören die Narrative zu einem ganzen Kosmos einer Verschwörungserzählung – zu Corona und Masken oder Eliten, die Kinder entführen oder den Überschwemmungen und dem Wahlkampf.

Andre Wolf: Angriff auf die Demokratie. Wie Rechtsextremisten die sozialen Medien unterwandern.

Ihr Buch titelt mit Rechtsextremen, die auf diese Weise die Demokratie untergraben. Zunächst aber weiter in der Selbstkritik: Ich halte mich in der linken Bubble auf und stelle auf Social Media im Wahlkampf aktuell schmerzlich oft fest, dass auch dort Zitate aus dem Kontext genommen und Argumente extrem überspitzt dargestellt sind. Ist das auch Ihr Eindruck?

Ja, das ärgert mich auch zutiefst, wenn in der gesellschaftlichen Mitte oder dann auch linken Bubbles eine ähnliche Kommunikation verwendet wird. Das löst bei mir Fremdscham aus und ich denke: Das haben sie doch gar nicht nötig.

Der Unterschied ist aber, dass rechtsextreme Fake News menschenfeindlichere Inhalte haben und demokratiegefährdende Ansätze verfolgen. Linke Social Media Beiträge richten sich eher gegen Systeme und Politiker. Oder sie arbeiten mit sogenannten False-Flag-Aktionen, also Täuschungsmanövern. Eine Privatperson beispielsweise versendete ein Bild mit zum Beispiel rassistischem Inhalt. Sie verfolgte das Ziel, dass viele Menschen diesen Inhalt, der wohlgemerkt ein Fake war, vielfach teilen. Sie ersetzte das Bild später durch einen entlarvenden Schriftzug, der lautete: Ich bin ein Nazi. Diesen Schriftzug hatten dann alle auf ihrem Profil, die zuvor den rassistischen Inhalt geteilt haben.

Zur Person

Andre Wolf ist Sprecher und Fakten-Checker bei „Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch“ und „ZDDK – Zuerst denken – dann Klicken“. Nach einem Theologiestudium ist sein Fachgebiet die Analyse von Internetinhalten, speziell von Social Media. Er ist Autor des Buchs „Angriff auf die Demokratie – Wie Rechtsextremisten die sozialen Medien unterwandern“.

Wenn Sie Fake News prüfen, wie gehen Sie vor?

Die Schwierigkeit liegt in der Geschwindigkeit. Wir müssen sehr schnell sein. Die Welle dauert meistens zwischen 24 und 36 Stunden – dann hat sich die Meldung festgesetzt. Wenn wir eine Tatsache finden, die skurril klingt, sprechen wir mit Experten oder suchen Menschen, die dort gewesen sind.

Welche Fake News begegnen Ihnen häufig?

Formal sind das einfache Bildmanipulationen oder Hybridfälschungen, bei denen ein Teil wahr, aber beispielsweise der Ort falsch ist. Schwieriger ist es, wenn es inhaltliche Falschmeldungen sind.

Wollen Medien und Privatpersonen online einen Impact, also einen Einfluss haben, müssen Inhalte überspitzt auf den Punkt gebracht werden. Werden Narrative, also Erzählmuster, bewusst überspitzt und über Framing manipuliert, also Ereignisse bewusst in einen anderen Kontext eingebettet, ist es nicht leicht, das als Falschmeldung wahrzunehmen.

Wie können Internet-Nutzerinnen und -Nutzer Fake News als solche erkennen?

Dazu braucht es Medienkompetenz: Das Wissen, wie die Plattformen funktionieren, welche Kommunikationsstrategien es gibt. In Schulklassen halte ich dazu Vorträge, aber Erwachsene kann man schwer für eine Schulung begeistern. Da funktioniert die Aufklärung nur in Kombination mit Humor und abstrusen und unterhaltsamen Beispielen.

Auf der Mimikama-Webseite habe ich ein Beispiel gefunden, bei dem Greta Thunberg vermeintlich ein Selfie beim Tanken von sich schießt. Das wirkt erstmal relativ harmlos, warum ist es das nicht?

Das ist das alte Bild, dass Klimaschützer auch nicht besser sind. Es heißt dann, die Schulschwänzer werden mit den SUVs vor die Türe gebracht – es soll so aussehen, als ob die Demonstrierenden unglaubwürdig sind. Das hat einen Einfluss auf die Demokratie, weil die jungen Menschen so das Interesse verlieren, ihre Meinung zu vertreten.

Auf der ersten Seite Ihres Buches steht: Demokratie muss wehrhaft sein. Hängt das zusammen?

Ja, die Gesellschaft muss dafür kämpfen, den demokratischen Prozess aufrecht zu erhalten, das ist unser Grundwerkzeug, um politisch agieren und argumentieren zu können. Die Demokratie muss gefestigt sein. Da geht es nicht um links oder rechts, es geht um den politischen Willensbildungsprozess, der gefestigt werden sollte.

Tun sich Internet und Demokratie nicht gut?

Jede Person bei Social Media ist ein ProdUser, kann also Produzent und Nutzer zugleich sein. Das enthält einerseits ein demokratisches Element: Jeder kann seine Meinung und Position kundtun. Das birgt aber anderseits die Gefahr von Falschmeldungen.

Welche Beobachtungen machen Sie im aktuellen Wahlkampf?

Bei der Wahl werden aktuell unterschwellig so viele Falschinformationen gestreut wie noch nie. Insgesamt ist der Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 sehr geprägt vom Bashing der anderen Parteien, statt von guten Argumenten der eigenen.

Welche Fake News kursieren im Wahlkampf aktuell?

Bei den Grünen gibt es beispielsweise ein Bild von einem Fußballspiel und die Behauptung, die Grünen wollen das Fahnenschwenken verbieten, was absurd ist. Oder dass ihre Haltung zu Massentierhaltung bedeute, das Grillen soll verboten werden. Und die Behauptung, wer sie wählt, wählt den wirtschaftlichen Abgrund. Genauso tendenziös und manipulativ heißt es bei Schwarz oder Gelb, sie verfolgen nur ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen und wollen sich nur selbst bereichern. Extreme Parteien wie die AfD sprechen bei den Parteien in der Mitte von Altparteien.

Das führt zu einer Verhärtung der Fronten. Die eine Gruppe denkt dann: Jetzt erst recht. Dabei sind alle ein Teil einer demokratischen Gesellschaft. Dieses Verständnis sollte mit Inhalten gemeinsam vorangetrieben werden, statt sich durch bewusstes Überziehen gegenseitig schlecht zu reden. (Interview: Sophie Vorgrimler)

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